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Full text of "Schwarze Faden - Zeitschrift Nummer 0-77"

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NR.77 24. Jahrgang 


Vietieljahresschrift 


mit Beiträgen von 

Jörg Auberg 
Uri Ävnery 
Noam Chomsky 
Eduarde Galeano 
Helmut Häasis 
Tom Kucharz u.a. 


Themen sind u.a. 

Flüchtlingspolitik ® „Krieg gegen den Terror" ® Ossietzky-Preis für Noam Chomsky 














5 j 

•' /''.Ja 


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Versctaiündeii im GeÖächtnisIoch 

f " *s£Li •«: « ?■ 4 

A Preis.y§|eihupg an Noam Chomsky 


Noam Chomsky: Hat Bush gel< 
Ein interview über die Persp||J 


Jane Franklin: Durch den Spiegel in Cuantanamo 

Wo liegt Guantanamo? In Cuba, in den USA oder nirgendwo? 


Eduarde Caleano: Schlechte Angewohnheit 
Brasilien verlangte Visa von einreisenden U! 


r und weitere Abscheulichkeiten 


Uri Ävnery: DStGolelm wendefcstefi gegen sein ScMpfer 
Sharonrund die Orthodoxen , - - 




Tom Kucharz: Spanien - Globalisierung und Migrationsregime 
Europäische Flüchtlingspolitik auf der iberisch@i%Halbinsel 


Kurzes 




Titelphoto: Christian 


2 / 200 - 














Michael Albert: Interview zu Parecon 
M. Alberts Vorstellung seiner Ökonomie vo 


Jörg Ariberg: Deja vu in Permanenz 

Dwight MacDonalds Reisen durch die Landschaftei 


Hellmut C. Haasis: Georg Elser 

Die Verwurstung des fähigsten Hitlergegners 


Wolfgang Haug: Erich Mühsam - 70 Jahre danacl 


Erich Mühsam: Die Freiheit als gesellschaftliches Prinzip» 


Mittwochsgruppe: „Schlagt überall an die Freiheitsglocken! 
David Edelstadt, ein Pionier der jiddischen Arbeiterdichtung 


Rezensioi 


tzdem Verlagsgenossenschaft 





















„Es ist unvorstellbar uns die Geschichte anders¬ 
herum vorzustellen. Zum Beispiel, was wäre 
passiert, wenn der Irak die Vereinigten Staaten 
überfällt, mit der Begründung, dass die USA 
Massenvernichtungswaffen hat? Oder wenn die 
Botschaft Venezuelas in Washington einen 
Coup gegen George W. Bush angetrieben und 
gefeiert hätte, einen solchen wie jenen, welche 
die US Botschaft in Caracas gegen Hugo Cha- 
vez veranstaltet hat? Oder wenn die Regierung 
Kubas 637 Mordanschläge gegen US Präsiden¬ 
ten organisiert hätte, als Antwort auf die 637 
Mal, welche die USA versucht haben Fidel Cas¬ 
tro zu ermorden?" Mit diesem kleinen Rollen¬ 
tausch verdeutlicht Eduardo Galeano in seinen 
Artikel Schlechte Angewohnheiten, die Absur¬ 
dität in globaler Großmachtspolitik ethische 
Werte oder gar einen Kampf der Kulturen hin¬ 
einzuinterpretieren. Zumal die Werte, für die 
die „Koalition der Willigen" angeblich in den 
Krieg zogen, zu Staub zerfallen, sich nicht mehr 
in der irakischen Wüste auffinden lassen. Be¬ 
ginnend mit den Massenvernichtungswaffen, 
weitergehend mit der Installierung einer demo¬ 
kratischen Regierung, bis zu der Abschaffung 
eines Regimes, in der die Folter von Gefange¬ 
nen gängiges Prinzip war. Nichts. Gar nichts 
mehr ist vorhanden. Lediglich der Mammon, 
sprudelnd aus den schwarzen Quellen, bleibt 
als Kriegsgrund. Es ist wirklich keine neue welt¬ 


politische Einsicht, wie mensch in älteren 
Schriften von Noam Chomsky nachlesen kann, 
der im Mai diesen Jahres mit dem Carl-von-Os- 
sietzky-Preis ausgezeichnet wurde. Seit Jahr¬ 
zehnten analysiert er die us-amerikanische 
Außenpolitik kritisch und sehr faktenreich, was 
auch eine spätere Lektüre empfehlenswert 
macht. Dass es die amerikanischen Regierun¬ 
gen in der Außenpolitik mit den „demokrati¬ 
schen Grundwerten" nicht ganz ernst nehmen, 
ist eine „Kontinuität in der Außenpolitik". Die 
Artikel von Jane Franklin (Durch den Spiegel in 
Guantanamo) und Gregory Palast (Maulkorb 
für Michael Moore) beleuchten zwei Aspekte 
dieser eigentümlichen Interpretation von de¬ 
mokratischen Grundwerten, die des Rechtsstaa¬ 
tes, anhand von Guantanamo, und der Mei¬ 
nungsfreiheit, anhand der Schwierigkeiten von 
Michael Moore einen us-amerikanischen Ver¬ 
trieb für seinen neuen Film zu finden. Und was 
ist mit „old europe“? Der Artikel von Tom Kuch- 
arzgibt Antwort. 

Bleibt noch der Ausblick auf die nächste 
Ausgabe. Sie wird sich im Schwerpunkt mit der 
gegenwärtigen Tendenz zur Kontrollgesell- 
schaft auseinandersetzen. 


P ' ' — sm nr 



Unterstützungsmöglichkeiten 
unseres Neuanfangs: 

Erst einmal danke für die Unterstüzung des 
Schwarzen Fadens, vor allem was den Vertrieb 
der Zeitschrift betrifft, aber natürlich freuen wir 
uns nach wie vor über Angebote zu Mitarbeit. 
Finanzen: Damit der Schwarze Faden weiterhin 
gesichert erscheinen kann, suchen wir Unter¬ 
stützerinnen. Es gibt aus der Vergangenheit 
Menschen, die dem Faden monatlich 10.- r 15.- 
oder 20.- Euro zukommen ließen und hoffen, 
dass sie zahlreicher werden. Wir bedanken uns 
für dieses Vertrauen. 

Mitarbeit: Ob es nun Hilfe für das Layout, 
das dezentral unterstützt werden kann, für ein¬ 
zelne Bürotätigkeiten, die ausgelagert werden 
können, in Form von Artikeln, Interviews vor 
Ort, Fotos oder beim Wiederverkauf der Hefte 
zu 30% Rabatt sind nach wie vor gerne ge¬ 
sehen . 

Wir freuen uns, dass wir für einzelne Tätigkei¬ 
ten bereits Unterstützung erhalten haben, so 
werden Mahnungen und eventuelle e-mail- 
Rundbriefe in Zukunft aus der Schweiz versandt 
werden, der Vertrieb der Zeitschriften wird von 
Hamburg aus erfolgen. Dieses Konzept, die 
Tätigkeiten um den SF und für den SF weiter zu 
dezentralisieren und auf viele Schultern zu ver¬ 
teilen, scheint uns der richtige Weg, um die 
Überlastung einzelner Mitarbeiter, wie sie sich 


in der Vergangenheit nur allzu häufig einsch¬ 
lich, zu vermeiden und das Erscheinen des SF 
sicherer zu machen. Der Schwarze Faden er¬ 
scheint als eigenständiges Projekt, er fühlt sich 
aber nach wie vor mit der Trotzdem-Verlagsge- 
nossenschaft eC eng verbunden. 

Im Internet findet mensch den SF und den 
Trotzdem-Verlag weiterhin unter folgenden Sei¬ 
ten: www.schwarzerfaden.de e-mail an 
trotzdemusf@t-online.de 





„Das Verschw 

von Wolfgang Haug 


N ach Uri Avnery vor zwei Jahren fei¬ 
erte die Stadt Oldenburg mit Noam 
Chomsky erneut einen würdigen 
Preisträger. Dem Chomsky-Übersetzer, 
Mumia-Aktivisten, GWR- und SF-Überset- 
zer und Autor Michael Schiffmann blieb 
die ehrenvolle Aufgabe, Chomsky in einer 
Laudatio vorzustellen. Seinen Schwer¬ 
punkt legte er dabei ganz deutlich auf 
Chomskys anarchistisches Anliegen, dass 
jede und jeder aktiv werden, sich einmi- 
schen und an seine/ihre Wirkungsmög¬ 
lichkeit glauben soll. Schiffmann unter¬ 
schied sich dabei wohltuend von Rednern 
wie dem Oldenburger Bürgermeister 
Schulz oder diversen Professoren, die es 
nicht lassen konnten, etwas von der 
„Berühmtheit" ihres Casts auf sich selbst 
überleiten zu wollen. 

Schiffmann reichte im Zweifelsfall 
Chomsky in Originalzitaten seine Stimme: 
„Es ist meines Erachtens vollkommen rich¬ 
tig, in jedem Aspekt des Lebens die jeweili¬ 
gen autoritären, hierarchischen und herr¬ 
schaftsbestimmten Strukturen ausfindig 
zu machen und klar zu umreißen, und 
dann zu fragen, ob sie notwendig sind; 
wenn es keine spezielle Rechtfertigung für 
sie gibt, sind sie illegitim und sollten be¬ 
seitigt werden, um den Spielraum der 
menschlichen Freiheit zu erweitern. ... Na¬ 
türlich werden damit mächtige Institutio¬ 
nen, die Zwang und Kontrolle ausüben, in 
Frage gestellt: der Staat, die keiner Re¬ 
chenschaftspflicht unterliegenden priva¬ 
ten Tyranneien, die den größten Teil der 
einheimischen und internationalen Wirt¬ 
schaft kontrollieren und andere, ähnliche 
Institutionen 

Noam Chomsky selbst wies in seiner 
Rede darauf hin, dass an den Heraus¬ 
geber und Autor der Weltbühne Carl von 
Ossietzky zu Recht erinnert wird und 
schlug den Bogen zu dem ermordeten Erz¬ 
bischof Romero aus San Salvador, von 
dem er ein Bild in seinem Bostoner Büro 
aufgehängt habe. Anhand dieses Bildes, 
das Romero zusammen mit mehreren von 
den US-unterstützten salvadorianischen 
Militärs ermordeten jesuitischen Theolo¬ 
gen zeigt, kommt er auch sofort zu seinem 
Hauptanliegen: die Besucherinnen aus 
Lateinamerika erkennen sofort, worum es 
sich handelt, die aus den USA fast nie 
und die aus Europa nur zu ca. zehn Pro¬ 
zent. Mit dieser einfachen Beobachtung 
drückt Chomsky sein Hauptanliegen aus 
und seinen Antrieb sich beständig poli¬ 
tisch einzumischen: Fakten und Tatsachen 
vor dem Verschwinden im Gedächtnisioch 
zu bewahren. Seine Wirkung beruht dann 
auch zweifellos auf einem immensen Fak¬ 
tenwissen und der Fähigkeit, Zusammen¬ 


hänge über Jahrzehnte hinweg deutlich 
machen zu können. 

Noam Chomsky, der kurz vor seinem 
Deutschland-Aufenthalt 75 Jahre alt wur¬ 
de, nahm auch bei seiner Preisverleih¬ 
ungsrede kein Blatt vor den Mund. Er 
warnte - vielleicht hinsichtlich des The¬ 
mas etwas überraschend - vor dem erneu¬ 
ten Wettrüsten im Weltall und wartete 
mit Zahlen auf, die mehr als nachdenklich 
stimmen: 

Zwischen 1977 und 1994 gab es 
21.000 Fehlwarnungen über vermeint¬ 
liche Nuklearangriffe; davon wurden 5% 
als ernsthaft eingestuft und in letzter 
Minute von Menschen gestoppt, bevor 
die Computer den eingespeicherten Ge¬ 
genschlag auslösen konnten. Für eine 
menschliche Beurteilung bleiben 3 Minu¬ 
ten Zeit. Wird der Fall als ernsthaft einge¬ 
stuft, bleiben dem US-Präsidenten noch 
weitere 30 Sekunden, um etwas zu stop¬ 
pen. In dieser Welt leben wir nach wie vor 
und im Zeitalter der immer besser und 
echter werdenden Computersimulationen 
gibt es wahrlich keinen Grund, sich in Si¬ 
cherheit zu wiegen - zumal Bill Clintons 
Option auf einen Erstschlag inzwischen 
auch von Putin für den Fall übernommen 
wurde, dass Russland der Zugang zu Re¬ 
gionen verwehrt wird, die es als lebens¬ 
wichtig einstuft. Die Hochrüstung der 
USA unter Bush hat inzwischen dazu ge¬ 
führt, dass Russland, um mitzuhalten, sei¬ 
ne (insgesamt sehr viel niedrigeren) Mi¬ 
litärausgaben verdreifacht hat! Die Ab¬ 
sicht der US-Regierung, noch in diesem 
Sommer mit der Stationierung ihres Welt- 
raum-Sateiliten-Systems zu beginnen, wird 
dazu beitragen, entsprechende Anstreng¬ 
ungen Russlands auszulösen. Bereits heute 
hat Russland darin nachgezogen, Nukle¬ 
arwaffen mit niedrigerem Wirkungskreis 
zu entwickeln, um wie die Amerikaner 
Bunkeranlagen effizient angreifen zu kön¬ 
nen. 

Um diese spezielle Bedrohung deutli¬ 
cher zu machen, berichtete Chomsky von 
einer Tagung zur Kubakrise (vom 22. bis 
27.10.1962). Der damalige Außenminis¬ 
ter Schlesinger erzählte auf dieser Ta¬ 
gung, dass der Ausbruch eines Atom¬ 
kriegs noch näher bevorstand als bislang 
angenommen. Nicht allein das Einlenken 
Chruschtschows, die Mittelstreckenrake¬ 
ten nicht auf Kuba zu stationieren und im 
Gegenzug - und viel später! - der Abzug 
amerikanischer Mittelstreckenraketen aus 
der Türkei verhinderten den Atomkrieg. Es 
spielte sich noch dramatischer ab: Die 
sowjetischen U-Boote vor Kuba waren 
ebenfalls mit Nuklearraketen bestückt 
und hatten den Befehl, falls sie angegrif¬ 


fen würden, diese Raketen auf die USA 
abzufeuern. Als ein amerikanischer Kreu¬ 
zer eines der U-Boote angriff, bestand 
diese Befehlssituation und nur die Wei¬ 
gerung eines einzigen kommandierenden 
russischen Admirals verhinderte den nukle¬ 
aren Schlag, der die Nordhalbkugel der 
Erde verheert hätte. 

Noam Chomskys zwei Tage in Olden¬ 
burg, das bedeutete konkret: Pressekon¬ 
ferenz vor der Preisverleihung, anschlies¬ 
sende Preisverleihung und Rede im klei¬ 
neren Kreis im Kulturzentrum (einem 
ehemaligen Krankenhaus) der Stadt, da¬ 
nach ein abgeschirmtes Essen mit den 
Honoratioren der Stadt, denen Köhlers 
Wahl wichtiger war als ihr Gast; am 
nächsten Vormittag Vortrag und Diskus¬ 
sion mit den Schülern der Cäcilien-Schule 
in Oldenburg, nachmittags TV-und Pres¬ 
seinterview-Termine 2 und abends eine Po¬ 
diumsdiskussion im Audimax der Olden¬ 
burger Universität mit dem FAZ-Redak- 
teur Michael Jeismann. 

In der Schule berührt Chomsky einen 
ganz anderen Schwerpunkt, er spricht - 
ganz aktuell für Deutschland - vom Ab¬ 
bau des sozialen Wohlfahrtsstaats, und 
betont das Wort „Sklaverei" im heutzuta¬ 
ge unmodernen Begriff „Lohnsklaverei". 
Für Chomsky ein Begriff, den die Arbeiter¬ 
bewegung jahrzehntelang benutzt hat 
und den er noch immer für treffend hält, 
erst recht im Zeitalter der „Flexibilisie¬ 
rung". Arbeitsmarktflexibilität als das Ei 
Dorado für die Wirtschaft bedeutet in ers¬ 
ter Linie, dass eszu keinen Lohnerhöhungs- 



[6] SF 2/2004 







inden im Gedächtnisloch" 



Nicht der Linguist - der Anarchist 
Noam Chomsky erhielt am 23. Mai 
den Carl-von-Ossietzky-Preis der 
Stadt Oldenburg 



forderungen seitens der Arbeitnehmerin¬ 
nen kommt. Die ökonomische Theorie, die 
dem zugrunde liegt, ist bestechend ein¬ 
fach: „You have to keep the rieh people 
happy and to keep everybody eise insecu- 
re." - Es kommt darauf an, die Reichen 
bei Laune, und alle anderen in Unsicher¬ 
heit zu halten. Beim der wiederholten Er¬ 
wähnung des Stichworts „insecure" verließ 
der SPD-Oberbürgermeister das Podium 
und ward in der Schule nicht mehr gese¬ 
hen. 

So verpasste er ganz interessante Zah¬ 
len wie etwa, dass 1945 noch 40% der 
amerikanischen Steuern von Unterneh¬ 
men bezahlt wurden, heute nur noch 7 %, 
was im Klartext heißt, dass die Steuern 
auf die ärmeren Bevölkerungskreise um¬ 
verteilt wurden und dass im noch kurzen 
Zeitalter der „Globalisierung" („keep them 
insecure") die Einkommen von 90% der 
arbeitenden Bevölkerung zurückgingen. 

Auf die gestellten Fragen antwortete 
Chomsky jeweils sehr ausführlich, häufig 
wiederum in kleinen Vorträgen, sicherlich 
um nicht „verkürzt" interpretiert zu wer¬ 
den. Er streifte die'US-Bürgerrechtsbewe- 
gung, die Propagandaformen heutzutage, 
die Privatisierung der US-Medien (rechts¬ 
gerichtete Kreise haben die meisten Ra¬ 
dio-Stationen der USA aufgekauft: „to 
shut people up"), die Folter im Irak (und 
anderswo) oder die Berufsarmee für die 
heutigen Einsätze: Mit einer Wehrpflichti¬ 
genarmee wäre das alles nicht zu ma¬ 
chen, was heute nach Meinung der Mäch¬ 
tigen getan werden muss. Dies sei die 


entscheidende Lehre aus Vietnam gewe¬ 
sen, damals, hätte die Wehrpflichtigenar¬ 
mee wesentlich zum Scheitern der USA in 
Vietnam beigetragen. Um unterschiedslos 
zuzuschlagen, braucht es mehr den je Be¬ 
rufskiller, keine Söhne und Töchter ganz 
gewöhnlicher Bürger, die auf Zeit Soldat 
sein müssen und davon träumen ein schö¬ 
nes Leben mit Familie zu führen. 

Wie reagierte die deutsche 
Öffentlichkeit auf Chomskys 
dritten Besuch in Deutschland? 

N3, 3SAT und das Deutschlandradio 
brachten informative Beiträge (auch 
wenn nur die Chomsky-Buchtitel aus dem 
Europa-Verlag vorgestellt und die aus 
dem Trotzdem Verlag „vergessen" wur¬ 
den.) 

3SAT hakte bei der New York Times ein, 
die Noam Chomsky als den „bedeutends¬ 
ten lebenden Intellektuellen" bezeichnet, 
aber unzufrieden mit seiner politischen 
Einstellung ist und darin das „Chomsky- 
Problem" sieht. „ Der 1928 geborene Sohn 
jüdischer Einwanderer aus Russland hat 
mit seiner generativen Transformations¬ 
grammatik die Linguistik revolutioniert 
Alle Sprachen basieren laut Chomsky auf 
einer Grundstruktur Der Mensch trägt die 
Fähigkeit, Sätze zu bilden in sich. Diese 
wissenschaftliche Erkenntnis war für die 
Linguistik genauso wichtig wie Einsteins 
Relativitäts-Theorie für die Physik. - Die 
Revolte gegen den Vietnamkrieg ließ ihn 
zum politischen Aktivisten werden. In vie¬ 


len seiner Bücher, Artikel und Vorträge 
geißelt er Amerika und die Rolle der USA 
als machtpolitische Komplizen der trans¬ 
nationalen Konzerne. ... Wie politische 
Macht und ökonomische Ausbeutung glo¬ 
bal vernetzt werden, weist er nach, in der 
Geschichte wie in der Gegenwart " 
Chomsky, so 3SAT, füllt Säle und der 
Abend im Audimax Oldenburg bestätigt 
dies: 800 Sitzplätze waren belegt, weitere 
ca. 400-500 Menschen verfolgten die Ver¬ 
anstaltung via TV in der Vorhalle. Und 
auch hier fordert Chomsky den Blick auf 
die Zusammenhänge: Es sei zu fragen wo¬ 
her ein Ereignis kommt und nicht, wie es 
in der Regel geschieht, ein Ereignis als 
„isoliertes Geschehen ohne Kontext" zu 
vermitteln. Ein deutlicher Seitenhieb auf 
die Terrorberichterstattung nach dem 
11.September, aber nicht nur diese. 3SAT 
fragt, warum er so zornig ist? „Es ist die 
Realität dieser Weit", ist die Antwort. Er 
meint noch, dass er in Osttimor, in Palästi¬ 
na und in den Slums der USA und anders¬ 
wo war und fragt zurück: „Wie kann man 
darüber nicht zornig sein?" * 

Weniger begeistert ist naturgemäß Herr 
Jeismann von der FAZ, zumal es ihm in 
der Podiumsdiskussion nicht gelang, 
Chomsky zu „entlarven". Sein Beitrag be¬ 
ginnt mit einem falschen Datum: Nicht 
am 26. Mai, sondern am 24. Mai fand die 
Podiumsdiskussion statt, in der Chomskys 
Ausführlichkeit gleich beifallsheischend 
denunziert wird: „Er redet wie eine zu lang 
geratene E-Mail." Für die FAZ ist klar, dass 
Chomsky ein System anwendet: „Erst wird 


[7] SF 2/2004 








ein allgemeiner Missstand benannt ; dann 
werden die Vereinigten Staaten als Verur¬ 
sacher dingfest gemacht, durch ein kon¬ 
kretes Beispiel überführt und wegen Heu¬ 
chelei lächerlich gemacht 

Jeismann stellt sich aber nicht die Fra¬ 
ge, warum diese Strategie funktioniert. 
Warum es diese Beispiele alle gibt, wes¬ 
halb der derzeitigen Hegemonialmacht 
die größte Verursacher-Rolle zukommt 
und ob es in der Geschichte nicht Paralle¬ 
len gibt? Er zeigt sich im Gegenteil ver¬ 
wundert. „Er gewinnt die Zuhörer mühelos 
für sich, ohne eigentlich irgendetwas Mit¬ 
reißendes zu haben, ohne geschliffene 
Rhetorik, ohne großen Gesten ." Die Mär 
vom Rattenfänger von Hameln wird be¬ 
schworen, wenn Jeismann am Ende meint: 
„Chomsky scheint etwas in der verschlos¬ 
senen Hand zu halten, was uns endlich 
wieder eine Richtung und eine Gewissheit 
geben könnte, wenn aber die Hand leer 
wäre? Illusionen können auch wirken." 
Noam Chomsky hat also die Faust ge¬ 
schlossen, tut so, als biete er Heilsbot¬ 
schaften, hat aber nichts drin in seiner 
Faust. Wieder stellt sich Jeismann selbst 
ein Bein: Chomsky versteckt nichts, seine 
Hände sind offen und erzählen nur Fak¬ 
ten, Tatsachen und Fakten und Tatsachen. 
Und nur weil diese in die jeweiligen Kon¬ 
texte gerückt werden, vermitteln sie Ein¬ 
sicht in die gesellschaftlichen und weltpo¬ 
litischen Abläufe. Und wir sollen mit die¬ 
sem Faktenwissen und dem Wissen um die 
Zusammenhänge handlungsfähig wer¬ 
den. Das ist die ganze Wahrheit, daran ist 
nichts Geheimnisvolles, nichts Mystisches 
oder Verführerisches. 

Und die taz? Die hat einen Jens Fischer 
nach Oldenburg entsandt und hätte gut 
daran getan, jemand Qualifizierteren zu 
schicken. Fischer entblödet sich nicht - 
trotz circa 1200-1300 Zuhörerinnen und 
der Anwesenheit von Presse, TV und Ra¬ 
dios - festzuhalten: „Links ist einfach da, 
wo man in aller Gelassenheit Recht hat - 
und unter sich bleibt: Die Debatte mit 
Chomsky findet im abgelegenen UNI-Au- 
dimax statt." Welchen größeren öffentli¬ 
chen Saal hätte Jens Fischer denn vorge¬ 
schlagen? Klischees vom linken Ghetto 
werden bemüht, weil man selbst nicht 
mehr links sein will (bzw. es wohl nie war). 
Inhaltlich bringt Fischer nichts rüber, pein¬ 
lich dämlich, dieser Journalismus. 

Ganz anders das Deutschland-Radio, 
nicht übermäßig bekannt für seine links¬ 
radikalen Wurzeln, die die taz immer wie¬ 
der neu entsorgen muss. Es zitiert die Fra¬ 
gen in Oldenburg, was man denn poli¬ 
tisch tun könne und lässt Chomsky 
antworten: 


„Sie hören diese Frage nur in Ländern, in 
denen die Menschen alle Möglichkeiten 
haben, zu tun und zu lassen, was sie wol¬ 
len. Wenn ich z.B. in der Türkei, in Kolum¬ 
bien, in Südasien oder der Westbank spre¬ 
che, fragen die Leute mich nie, was sie tun 
könnten. Sie erzählen mir immer, was sie 
tun. Aber in den USA, in Kanada, in Eng¬ 
land oder anderen Ländern Europas ha¬ 
ben die Menschen das Gefühl, nichts tun 
zu können. Das ist ein sehr eigenartiges 
Phänomen, weil wir über die Möglichkei¬ 
ten verfügen, die ganze Welt zu verän¬ 
dern" 

Wir haben Möglichkeiten, wir können 
uns die Fakten beschaffen, wir könnten 
handeln - oder wir können, damit wir 
nichts tun müssen, ebenfalls die Fakten 
diskutieren, sie anzweifeln, sie als 
Schwarzweiß-Malerei abtun, und wir kön¬ 
nen Chomsky verdächtigen, den Neonazis 
eine Plattform zu bieten, weil er 
grundsätzlich die Meinungsfreiheit vertei- 
, digt hat, ihn durch das In-die-Nähe-der- 
Nazis-rücken ins politische Abseits drän¬ 
gen und uns für seine Fakten immunisie¬ 
ren. Und wenn wir „antideutsch" denken, 
dann ist uns dieser Israel- und USA-Kriti- 
ker eh vollkommen suspekt. Deshalb ret¬ 
tet sich die taz in einem Geburtstagsar¬ 
tikel von Robert Misik am 6. Dezember 
2003 (auch Misik hat Schwierigkeiten mit 
Daten: Chomsky hat nicht am 6., sondern 
am 7. Dezember Geburtstag) wieder in 
den häufig vorgebrachten Vorwurf: „So 
sind die Bilder, die Chomsky malt, auch 
vielen wohlmeinenden Linken ein bisschen 
zu viel Schwarzweiß." 

Abgesehen davon, dass die Grundaus¬ 
sagen der taz bzw. von Robert Misik de¬ 
nen der FAZ und Michael Jeismann recht 
nahe kommen, fehlt ganz einfach die Er¬ 
kenntnis, dass Wahrheit oft „schwarz¬ 
weiß" ist Dass sich die politische Grund¬ 
einstellung, „Macht" zu hinterfragen über 
die Jahre nicht ändern muss, und dass es 
die Verantwortlichkeit der Intellektuellen 
ist, Wahrheiten in einfachen Worten ver¬ 
ständlich rüber zu bringen, anstatt einfa¬ 
che Dinge zu komplizieren und hinter 
großen Worten zu verstecken. 


Anmerkungen 

1 Siehe Noam Chomsky, „Anarchismus, Marxismus und 

Hoffnungen für die Zukunft", in Die Politische 
Ökonomie der Menschenrechte, Trotzdem Verlag 
2000, S. 172. 

2 Siehe dazu Noam Chomsky, „Interview mit ZNet 

Deutschland" (Interviewer; Timo Stollenwerk), 
www.zmag.de 


Hat Bush wegen der Gründe für den i l 
September gelogen („Sie hassen unsere 
Freiheit", etc)? 

Ich glaube hier muss man ein wenig vor¬ 
sichtig sein. ! 

Lügen setzt j eine gewisse Kompetenz 
voraus: zumindest braucht es dazu ein 
Verständnis um den Unterschied zwischen 
wahr und falsch. Wenn ein Dreijähriger 
etwas offenkundig Falsches sagt, darf 
man das wohl nicht als Lüge bezeichnen. 
Gleiches gilt für jene monströsen Enten 
die Reagan entglitten, wenn er der Kon¬ 
trolle durch seine Berater entkam. Der ar¬ 
me Kerl hatte: wahrscheinlich keine Ah¬ 
nung. Ich denke, mit Bush verhält es sich 
ähnlich. Es gibt eine Liste von „Enthül¬ 
lungsbüchern" (Woodward, etc.), die ernst¬ 
genommen werden, aber ehrlich gesagt 
verstehe ich nicht warum. Von den Leuten 
die, die er interviewt, haben einige das 
Zeug zum Lügen, und es macht ganz ein¬ 
fach Sinn anzunehmen, dass sie dies auch 
tun - warum sollten sie ihm die Wahrheit 
sagen. Was die anderen angeht, so ist es 
ziemlich egal was sie ihm sagen. Das Glei¬ 
che gilt auch für diejenigen, die tief in ir¬ 
gendwelchen religiösen Kulten stecken, 
wie etwa die neo-konservativen Intellektu¬ 
ellen in Washington. Es fällt schwer darü¬ 
ber zu urteilen, ob sie fähig sind zu lügen, 
ganz so wie irrt Falle eines Menschen der 
den direkten Draht zu irgendeiner Gott¬ 
heit hat. 

Für jene die versucht haben, ernsthafte 
und ehrliche Kommentatoren zu sein, wa¬ 
ren die Antworten auf die Frage „warum 
sie uns hassen" schon immer mühelos zu 
finden, und das systematische Meiden der 
drängendsten Beweise (was Anthropolo¬ 
gen manchmal ! „rituelle Vermeidung" nen¬ 
nen) ist bestechend. Ich habe hierzu Eini¬ 
ges geschrieben - in „World Orders", zum 
Beispiel, als die Geheimdokumente der 
Öffentlichkeit zugänglich gemacht wur- 


[8] SF 2/2004 








den. Hier die knappen Umrisse. Eisenho- 
wer und sein Stab sorgten sich während 
der 50er Jahre um die „Hasskampagne 
gegen uns in der arabischen Weit, und sie 
begriffen die Ursachen: Die Meinung, 
dass die USA strenge und unterdrückeri¬ 
sche Regierungen unterstützt und Demo¬ 
kratie und Entwicklung blockiert, um so 
die Energiereserven der Region zu kontrol¬ 
lieren. Während der folgenden Jahre blie¬ 
ben diese Gründe bestehen, und neue ka¬ 
men hinzu. Als das Wall Street Journal 
und andere die Meinung wohlhabender 
Muslime (Bankiers, Manager transnatio¬ 
naler Konzerne, Firmenanwälte, etc.) nach 
dem 11. September untersuchten, fanden 
sie diese und andere Gründe: die ent¬ 
schiedene Unterstützung seitens der USA 
für Israels schreckliche Unterdrückung der 
Palästinenser und den Raub ihrer Res¬ 
sourcen, sowie die mörderischen Sanktio¬ 
nen der USA und Großbritanniens, die da¬ 
bei waren, die Zivilgesellschaft des Irak zu 
vernichten. In den Dörfern und auf den 
Straßen waren die Meinungen noch weit¬ 
aus extremer. Da westliche Intellektuelle 
nur ungern unangenehme Wahrheiten 
über sich selbst hören, beglückt man uns 
statt dessen, wie zu erwarten, mit einer 
ganzen Reihe von Phantasiegründen dar¬ 
über „warum sie uns hassen". 

So ist es bis heute, 

Beispiel Irak. Als Ausgangspunkt dient 
westlichen Intellektuellen die unbewiese¬ 
ne Annahme, es ginge den USA darum, 
dem Irak, dem Mittleren Osten und der 
Welt Demokratie zu bringen - was die 
elitäre Presse manchmal Bushs „messiani- 
schen Auftrag" nennt. Kritiker der libera¬ 
len Presse (z.B. die New York Review, Ame¬ 
rican Prospect, etc.) pflichten bei, es sei ei¬ 
ne edle und großmütige Vision, warnen 
aber, dass sie außerhalb unserer Möglich¬ 


keiten liegt, etc. Iraker sehen dies offen¬ 
bar anders. Wenige Tage nachdem der 
Präsident in Washington vergangenen 
November unter stürmischem Applaus sei¬ 
ne edle Vision bekräftigte, erschien eine 
Umfrage in Bagdad, in der die Menschen 
gefragt wurden, warum die USA einmar¬ 
schiert sind. Einige stimmten mit der fast 
einhelligen Meinung der westlichen Elite 
überein: um Demokratie zu bringen: 1 %. 
5% sagten, es ginge darum, den Irakern 
zu helfen. Die meisten anderen gaben die 
offensichtliche Antwort, jene, die mit eini¬ 
ger Hysterie hierzulande als „Verschwö- 
rungstheorie" oder schlimmer abgetan 
wird: es ginge darum, die Ressourcen des 
Irak zu kontrollieren und den Mittleren 
Osten im Sinne der USA und ihres Vasal¬ 
lenstaates Israel neu zu ordnen. 

So verhält es sich außerdem nicht nur 
bei Arabern und Moslems. Viele hochrele¬ 
vante und wichtige Umfragen werden in 
den Medien einfach deshalb unterdrückt, 
weil sie uns zu viel über das verraten, was 
wir besser nicht wissen sollen. Nehmen 
wir als Beispiel die Bombardierung Afgha¬ 
nistans - sie bedurfte zufolge der einhel¬ 
lig geäußerten Meinung in den USA und 
Großbritannien nicht einmal der Diskussi¬ 
on. NurTraumtänzer und absolute Pazifis¬ 
ten konnten dagegen sein, so wurde uns 
von den führenden Moralphilosophen fei¬ 
erlich versichert: vom Herausgeber der 
New York Times und anderen. Um diese 
Haltung aufrechtzuerhalten musste man 
eine internationale Callup-Umfrage un¬ 
terdrücken, die gleich nach der Ankündi¬ 
gung der Bombardierung durchgeführt 
worden war. Darin fand sich nur sehr ge¬ 
ringfügige Unterstützung. In Lateinameri¬ 
ka, jener Region, welche die Macht der 
USA am besten kennt, gab es praktisch 
keine Unterstützung. In Mexiko sprachen 
sich 2 % für den Angriff aus, aber nur so¬ 
fern dabei keine zivilen Ziele getroffen 


würden (was natürlich doch geschah, 
gleich zu Beginn), und auch nur sofern die 
Verantwortlichen für den 11. September 
bekannt wären (acht Monate später gab 
das FBI zu, dass sie noch immer lediglich 
„glaubten" dass der Plan wohlmöglich in 
Afghanistan ausgearbeitet aber anderswo 
durchgeführt wurde). Befürworter, die die¬ 
se Einschränkungen nicht machten, gab 
es praktisch keine, wohin man auch 
schaut. Das durfte aber nicht sein, also 
wird es Totgeschwiegen, bis heute. Glei¬ 
ches gilt für die Frage „warum sie uns has¬ 
sen." 

Und anderswo. Vor ein paar Tagen 
lauschte ich zufällig NPR [öffentl.-rechtl. 
Radio in den USA], wo die üblichen 
schmeichlerischen Stimmen darüber spra¬ 
chen, dass Moqtada al-Sadr eine Randfi¬ 
gur sei, und die Iraker voller Abneigung 
für ihn wären. Mag sein. Andererseits hat¬ 
te ich eben in der seriösen London Finan¬ 
cial Times von einer Umfrage gelesen, die 
als recht glaubwürdig behandelt und 
noch vor den Enthüllungen über Folter¬ 
praxis durchgeführt worden war. Sie kam 
zum Schluss, dass die Angriffe auf Moqta¬ 
da ihn zur zweitbeiiebtesten Person im 
Irak gemacht haben, gleich nach dem 
Ayatollah Ali Sistani. 1/3 der Befragten 
bekundete „Unterstützung" für ihn, ein 
weiteres Drittel sogar „starke Unterstüt¬ 
zung". Als Grund wurde angeführt, er ha¬ 
be sich wenigsten der verhassten Besat¬ 
zung entgegengestellt. Vielleicht ist das 
hier erschienen. Ich habe es nicht gese¬ 
hen. 

Aus den erwähnten Gründen würde ich 
also das, was sie beschreiben, nicht „Lü¬ 
ge" nennen wollen. Diese Gründe betref¬ 
fen einen großen Kreis, nicht nur 3-Jähri¬ 
ge, Kultanhänger und arme Kerle, deren 
Kenntnisse über die Welt so ziemlich auf 
das beschränkt sind, was auf ihren Merk¬ 
zetteln steht. 


19] SF 2/2004 















Alice: Wenn die Bush Regierung die Kon¬ 
trolle über den amerikanischen Marine¬ 
stützpunkt in Guantanamo (Cuba) behal¬ 
ten will , warum argumentiert sie dann vor 
dem höchsten Gericht, damit dass Cuba 
volle Souveränität besitzt? 

Humpty-Dumpty: Was für einfache Fragen 
du stellst Weil, wenn Cuba volle Souver¬ 
änität besitzt, dort das amerikanische Ge¬ 
setz nicht greift und somit die 600 Män¬ 
ner und Jugendlichen, die von der Bush 
Regierung „feindliche Kämpfer" genannt 
werden keinerlei legale Rechte nach ame¬ 
rikanischem Gesetz besitzen. 

Das ist übrigens das Argument, das von 
dem Anwalt der Bush Regierung am 
20. April vor dem obersten Gerichtshof 
vorgebracht wurde. In Wirklichkeit ist 
Cuba in diesem speziellen Gebiet seit das 
Spanische Königreich die Insel, die da¬ 
mals schon Cuba genannt wurde, im 15. 
Jahrhundert eroberte, nicht mehr souve¬ 
rän gewesen. 

1898, vier Jahrhunderte später, erklärte 
der amerikanische Kongress den Krieg ge¬ 
gen Spanien. Während die Vereinigten 
Staaten das den Spanisch-Amerikani¬ 
schen Krieg nennen, nennt es Cuba eine 
amerikanische Intervention in ihren zwei¬ 
ten Unabhängigkeitskrieg. Während in 
Washington behauptet wurde, dass sie in 
den Krieg zogen um Cuba zu befreien, 
führten sie in Wirklichkeit Krieg um die 
spanischen Kolonien - Guam und die Phi¬ 
lippinen im Pazifik und Puerto Rico und 
Cuba im Atlantik - zu erobern. 

Nachdem sie den kubanischen Rebel¬ 
len, die die spanischen Kolonialherren 
beinahe besiegt hatten, den Sieg wegge¬ 
schnappt hatten, hielten die amerikani- 


den Spiegel 
ntanamo 


sehen Truppen die Insel, einschließlich 
dem Hafen in der Bucht von Guantanamo 
vier Jahre lang besetzt Im Tausch gegen 
den Abzug der Truppen stimmte die kuba¬ 
nische, von Washington eingesetzte Re¬ 
gierung, zu den Platt Zusatz, der in den 
USA bereits Gesetz geworden war (verglei¬ 
che das Helms-Burton-Gesetz 1966 ein 
Jahrhundert später) in Cubas neue Verfas¬ 
sung aufzunehmen. Durch die Umwand¬ 
lung der Insel von einer spanischen in ei¬ 
ne neoamerikanische Kolonie führte der 
Platt Zusatz faktisch zur Kontrolle von Cu¬ 
ba durch Washington. 

Zwischen den Plünderungen, die der 
Platt Zusatz legalisierte war auch die Er¬ 
laubnis die 45 Quadratmeilen Zone auf 
beiden Seiten der Bucht von Guantanamo 
zu pachten. Daraus wurde der Marine¬ 
stützpunkt von Guantanamo nahe der 
Südspitze von Cuba, einer strategisch 
günstigen Position in der Karibik und 
gleichzeitig ein Tiefseehafen, der von un¬ 
schätzbarem Wert für Cuba wäre, wenn 
die Kubaner die Kontrolle über ihn hät¬ 
ten. 

Die kubanische Regierung, die ihre Er¬ 
nennung Washington verdankte, unter¬ 
schrieb 1903 die schriftliche Vereinba¬ 
rung, dass der Pachtvertrag für Guantana¬ 
mo solange nicht ausläuft, bis sich beide 
Seiten mit seiner Auflösung einverstan¬ 
den erklären. Die derzeitige kubanische 
Regierung verlangte am 5. März 1959, 
dass Washington seine Besetzung der Gu- 
anatamo Provinz beendet. Doch Washing¬ 
ton °°pachtet°° das Land weiterhin, der 
ursprüngliche Preis betrug 2000 US$ in 
Gold pro Jahr, heute sind es 4085 US$ in 
Form eines Schecks, den Havanna seit 
1959 nicht mehr eingelöst hat. 

Der Pachtvertrag besagt, dass das Ge¬ 
biet „nur als Kohleabbaugebiet oder als 
Marinebasis und zu keinem anderen 
Zweck" genutzt werden darf. Doch Was¬ 
hington hat Guantanamo schon immer 
für jeden Zweck genutzt, der ihm gefiel. 
Als die Bush Regierung den Krieg in Af¬ 
ghanistan begann, verwandelte das Ver¬ 
teidigungsministerium den Marinestütz¬ 
punkt in ein Konzentrationslager für mehr 
als 600 Gefangene aus Afghanistan und 
mindestens 43 anderen Ländern. Da sie 


als „feindliche Kämpfer" eingestuft wer¬ 
den, besitzen sie nicht das Recht ihre Haft 
in irgendeinem Gericht der Welt anzufech¬ 
ten. Es wurden keine Anklagen gegen sie 
eingereicht. Sie haben keinen Zugang zu 
Anwälten. Sie bekommen keine Gerichts¬ 
termine für Anhörungen oder Prozesse. 
Kurz gesagt, sie haben kein Recht auf 
Überprüfung des Verfahrens (habeas cor- 
pus). 

Die Anfechtung dieser unbefristeten 
Vorhölle ist jetzt in den Händen des ober¬ 
sten Gerichtshofes. Es haben Anhörungen 
von Anwalt John Gibbons im Namen der 
Kläger, die in Guantanamo gefangen ge¬ 
halten werden und von dem amerikani¬ 
schen Staatsanwalt Theodore Olson, im 
Namen des Präsidenten George Bush 
stattgefunden. Die Bush Regierung hält 
an ihrer Behauptung fest, dass Cuba „voll¬ 
kommene Souveränität" auf dem Gebiet 
des Guantanamo Marinestützpunkts be¬ 
sitzt und deswegen die US Gerichte kei¬ 
nen Einfluss auf die Geschehnisse dort 
haben. Aber wie Gibbons bei seiner Argu¬ 
mentation vor dem Gericht darlegte, wür¬ 
de das °°zu einer gesetzeslosen Enklave 
führen, die die Exekutive von jeglicher ju¬ 
ristischen Untersuchung jetzt oder in der 
Zukunft ausnehmen würde. 00 

Seit die amerikanischen Militärs die In¬ 
sel von den Spaniern übernommen haben, 
haben sie den Marinestützpunkt in Guan¬ 
tanamo nie wieder verlassen. Es ist als ob 
eine ausländische Macht ein Areal auf 
beiden Seiten des Hudson River in New 
York und in New Jersey oder beide Seiten 
der Bucht von San Francisco besetzen 
würden. 

Cuba hat wiederholt gegen die illegale 
Besetzung seines Gebietes durch eine aus¬ 
ländische Macht protestiert. Am 15. April 
schlug Cuba der Menschenrechtskommis¬ 
sion eine Resolution vor, die die Men¬ 
schenrechtsverletzungen in dem Konzen¬ 
trationslager auf kubanischem Gebiet ver¬ 
urteilt hätte. Obwohl Cuba die Resolution 
vorübergehend zurückgezogen hat, betont 
der Außenminister Felipe Perez Roque, 
dass die Resolution nur verschoben wurde 
und in einem Forum das Cuba angemes¬ 
sen erscheint, wieder angesprochen wer¬ 
den wird. 

Egal wie der amerikanische Gerichtshof 
entscheiden wird, falls Cuba tatsächlich 
auf dem Gebiet des Marinestützpunkts 
von Guantanamo Souveränität besitzen 
würde, würde das Konzentrationslager 
nicht existieren. In der Vergangenheit hat 
Cuba angeboten das ganze Gebiet in ein 
regionales Gesundheitszentrum für die 
gesamte Karibik zu verwandeln. 

Mit freundlicher Genehmigung von z-net 


[10] SF 2/2004 



A ls die gemästeten Katzen bei Dis¬ 
ney den Bann über Michael Moores 
neuen Film „Fahrenheit 9-11" spra¬ 
chen, taten sie mehr als nur einen Künst¬ 
ler zu zensieren. Moore mundtot zu ma¬ 
chen ist lediglich der neuste Winkelzug, 
um höchst unbequeme Fakten zu unter¬ 
drücken: auf Veranlassung der Bush-Ad¬ 
ministration wurden die Untersuchungen 
über Saudi Arabiens finanzielle Förderung 
des Terrorismus ausgesetzt, einschließlich 
der Beweise, die einige Mitglieder der Fa¬ 
milie Bin Ladens in den USA betrafen. Ich 
weiß es, weil ich mit meinem Untersu¬ 
chungsteam bei BBC Television und dem 
britischen Guardian die Originalberichte 
schrieb und filmte, auf denen Moores 
neue Dokumentation beruht 
Am 11. November 2001, gerade mal 
zwei Monate nach dem Anschlag, legte 
BBC Television's Newsnight Dokumente 
vor, die darauf hindeuteten, dass FBI- 
Agenten davon abgehalten wurden, Er¬ 
mittlungen über zwei Mitglieder der Fami¬ 
lie Bin Ladens anzustellen, die einer „mut¬ 
maßliche terroristische Vereinigung" aus 
Falls Church, Virginia, vorstanden - das 
heißt, bis zum 13. September 2001. Zu 
dieser Zeit waren diese Vögel ausgeflo¬ 
gen. 

Wir berichteten weiterhin, dass hoch¬ 
rangige Agenten in der US Regierung 
BBC informiert haben, dass die Bush-Ad¬ 
ministration die Untersuchungen über die 
pakistanischen Khan-Laboratorien behin¬ 
dert haben, welche einen Flohmarkt für 
Atombombenbaupläne betrieben. Warum 
wurden die Ermittlungen gehemmt? Weil 
die Spur finanzieller Transaktionen zurück 
zu den Saudis führte. Am nächsten Tag 
berichtete unser Guardian-Team, dass 
Agenten davon abgehalten wurden, der 
bei einer Sondersitzung in Paris beginnen¬ 
den Geldspur zu folgen. Dort, im Hotel 
Monceau Royale, haben Saudische Milli¬ 
ardäre angeblich vereinbart, Al-Qaidas 
„erzieherische" Bemühungen finanziell zu 
unterstützen. 

Diese Berichte liefen ganz oben in den 
Abendnachrichten in Großbritannien und 
weltweit, aber nicht in den USA. Warum? 

Unser Nachrichtenteam bekam mehrere 
Auszeichnungen, einschließlich einer, die 
ich besonders zu kriegen hasste: eine 
„Auszeichnung für zensierte Projekte der 
Schule für Journalismus der Staatsuniver¬ 
sität Kalifornien. Es ist der Preis, den man 
für eine sehr wichtige Reportage erhält, 
die einfach von der amerikanischen Presse 
ausgeschlossen wurde. Und das tat weh. 
Ich bin Amerikaner, ein Junge aus L.A., 
den man ins journalistische Exil nach Eng¬ 
land geschickt hat. 


Maulkorb für 
Michael Moore 

von Gregory 


Warum zum Teufel können Agenten dem 
Geld nicht folgen, sogar wenn es sie nach 
Arabien verschlägt? Weil - wie wir wieder¬ 
holt von denen gehört haben, die inner¬ 
halb der Agenturen mundtot gemacht 
wurden - saudische Geldquellen zurück 
zu George H.W. Bush und seinen sehr be¬ 
günstigten Söhnen wie anderen Familien¬ 
freunden führten. Wir bei BBC berichteten 
auch davon, ganz oben in den Abend¬ 
nachrichten; überall außer in Amerika. 

Warum haben Amerikas Medienbarone 
Angst davor, diese Geschichte in den USA 
zu bringen? Die BBC und Guardian-Be¬ 
richte waren die hässlichen, kleinen Punk¬ 
te, die von einem einzigen Thema verbun¬ 
den wurden: Ölverseuchung in der ameri¬ 
kanischen Politik und Geldvergiftung im 
Blut unserer mächtigsten politischen Fa¬ 
milie. Und das sind Nachrichten, die ihren 
Namen nicht zu nennen wagen. 

Dies ist nicht das erste Mal, dass Mich¬ 
ael Moore versucht hat, unsere BBC-Un- 
tersuchungsberichte an der US-Medien- 
Grenzpatrouille vorbeizubekommen. In 
der Tat, ein Witz in unserer Londoner Re¬ 
daktion ist, sollten wir unseren Bericht 
nicht in den amerikanischen Äther be¬ 
kommen, so können wir ihn einfach dem 
fetten Kerl im Hühnerkostüm zuschieben. 
Moore könnte es an den Zensoren als 
„Unterhaltung" vorbeischmuggeln. 

Hier ist ein Beispiel von Moores U- 
Bahn-Operationen, harte Nachrichten 
nach Amerika zu bringen: Im Guardian 
und auf BBC TV berichtete ich, dass Flori¬ 
das damalige innenministerin, Katherine 
Harris, zehntausende schwarze Bürger 
kurz vor der Wahl 2000 aus der Wählerlis¬ 
te entfernen ließ. Ihr Büro verwendete ei¬ 
ne Liste von angeblichen „Verbrechern" - 
eine Liste, von der ihr Büro wusste, dass 
sie Blödsinn war und die fast ausschlie߬ 
lich mit Unschuldigen gefüllt war. 

Ich druckte den ersten Teil der Ge¬ 
schichte im Guardian, als AI Gore immer 
noch im Rennen war. Die Washington 
Post veröffentlichte meinen Bericht sieben 
Monate später. Zu diesem Zeitpunkt 
konnte es mit einem Kichern in Bushs 
Weißem Haus gelesen werden. 

Die Geschichte mit der „Ausradierung" 
der schwarzen Wähler hätte niemals das 



Tageslicht in den USA erblickt, ganz zu 
schweigen von den Titelseiten in aller 
Welt, wenn dies nicht von Michael Moore 
in der Einleitung seines Buches „Stupid 
White Men" aufgedeckt worden wäre. 

Also mach weiter, Mr. Micky-Maus-Mo- 
gul, zensier den Kerl mit der Baseball- 
Mütze, lass die Kinoleinwände dunkel 
werden, verbreite die Blindheit, die uns 
umbringit. Zeig uns dafür gefälschte Flie¬ 
ger-Jungs, die die mit ihren aufgezeigten 
Daumen „Mission ausgeführt" signalisie¬ 
ren. Mit den ausgeschalteten Lichtern ist 
es so viel einfacher für die Scheichs, ihre 
Kreditkarten an Killer auszuleihen, um 
den Ölpreis hochzutreiben, während unse¬ 
re Politiker den Raub der nächsten Wahl 
vorbereiten, diesmal per Computer. Ma¬ 
chen wir uns nichts vor. Fernsehnachrich¬ 
ten in den USA sind jetzt durch und durch 
Foxifiziert (bezogen auf die erzkonsen/ati- 
ve Fox Sendergruppe, Anm.d.Ü.) und 
Printmedien, mit einigen Ausnahmen, 
katzbuckeln immer noch vor den auswei¬ 
chenden Äußerungen unseres Oberbe¬ 
fehlshabers. Vielleicht steigere ich mich 
zu sehr hinein. Schließlich ist es bloß ein 
Film. Aber die Verbreitung von Moores 
Film abzuwürgen sieht verdächtig nach 
einer „Suchen und Zerstören"-Mission von 
unerwünschten Nachrichten aus, sogar 
wenn diese Nachrichten in einer spaßhaf¬ 
ten’ Dokumentation versteckt sind. Warum 
sollten die Medienmogule hierbei Halt 
machen? Wie wäre es mit einem extragros¬ 
sen orangefarbenen Anzug für Michael für 
den neuen Hollywoodzweig auf Guanta- 
namo? 

Übersetzt von: ChhHuy Tron 


[11] SF 2/2004 




van Ecki^rdo Galeano 


Eine kleine Geste nationaler Würde löste 
am Beginn dieses Jahres einen wilden 
Skandal aus. Überall auf der Welt wurde 
dieser Geschichte größte Aufmerksamkeit 
gewidmet, als wäre es ein aberwitziges Er¬ 
eignis, wie „Mann beißt Hund". 

Also, was war geschehen? Brasilien hat¬ 
te von den Ankommenden aus den USA 
das gleiche verlangt, was die USA auch 
von Besucherinnen aus Brasilien verlangt: 
sich an der Grenze ein Visa ausstellen, ein 
Photo von sich machen, und seine Finger¬ 
abdrücke abnehmen zu lassen. 

Viele verurteilten dieses gewöhnliche 
Vorgehen als ein Anzeichen von gefähr¬ 
lichem Wahnsinn, Vielleicht würden diese 
Dinge von einer anderen Warte betrach¬ 
tet werden, wenn die Welt nicht so übel 
abgerichtet wäre. Im Grunde war es nicht 
abnormal was der brasilianische Präsident 
Lula gemacht hat, sondern, dass er der 
einzige war, der das getan hat. Was ab¬ 
normal war, dass alle anderen die Ma߬ 
nahmen welche Bush dem Rest der Welt 
auferlegte, mit der Ausnahme einiger Pri¬ 
vilegierter weniger, welche über jeden 
Verdacht von Terrorismus und Missetaten 
erhaben sind, einfach akzeptierten. 

Straflosigkeit 

Alles wurde mit dem 11. September ge¬ 
rechtfertigt. Diese Tragödie, welche Präsi¬ 
dent Bush weiterhin als Freibrief für ewige 
Straflosigkeit gebraucht, verpflichtet sein 
Land sich zu verteidigen, und seine Wäch¬ 
ter nie schlafen zu lassen. 

Aber wie jeder weiß, hatte niemand aus 
Brasilien mit dem Sturz des World Trade 
Centers zu tun. Dafür geschah, wie sich 
wenige erinnern werden, der schwerwie¬ 
gendste Akt des Terrors in der brasiliani¬ 
schen Geschichte, der Coup von 1964, mit 
politischer, wirtschaftlicher, militärischer 
und medialer Beteiligung der Vereinigten 
Staaten. 


Diese Art der Grenzkontrollen, welche 
zu solcher Aufregung führten, ist nicht 
viel mehr als ein Fall von vergeltender Ge¬ 
rechtigkeit, und es wäre lächerlich dies als 
verspätete historische Rache zu sehen. 
Trotzdem sollten wir nicht vergessen, dass 
die Lateinamerika routinemäßig angeta¬ 
nen Grausamkeiten einiges mit der 
schlechten Angewohnheit des Gedächt¬ 
nisverlustes zu tun haben. Ein Verlust der 
Erinnerung darüber, dass die US Beteili¬ 
gung an diesem terroristischem Coup gut 
dokumentiert ist, und auch durch Ge¬ 
ständnisse der wichtigsten Beteiligten be¬ 
stätigt ist. Und man sollte sich auch dar¬ 
an erinnern, dass dieses Ereignis nicht nur 
der Beginn einer langen Militärdiktatur 
war, sondern auch Sozialreformen getötet 
und begraben hat, welche die demokrati¬ 
sche Regierung von Jango Goulart erlas¬ 
sen hatte, um dieses ungerechteste Land 
der Welt etwas weniger ungerecht zu ma¬ 
chen. 

Es brauchte vierzig Jahre bis dieses Ver¬ 
langen nach Gerechtigkeit wieder zum Le¬ 
ben erwachte. Wieviele brasilianische Kin¬ 
der sind in dieser Zeit gestorben? Ein Ter¬ 
rorismus der mit Hunger tötet ist nicht 
weniger verabscheuungswürdig wie einer, 
der mit Bomben tötet. 

Rollentausch 

Schlechte Angewohnheiten: Niederträch¬ 
tigkeit, Gedächtnisverlust, Resignation. 
Furcht hält uns davon ab, uns zu ändern; 
geistige Faulheit hält uns davon ab, ohne 
sie zu leben. 

Es ist unvorstellbar uns die Geschichte 
andersherum vorzustellen. Zum Beispiel, 
was wäre passiert, wenn der Irak die Ver¬ 
einigten Staaten überfällt, mit der Be¬ 
gründung, dass die USA Massenvernich¬ 
tungswaffen hat? Oder wenn die Bot¬ 
schaft Venezuelas in Washington einen 
Coup gegen George W. Bush angetrieben 


und gefeiert hätte, einen solchen wie je¬ 
nen, welche die US Botschaft in Caracas 
gegen Hugo Chavez veranstaltet hat? 
Oder wenn die Regierung Kubas 637 
Mordanschläge gegen US Präsidenten or¬ 
ganisiert hätte, als Antwort auf die 637 
Mal, welche die USA versucht haben Fidel 
Castro zu ermorden? 

Und was würde passieren, wenn die 
Regierungen des Südens auch nur eine 
einzige Maßnahme des Internationalen 
Währungsfonds oder der Weltbank ver¬ 
weigern würden, wenn jene nicht damit 
beginnen die gleichen Maßnahmen auch 
von den USA zu verlangen, dem größten 
Schuldner des Planeten. Oder wenn die 
Zölle und Subventionenweiche die reichen 
Länder zu Hause wirken lassen, aber wel¬ 
che sie anderswo verbieten, im Süden ein¬ 
geführt werden würden? Und so weiter... 

Schlechte Angewohnheiten: 
Fatalismus. 

Akzeptieren wir das inakzeptable, als wä¬ 
re es Teil der natürlichen Ordnung der 
Dinge, und als ob keine andere Ordnung 
möglich wäre. Die Sonne erfriert die Welt, 
die Freiheit unterdrückt, die Integration 
bricht Dinge auseinander: Ob es dir ge¬ 
fällt oder nicht, man kann das nicht ver¬ 
hindern. Triff deine Wahl: Dies oder das. 
So wird die amerikanische Freihandelszo¬ 
ne (FTAA) verkauft. 

Hermes 

Ganz am Anfang der Zeit machte der alte 
Zeus, der Boss über allen Bossen, keine 
Fehler. Von all den Bewohnern des Olym¬ 
ps war Hermes der hinterhältigste, der 
Falschspieler, der alle reinlegte, der Dieb, 
der alles stahl. Zeus gab ihm Sandalen 
mit goldenen Flügeln und machte ihm 
zum Gott des Handels. Es war Hermes, 
später Merkur genannt, der sich die Welt- 


Ei 2] SF 2/2004 






Handelsorganisation, NAFTA, FTAA und 
andere Kreaturen ausdachte, die er nach 
seinem Bilde schuf. 

NAFTA, die Nordamerikanische Freihan¬ 
delszone, welche die USA, Kanada und 
Mexiko umfasst, ist vor zehn Jahren einbe¬ 
rufen worden. Die Hand von Hermes leite¬ 
te jeden ihrer Schritte. Vom Leben und 
Werk von NAFTA im Laufe ihrer ersten 
zehn Jahre betrachte man nur ein paar er¬ 
hellende Anzeichen dafür, was uns erwar¬ 
tet, wenn FTAA umgesetzt wird, wenn der 
so genannte Freie Handel, demütigend 
und vorherrschend, auf ganz Amerika aus¬ 
geweitet wird. 

1996 verbot die kanadische Regierung 
den Verkauf eines lebensgefährlichen 
Nervengiftes: es war ein Benzinzusatz wel¬ 
cher von der US Firma Ethyl hergesteilt 
wird. Dieses Gift, welches in den USA ver¬ 
boten war, wurde nur in Kanada verkauft. 
Die Firma Ethyl, welche viele Jahre der no¬ 
blen Mission andere Länder zu vergiften 
gewidmet hat, reagierte darauf, indem es 
die kanadische Regierung verklagte, weil 
diese ihren Ruf durch das Verbot dieses 
Produkts schädige, und es gab nichts, was 
man dagegen machen konnte. Unter 
NAFTA herrschen die Firmen. Mitte des 
Jahres 1998 hob die kanadische Regie¬ 
rung das Verbot auf, zahlte Ethyl eine 
Wiedergutmachung von 13 Millionen Dol¬ 
lar und sagte, dass es ihr Leid tue. 1995 
konnte eine andere US Firma, Metalclad, 
eine Giftlagerstätte im mexikanischen 


Staat San Luis Potosi nicht wieder eröff¬ 
nen. Die Menschen hinderten die Firma 
mit Macheten in der Hand daran, ihr 
Land und ihr Grundwasser weiter zu ver¬ 
giften. Metalclad klagte die mexikanische 
Regierung für diesen Akt der „Enteig¬ 
nung”. Aufgrund von diesbezüglichen 
Klauseln in NAFTA erhielt die Firma 2001 
eine Entschädigung von 17 Millionen 
Dollar. 

UN 

Die Vereinten Nationen sind Ende des 
Zweiten Weltkrieges geboren worden. 
John Fitzgerald Kennedy und Orson Wel- 
les waren unter den 1500 Journalistin¬ 
nen, welche über das große Ereignis be¬ 
richteten. Die Gründungscharta der UNO 
etablierte die „Gleichberechtigung von al¬ 
len Nationen, ob groß oder klein". Und 
das große Versprechen war: Aufbauend 
auf der souveränen Gleichheit aller ihrer 
Mitglieder würde die neue internationale 
Organisation den Weg der menschlichen 
Geschichte ändern. Sechzig Jahre später 
kann man die Ergebnisse klar sehen: die 
Änderung, war zum schlechten hin. 

Maschinerie der Demütigung 

Aber schlechte Angewohnheiten sind kein 
Schicksal, und mehr und mehr Länder 
weigern sich den Idioten in dieser großen 
Farce zu spielen. 


Vor einem Jahr bemerkte Thomas Daw- 
son als Sprecher des IWF: „Wir haben in 
Lateinamerika viele hervorragende Absol¬ 
venten". Es war die gleiche alte Rhetorik. 
Heute warnt der argentinische Präsident 
Nestor Kirchner: „Wir sind nicht länger nur 
ein Fußabstreifer".Das ist die neue Rheto¬ 
rik. 

Eine neue Rhetorik, eine neue Einstel¬ 
lung. Unsere Länder kommen mit ihren 
Menschen sehr schlecht aus, und mit 
ihren Nachbarn noch schlechter. Es ist ei¬ 
ne lange und traurige Geschichte einer 
Reihe von Scheidungen. Aber die regiona¬ 
len Treffen - in Cancun und Monterrey - 
welche kürzlich stattgefunden haben, 
wurden von den Böhen eines neuen Win¬ 
des umschlagen. Nach so vielen Jahren 
der Einsamkeit beginnen die Schwachen 
zu begreifen, dass sie fallen werden, wenn 
sie getrennt bleiben. Nur einige wenige, 
wie der uruguayische Präsident Jorge Bat- 
lle, glauben dass wir noch immer hoffen 
können, glückliche Bettler zu sein. Sogar 
die sturköpfigsten sind davon überzeugt, 
dass in dieser riesigen Maschinerie der 
Demütigung, in welcher die Mächtigen 
die finanzielle Erpressung, die militärische 
Gewalt und den Handelsprotektionismus 
ungestraft praktizieren, die Würde entwe¬ 
der geteilt wird, oder es gibt gar keine. 

Aber wir müssen uns beeilen, bevor wir 
am Ende Photos von Leuten ähneln, die 
vom Mars zurückgekommen sind. 


I13J SF 2/2004 







Nach einer jüdischen Legende war der Golem 
ein künstliches Geschöpf, das mit gewaltiger 
Stärke ausgestattet war. Rabbiner Judah Loew 
von Prag, auch als Maharal bekannt, schuf ihn 
aus Ton und gab ihm Leben, indem er ein Stück 
Papier mit dem geheimen Namen Gottes unter 
seine Zunge legte. Der Golem half den Juden, 



Fotos: Christian Ditsch, Version 
Checkpoint für israelische Siedler 
im Gaza-Streifen. Den Checkpoint 
Kissufim dürfen nur israelische 
Siedler, die im Gaza-Streifen leben, 
passieren. Fuer Palaestinenser, 
auch mit israelischem Pass, ist die 
der Checkpoint gesperrt. 


sich bei antisemitischen Ausschrei¬ 
tungen zu verteidigen. Aber eines 
Tages wandte er sich gegen seinen 
Schöpfer. Er verursachte Verfall 
und Zerstörung, bis es dem Rabbi 
letzten Endes gelang, das Stück Pa¬ 
pier unter seiner Zunge heraus¬ 
zuziehen. Der Golem zerfiel zu ei¬ 
nem Haufen Ton. Ariel Sharon ist 
kein Rabbiner, und die Kabbalah 
ist für ihn ein Buch mit sieben Sie¬ 
geln. Aber er schuf einen Golem: 
die Siedlerbewegung in den besetz¬ 
ten Gebieten. Er war sicher, dass 
der Golem ihm dienen würde. 
Schließlich haben die Siedler ihm alles zu ver¬ 
danken. Er war es, der sie seit Jahrzehnten nähr¬ 
te, sie mit großen Budgets ausstattete, für sie 
alle seine politischen Positionen, die er hinter 
einander inne hatte, ausbeutete: das Ministeri¬ 
um für Landwirtschaft, der Verteidigung, das 
Außenministerium, das Ministerium für Woh¬ 
nungsbau, Industrie und Handel, für Infrastruk¬ 
tur und am Ende das Amt des Ministerpräsiden¬ 
ten. (Ich erinnere mich, dass ich Sharon vor et¬ 
wa 25 Jahren in seinem Haus besuchte. Es war 
im Rahmen einer Recherche für einen biogra¬ 
phischen Essay, den ich über ihn schrieb. Meine 
Frau und ich saßen mit Lilly Sharon in der 
Küche, die uns ihre Köstlichkeiten servierte. Da 
bemerkte ich, wie im anschließenden Raum die 
Führer der Siedler saßen. Sharon ging hin und 
her und teilte seine Zeit gleichmäßig zwischen 
uns. Schon damals beobachtete ich , wie die 
Siedler ihn wie ihren Schutzherrn behandelten.) 
Während all dieser Jahre, von der Zeit an, als er 
in den siebziger Jahren kommandierender Gene¬ 
ral des südlichen Sektors war, versuchte er je¬ 
den, den er traf - Israelis und Ausländer glei¬ 
chermaßen - mit Tiraden zugunsten der Sied¬ 
lungen zu überzeugen; er breitete Karten vor 
ihnen aus ( er hat immer Landkarten bei sich) 
und forderte sie auf zu handeln. Nach ihm war 
es lebensnotwendig, Siedlungen aufzubauen, 
um das ganze Eretz Israel - vom Mittelmeer 
zum Jordanfluss (mindestens) - in einen jü¬ 
dischen Staat zu verwandeln, um die pa¬ 


lästinensischen Gebiete in Streifen zu teilen und 
die Schaffung eines palästinensischen Staates 
zu verhindern, der ein Hindernis für die Aus¬ 
führung aller Ziele des Zionismus sein würde. 
Wie ein Bulldozer ohne Bremsen ebnete er jede 
Opposition ein. Er sorgte dafür, dass viele 
zehn Milliarden Dollar den Siedlungen zu gute 
kamen (die genaue Summe kann nicht ermittelt 
werden, da sie in verschiedenen Ecken des Bud¬ 
gets versteckt sind), dass zu ihren Gunsten die 
Gesetze verbogen wurden und dass die Armee¬ 
offiziere dafür gewonnen wurden, ihnen zu die¬ 
nen. Auf diese Weise ist ein enges Netzwerk von 
Siedlungen und speziellen Straßen entstanden 
mit vielleicht 250000 Siedlern - wer zählt sie 
schon? 

Als er den Slogan „einseitige Abtrennung" 
prägte, hätte er nicht daran gedacht, dass die 
Siedler wirklich opponieren würden. Schulden 
sie ihm nicht alles? Sind sie nicht seine ver¬ 
wöhnten Kinder? Sollten sie ihm nicht unbe¬ 
grenzt dankbar sein? Sharon bot ihnen einen 
Deal an, der ihm ganz besonders vernünftig er¬ 
schien (wie es früher Yossi Beilin erschien, der 
diesen Deal erfand, und Ehud Barak, der ihn zu 
erfüllen versuchte): Gib die isolierten Siedlun¬ 
gen mit ein paar zehntausend Siedlern auf und 
bewahre dafür die großen Siedlungsblocks mit 
80% der Siedler, die dann Israel einverleibt 
werden. Opfere ein paar Finger, um den ganzen 
Körper zu erhalten. Auf diese Weise retten wir 
nicht nur das Siedlungsunternehmen, sondern 
gewinnen den größten Teil der Westbank. 

Aber nachdem der Golem das Stück Papier 
unter seiner Zunge hatte, verhält er sich nach 
seiner eigenen Logik. Er dachte gar nicht daran, 
die Dutzende von kleinen Siedlungen aufzuge¬ 
ben, noch dazu, wo dort der harte Kern der mes- 
sianischen Fanatiker lebt. Ihm war auch klar, 
dass die Evakuierung der ersten Siedlung einen 
Präzedenzfall schaffen würde und so gegen alle 
anderen genützt werden könnte. Die wirklichen 
Siedler mögen für die Gush Kativ-Siedler im Ga¬ 
zastreifen, die in erster Linie berechnende Ge¬ 
schäftsleute sind, nur Verachtung übrig haben; 
aber ihnen ist klar, dass die Schlacht um Gush 
Kativ der entscheidende Test ist. 

Wie der Maharal hat Sharon seinen Golem 
unterschätzt. Er behandelte ihn als Diener. Wie 
kann er Respekt vor einem Geschöpf haben, 
dass er mit eigenen Händen erschaffen hat? 
Nun macht er die Erfahrung, dass es leichter ist, 
einen Golem zu erschaffen, als ihn wieder auf¬ 
zulösen. In den unzähligen Interviews, die Sha- 


[14] SF 2/2004 






ron über das letzte Wochenende gab, erklärte 
er, dass die Siedler nur eine kleine Minderheit 
des Volkes seien. Und in der Tat, sogar nach den 
Siedlern selbst, sind es nur 4% der Bürger Israe¬ 
ls. Aber die Zahl gibt nicht die tatsächliche 
Macht zum Ausdruck. In einer demokratischen 
Gesellschaft überwältigt eine kleine fanatische 
und hoch motivierte Minderheit eine große, 
aber gleichgültige und schlaffe Mehrheit. 

Sharon verlässt sich auf die Tatsache, dass die 
Siedler in Israel nicht beliebt sind. Sie sind ge¬ 
walttätig und unbändig; sie reden, kleiden und 
benehmen sich anders, sogar ihre Körperspra¬ 
che ist anders. Der normale Israeli sieht sie als 
bizarre Sekte an. Zu guter Letzt hat der Israeli 
auch die Tatsache zur Kenntnis genommen, 
dass die Siedlungen Milliarden verschlingen, die 
Israel zur wirtschaftlichen und sozialen Wieder¬ 
herstellung dringend benötigt. Aber im Laufe 
von Jahrzehnten haben die Siedler einen großen 
Kontroll- und Propaganda-Apparat aufgebaut. 
Langsam und geduldig haben sie die Armee un¬ 
terwandert, in der sie nun Schlüsselpositionen 
einnehmen, die früher Kibbuzmitglieder inne 
hatten. Ihre unabhängigen Medien dehnen sich 
aus, während die Linke im Laufe der Jahre buch¬ 
stäblich all ihre unabhängigen Medien aufga- 
ben. Die Siedler sind im Besitz großer Fonds, 
nicht nur das Geld, das durch Hunderte von 
Kanälen aus dem Staatshaushalt fließt, und 
nicht nur die großen Gaben amerikanisch-jüdi¬ 
scher Multimillionäre, sondern auch aus dem 
großen Fonds der amerikanischen, fun¬ 
damentalistischen Christen. 

Man mag sich fragen: welche Torheit ritt Sha¬ 
ron, als er vorschlug, nur die Likudmitglieder 
sollten die Entscheidung über den Plan treffen? 
War ihm nicht klar, dass dies das einzige 
Schlachtfeld war, wo die Siedler mit überlegener 
Stärke gebieten? Er fiel in seine eigene Falle. 
Warum? So ist es gewöhnlich mit siegestrunke¬ 
nen Generälen: aus purer Arroganz und Verach¬ 
tung für die Gegner. Auf dem Gipfel seiner 
Macht träumte er nicht von den Hausbesuchen 
en masse, den emotionalen Appellen, den gut 
geschmierten logistischen Maschinen der Sied¬ 
ler, die mit dem Geld des Staates geschaffen 
wurden. Die meisten Siedler sind diszipliniert. 
Wie jede messianische Sekte gehorchen sie oh¬ 
ne Vorbehalt ihren Führern, den „Yesha-Rabbi- 
nern” ( Yesha ist die hebräische Abkürzung für 
Judäa, Samaria und Gaza) Dies ist eine totalitä¬ 
re Struktur, im wörtlichsten Sinne: totaler Glau¬ 
be, totale Organisation, totale Disziplin. „Mein 



Kopf unterstützt den Scharonplan, aber mein 
Herz unterstützt die Siedler," bekannte ein Li- 
kudmitglied. Das ist ganz natürlich: Wenn ein 
Siedlerpaar mit Baby - und da gibt es immer 
ein Baby im festgebundenen Babytuch - zu sei¬ 
ner Wohnung kommt und fragt: „Willst du uns 
aus unserem Heim verjagen?" - wie kann er 
dem widerstehen? Schließlich hat er sein ganzes 
Leben gehört, dass es das nationale Ziel sei, das 
ganze Eretz Israel zu besitzen, dass die Siedler 
das Salz der Erde seien, dass man die ganze 
übrige Welt vergessen könne - und plötzlich 
kommt dieser Mann, Sharon, und sagt das 
Gegenteil? Doch muss daran erinnert werden, 
dass nur weniger als 2 % der israelischen Wäh¬ 
lerschaft in diesem Parteireferendum gegen den 
Sharonplan gewählt hat Bei den letzten Wahl¬ 
en erhielt der Likud weniger als 30% der Stim¬ 
men. Weniger als ein Viertel von diesen sind Li¬ 
kudmitglieder, die berechtigt waren, an diesem 
Referendum teilzunehmen. Von diesen haben 
nur die Hälfte tatsächlich abgestimmt. Und von 
diesen haben weniger als zwei Drittel gegen 
den Plan gestimmt. Diese sind zusammen mit 
den Siedlern, die keine Likudmitglieder sind, der 
Golem. Nur ein positives Ergebnis hatte dieses 
Referendum: plötzlich wacht die Öffentlichkeit 
auf und begreift, dass der Golem in ihrer Mitte 
lebendig ist. Schon vom ersten Augenblick an 
gab es die warnende 
Schrift an der Wand: die 
Siedlerbewegung saugt 
das Mark aus dem Staat, 
sie ist ein Hindernis für 
den Frieden, sie ist eine 
Gefahr für die israelische 
Demokratie und selbst für 
die Zukunft des Staates . 

Jetzt sieht die allgemeine 
Öffentlichkeit auch die 
Gefahr, die durch den ra¬ 
senden Golem repräsen¬ 
tiert wird. Noch ist es Zeit, 
das Stück Papier unter sei¬ 
ner Zunge zu entfernen. 

Noch. 



[15] SF 2/2004 







E s ist nur 25 Jahre her f seit das spani¬ 
sche Parlament seine aktuelle Verfas¬ 
sung verabschiedete. Damit suchte 
es, mit dem Segen des noch heute amtie¬ 
renden Königs Juan Carlos II, den Weg in 
Richtung „Demokratie". Die Militärdikta¬ 
tur (1939-1977) unter General Franco 
hatte Hunderttausende Todesopfer gefor¬ 
dert, unzählige Menschen wurden ins Exil 
getrieben. Es gab hohe Arbeitslosigkeit, 
Armenviertel und Seuchen, es fehlte an 
Unterkünften und Infrastruktur. Nach 
dem II. Weltkrieg erhielt das Land wesent¬ 
liche finanzielle Unterstützung nur aus 
den USA, innereuropäisch blieb es aber 
isoliert. Aufgrund einer enormen Nachfra¬ 
ge nach Arbeitskräften in den sich rasch 
entwickelnden Industriehochburgen in 
Nord- und Mitteleuropa wanderten zwi¬ 
schen 1950 und 1975 etwa zwei Millio¬ 
nen Spanierinnen und Spanier vor allem 
nach Deutschland, Holland, Frankreich, 
England und in die Schweiz aus. Eine un¬ 
bekannte Zahl suchte Zuflucht in Latein¬ 
amerika. Zwischen 1975 und 1990 kehr¬ 
ten eine halbe Million aus den europäi¬ 
schen Ländern zurück. 1 

1986 trat Spanien der Europäischen 
Gemeinschaft bei und verwandelte sich 
seitdem in ein postmodernes Industrie¬ 
land, jedoch mit einem deutlichen Akzent 
auf den Bereichen Dienstleistung und 
Landwirtschaft. Die arbeitsplatzintensiven 
Industrien, wie Werften, Stahlproduktion 
oder Bergwerke fielen der globalisierten 
Weltwirtschaft zum Opfer. Heute hat Spa¬ 
nien die höchste Erwerbslosenquote in 
der Europäischen Union (EU), wie auch 
den größten Anteil prekärer Beschäfti¬ 
gungsverhältnisse. 

Es ist bemerkenswert, dass dieses Land 
mit nur 40 Millionen Einwohnern in rela¬ 
tiv kurzer Zeit vom Außenseiter zur acht¬ 
größten Wirtschaftsnation der Weit auf- 
stieg. Heute wächst das Bruttoinlandspro¬ 
dukt jährlich um 2,5%, mehr als in allen 
anderen EU-Ländern. Das spanische Kapi¬ 
tal investiert in Lateinamerika wie bisher 
nur die USA. Die ehemalige spanische Re¬ 
gierung beteiligte sich am Krieg gegen 
den Irak und blockierte die Entscheidung 
über die Ausgestaltung des EU-Verfas- 
sungsprojekts. Aus dem einstigen Emigra¬ 
tionsland wurde ein Einwanderungsland, 
das sich im Zuge der letzten Jahre zu ei¬ 
nem Vorreiter fragwürdigen Umgangs mit 


Tom Kucharz 


Spanien - 
Globalisierung un 
SfiSgrafionsreglm© 


«Spanien steht nicht mehr am Rande Europas ." 

Ehemalige spanische Außenministerin Ana Palacio im Februar 2003 (Izvestia) 


Einwanderern und Flüchtlingen (Migran- 
tlnnen) mauserte und an dessen Grenzen 
jedes Jahr Hunderte Menschen qualvoll 
ihr Leben verlieren. 

Auswirkungen der Attentate 
vom 11. März 2004 

Mitten in der morgendlichen Rushhour 
explodierten am 11. März 2004 in vier 
vollbesetzten Madrider S-Bahnzügen zehn 
Sprengsätze, die etwa 200 Menschen das 
Leben kosteten und mehr als 1.500 ver¬ 
letzten. Das schwerste Attentat der spani¬ 
schen Nachkriegsgeschichte, verübt durch 
islamische Extremisten, offenbarte die 
Verwundbarkeit europäischer Metropolen. 

54 der Todesopfer hatten keine spani¬ 
sche Staatsbürgerschaft. Viele illegalisier- 
te Osteuropäer, Marokkaner und Lateina¬ 
merikaner sind täglich mit der S-Bahn un¬ 
terwegs, um zwischen den westlichen 
Vorstädten, den südlichen Arbeitervierteln 
und dem Stadtzentrum zu pendeln. Der 
ehemalige Ministerpräsident, Jose Maria 
Aznar, sprach am Tag der Attentate aus¬ 
schließlich von „spanischen" Terroropfern. 
Doch um die Leichen identifizieren zu 
können, kündigte er am nächsten Tag an, 
allen Angehörigen der Opfer ohne Auf¬ 
enthaltsstatus umgehend die spanische 
Nationalität zuzuerkennen. Damit wagten 
sich die legalisierten Menschen, den 
Behörden die Identität ihrer Freunde oder 
Angehörigen mitzuteilen. Viele von ihnen 
werden trotzdem nicht an die ersehnten 


Papiere gelangen: Das Regierungsange¬ 
bot bleibt auf Lebensgefährtinnen, Kinder 
und Eltern beschränkt. 

Nachdem bekannt wurde, dass sich ei¬ 
ne Al-Qaeda-Ze!le aus Marokko zu den 
Bombenanschlägen bekannte und es sich 
bei den Attentätern um marokkanische 
Staatsbürger handeln würde, streuten die 
Medien die ersten fremdenfeindlichen Be¬ 
richterstattungen. Sofort wurden die poli¬ 
zeilichen Maßnahmen in Stadtvierteln mit 
hohem Ausländeranteil verschärft und 
willkürliche Kontrollen von Menschen mit 
dunkler Hautfarbe ausgeweitet, insbeson¬ 
dere im Madrider Stadtteil Lavapies, in 
dem mehrere Verdächtige festgenommen 
wurden. Muslime verschiedener Städte 
zeigten sich bestürzt über die Anschläge 
und befürchten Kriminalisierungen. Viele 
teilen die Angst, es könne sich ein rassisti¬ 
sches Pogrom wiederholen, wie es bereits 
im Jahr 2000 in El Ejido 2 stattgefunden 
hatte. Mohamed El Afifi, Sprecher einer 
Madrider Moschee, stellte klar: „Für uns 
wie für den Rest der hier Lebenden ist das 
Attentat nicht hinnehmbar und brutal. 
Wir verurteilen es auf Schärfste." 3 

Als Folge des schrecklichen Massakers 
in Madrid sowie der Medienmanipulation 
der Regierung Aznar beteiligten sich mehr 
als 77% der Wahlberechtigten an den 
Parlamentswahlen drei Tage später. Mit 
42,64% gewann die sozialdemokratische 
Partei (Partido Socialista Obrero Espanol 
- PSOE) die Wahl und wird damit die 
nächsten vier Jahre an der Macht sein. Ihr 


[16] SF 2/2004 






Foto: Herby Sachs, Version 


Generalsekretär, Jose Luis Rodriguez Za- 
patero wird als neuer Ministerpräsident 
die Zukunft des Landes beeinflussen. 

Viele Augen sind nun nach Spanien ge¬ 
richtet Wird Zapatero wirklich die spani¬ 
schen Truppen aus dem Irak abziehen, wie 
er es angekündigt hat? Einigt sich die Eu¬ 
ropäische Union nun doch über die EU- 
Verfassung? Verlässt die Regierung unter 
Zapatero den Pfad der US-Partnerschaft 
und beugt sich den Interessen in der Uni¬ 
on? Die ersten Verlautbarungen Zapa- 
teros deuten auf eine Kehrtwende in der 
Außenpolitik hin. Es darf aber nicht ver¬ 
gessen werden, dass sich die Europapoli¬ 
tik der PSOE nicht wesentlich von der der 
Volkspartei (Partido Populär) unterschied. 

Es werde für Zapatero einfacher sein, 
zum Beispiel im Nahost-Konflikt eine völ¬ 
lig andere Position einzunehmen als Az¬ 
nar, so der Politikprofessor Carlos Taibo. 
Die Probleme innerhalb der Europäischen 
Union, wie die Fragen zur Stimmenvertei¬ 
lung, der Stabilitätspakt oder die Beibe¬ 
haltung der Strukturfonds nach der Oster¬ 
weiterung, blieben aber bestehen. „Viele 
fragen sich, ob es möglich ist, offen die 
Aggression der USA im Irak zu kritisieren, 
ohne zugleich das gesamte Komplott zu 
hinterfragen: Es hatte doch schon mit Hil¬ 
fe der vorigen sozialistischen Regierung 
dazu verleitet, sich den USA zu unterwer¬ 
fen.'' 4 Schließlich war es die PSOE, die seit 
dem Wahlsieg 1982 eine verstärkte NATO- 
Partnerschaft unterstützte und nie den 
Ausbau sowie die Nutzung der US-Basen 


in Moron und Rota kritisierte. Aus ihren 
Reihen stammt ebenfalls Javier Solana, 
der vom ehemaligen „Anti-Nato-Aktivis- 
ten" zum Nato-Generalsekretär mutierte 
und heute als Verantwortlicher der EU- 
Außenpolitik die Militärstrategie der Euro¬ 
päischen Union formulierte. 5 

Bezüglich der Migrationspolitik sind 
größere Veränderungen ausgeschlossen, 
da die PSOE die letzten Verschärfungen 
des Ausländergesetzes mitgetragen hat. 

Es bleibt abzuwarten, welche Weichen 
die neue Regierung stellen wird. Es könn¬ 
te sich unter den gegebenen Umständen 
schnell zeigen, dass der in den Medien be¬ 
schworene „Wechsel unter Zapatero" in 
vieler Hinsicht nichts anderes als die Kon¬ 
tinuität der bestehenden Verhältnisse be¬ 
deutet 

Spaniens strategische Lage 
und Migrationsrouten 

Mit den Beziehungen nach Lateinamerika 
und zu den Maghreb-Staaten, wie auch 
mit der Lage im Südosten Europas hat 
Spanien eine strategisch entscheidende 
Lage in wirtschaftlicher Hinsicht wie auch 
hinsichtlich der Migrationsrouten. „Die ibe¬ 
rische Halbinsel ist die natürliche Brücke 
nach Lateinamerika" 6 , so der Präsident des 
Verbandes spanischer Spediteure (FETEIA), 
Jesus Cuellar. Mit seinen 144 wöchentli¬ 
chen Flügen nach Lateinamerika ist Mad¬ 
rid der einzige europäische Flughafen mit 
täglichen Verbindungen in diese Region. 


Neben der importierten Luftfracht lan¬ 
den dort täglich etwa 300 Lateinamerika¬ 
nerinnen mit Touristenvisa, die ihren 
Rückflug nicht benutzen werden. Damit 
zählt Madrid-Barajas zu den sechs eu¬ 
ropäischen Flughäfen, über den die mei¬ 
sten Migrantlnnen nach Europa einreisen. 

Durch die Straße von Gibraltar (el Estre- 
cho), einer Meeresenge von nicht einmal 
15 km Breite, kreuzen 10% des internatio¬ 
nalen Seeverkehrs. Unter den Handels¬ 
schiffen sind jährlich bis zu 5.000 Erdölf¬ 
rachter, die das „schwarze Gold" aus dem 
Nahen Osten nach Europa und Amerika 
verschiffen. 7 Der an der Straße von Gibral¬ 
tar liegende Hafen Bahia de Algeciras, 
die europäische Seebrücke nach Afrika, 8 
ist der wichtigste spanische Frachtum¬ 
schlagsplatz. 

Des weiteren gewinnen die Häfen der 
Kanarischen Inseln (Las Palmas und Tene- 
riffe) stetig an Bedeutung. 9 Deren Trans¬ 
portinfrastruktur soll in Zukunft auch als 
Dreh- und Angelpunkt für die Afrika¬ 
geschäfte dienen. So ist beispielsweise die 
US-Regierung daran interessiert, die gün¬ 
stige geostrategische Lage der Inselkette 
für die „Kanalisierung” seiner Investitio¬ 
nen in Westafrika auszunutzen. 10 

Sowohl die Straße von Gibraltar, wie 
auch der Seeweg zwischen Nordafrika 
und den Kanarischen Inseln sind eben¬ 
falls zu bedeutenden Einreiserouten für 
Migrantlnnen geworden. Diese Wege sind 
aber nicht nur wegen ihrer zunehmenden 
Militarisierung äußerst gefährlich, der 


[17J SF 2/2004 





enorme Schiffsverkehr von Handelsschif¬ 
fen und Personenfähren beispielsweise in 
der Straße von Gibraltar erhöht das Risiko, 
das Meer per Schlauchboot zu überqueren. 

Schon rüstet das spanische Verteidi¬ 
gungsministerium - in Zusammenarbeit 
mit dem Pentagon - seine Schiffsflotte 
auf. Die Regierung argumentiert, dies die¬ 
ne dem Schutz vor einem Angriff des „in¬ 
ternationalen Terrorismus'' auf die strate¬ 
gischen Wasserstraßen. 11 

Deutlicher wird das Verteidigungsminis¬ 
terium im Strategiedokument zur Neuaus¬ 
richtung der Armee. Hier taucht nicht nur 
die Verletzbarkeit des Staates durch terro¬ 
ristische Anschläge auf. Neben der Ver¬ 
breitung von Massenvernichtungswaffen 
sieht das Ministerium auch in der „massi¬ 
ven illegalen Einwanderung" eine „Gefahr 
für die nationale Sicherheit". 12 

Außerdem wird das Militär zunehmend 
in die Abwehr der Migration eingebunden, 
obwohl derehemalige Verteidigungsminis¬ 
ter, Federico Trillo, bisher auf eine nur „er¬ 
gänzende Rolle" zum Innenministerium 
(Nationalpolizei, Guardia Civil) bestanden 
hatte. Regionalregierungen aus Fuerte- 
ventura (Kanarische Inseln) und Sevilla 
(Andalusien) bitten die Armee hingegen, 
aktiver gegen die „illegale Einwanderung" 
vorzugehen. In Ceuta und Melilla existie¬ 
ren bereits mehrere Armeecamps, in de¬ 
nen Flüchtlinge bis zu ihrer Abschiebung 
festgehalten werden. Auch in Alcarras 
(Katalonien) wurde die Armee eingesetzt, 
um Migrantlnnen in Camps „unterzubrin¬ 
gen", weil mehr als 3.000 von ihnen in 
der Erntesaison keine Beschäftigung ge¬ 
funden hatten und deshalb auf der Straße 
leben mussten. 13 

Seitdem die Schengener Visabestim¬ 
mungen für Marokko 1991 in Kraft tra¬ 
ten, 14 ist die Meeresenge zwischen Afrika 
und Europa zu einem der grausamsten 
Kapitel der EU-Migrationspolitik gewor¬ 
den: ein afrikanisches Massengrab. Men¬ 
schenrechtsorganisationen sprechen da¬ 
von, dass in den letzten 12 Jahren mehr 
als 4.000 Menschen bei dem Versuch um¬ 
gekommen sind, ohne „Einreisegenehmi¬ 
gung" nach Spanien zu gelangen. 

Vorreiter der 
EU-Migrationspolitik 

Scheinbar unbemerkt wurde der spani¬ 
sche Staat zu einem Vorreiter einer „har¬ 
monisierten" Migrationspolitik auf eu¬ 
ropäischer Ebene. Einerseits wird die Ab¬ 
wehr von Flüchtlingen verschärft, 
andererseits die Einreise von Arbeitskräf¬ 
ten reguliert, je nach den Bedürfnissen 
der Wirtschaft. Zieht man die aktuellen 


Angaben der europäischen Statistikbehör¬ 
de, Eurostat, in Betracht, so ließen sich im 
Jahr 2003 in Spanien 22,9 % der in die 
Europäische Union einwandernden Perso¬ 
nen nieder. Damit löste es Deutschland in 
der EU-Rangliste um die höchsten Auf¬ 
nahmezahlen ab. 

In der sechsmonatigen EU-Ratspräsi- 
dentschaft im Jahre 2002 rief Aznar dazu 
auf, die „heuchlerischen Masken der eu¬ 
ropäischen Einwanderungspolitik fallen 
zu lassen" 14 . Zwar wurde sein Vorschlag, 
jene Länder mit Sanktionen zu bestrafen, 
die nicht mit der EU-Migrationspolitik ko¬ 
operierten, vorerst auf Eis gelegt. Auf dem 
EU-Gipfel in Sevilla wurde aber verein¬ 
bart, dass die „illegale Einwanderung" Be¬ 
standteil der europäischen Sicherheits¬ 
und Außenpolitik sei und die Kontrolle 
der EU-Außengrenzen abermals ver¬ 


keine nationale, sondern eine EU-weite 
Angelegenheit", so der ehemalige Regie¬ 
rungsbeauftragte für Migration, Ignacio 
Gonzales, „dessen Kosten es gelte ge¬ 
meinsam zu bestreiten" 16 . Die Europäische 
Kommission wird nun 2005 sechs Millio¬ 
nen Euro, im Jahr 2006 zehn Millionen 
Euro in den Aufbau einer europäischen 
Grenzagentur stecken, um die Zusammen¬ 
arbeit an den Außengrenzen zu verbessern. 

Weiterhin forderte die Madrider Regie¬ 
rung eine EU-weite Regelung der Abschie¬ 
bungen. Sie konnte erreichen, dass 
zukünftig Rückführungsabkommen mit 
den Herkunftsländern auf der Ebene der 
Europäischen Union verhandelt werden. 
Damit geraten die betreffenden Staaten 
unter Druck: Einem EU-Mitglied die Un¬ 
terstützung in Sachen Einwanderung auf¬ 
zukündigen, mag im Bereich des Mögli¬ 



Foto: Christian Ditsch, Version 


schärft werden solle. Die Europäische Uni¬ 
on stelle jenen Staaten Gelder bereit, die 
ihre aus der Union abzuschiebenden 
Staatsbürger wieder aufnehme. Das politi¬ 
sche Asyl wurde auf Drängen Spaniens 
neu definiert, eine jährliche Revision der 
Liste visapflichtiger Länder angekündigt 
sowie ein „Aktionsplan gegen die illegale 
Einwanderung" gestartet. Dieser Plan be¬ 
inhaltet auch die Überwachung von Mo¬ 
biltelefonen, den Bau neuer Abschiebe- 
zentren sowie die Überprüfung bzw. Redu¬ 
zierung der Einwanderungsquoten von 
Arbeitsmigrantlnnen. 

Spanien setzte in den letzten zehn Jah¬ 
ren alles daran, auf die europäische Di¬ 
mension der Flüchtlingspolitik hinzuwei¬ 
sen 15 und forderte vehement Mittel und 
politische sowie juristische Initiativen ein, 
um die nationalen Kosten der „Grenzsi¬ 
cherung" auf alle Unionsmitglieder umzu¬ 
legen. „Die Bewachung der Grenzen ist 


chen liegen, aber die Zusammenarbeit mit 
einem derart wichtigen Wirtschaftsblock 
der Welt aufs Spiel zu setzen, wird sich 
wohl kaum eine Regierung leisten kön¬ 
nen. 

Ein Beispiel dafür ist Marokko. Hatte 
die marokkanische Regierung noch 1992 
eingewilligt, alle afrikanischen Flüchtlinge 
aufzunehmen, die Spanien abschiebt, so 
weigerte sie sich mit der zunehmenden 
Zahl der Abgeschobenen, die Verantwor¬ 
tung für diese humanitäre Katastrophe zu 
übernehmen 17 und alle von Spanien aus¬ 
gewiesenen Flüchtlinge aufzunehmen. Die 
Regierung behielt sich vor, jeden einzel¬ 
nen Fall zu prüfen. Im Jahre 2000 bat 
Spanien in Brüssel schließlich darum, ein 
Abkommen mit Marokko zu treffen, um 
die Immigrantinnen ohne Papiere „pro¬ 
blemlos" wieder nach Marokko zurück¬ 
führen zu können. 18 Darauf hin lenkte 
Marokko im März 2002 ein. 19 


[18] SF 2/2004 








Das reichte der spanischen Elite noch 
nicht aus. Sie machte Marokko weiterhin 
schamlos für die illegale Einwanderung 
nach Europa verantwortlich, weil „seine 
Grenzen zu durchlässig” seien. „Die illega¬ 
le afrikanische Immigration wird an den 
marokkanischen Küsten verursacht, also 
ist es dort, wo eingegriffen werden muss", 
erklärte der Staatssekretär für Auswärti¬ 
ges, Miguel Nadal. 20 Der frühere spani¬ 
sche Außenminister, Josep Pique, beschul¬ 
digte die marokkanische Polizei, mit den 
„Mafiabanden des Menschenhandels” zu¬ 
sammenzuarbeiten. Marokkos Staatsober¬ 
haupt, König Mohammed VI, war bis da¬ 
hin der Ansicht, die „Mafia” komme aus 
Spanien und seine Regierung habe mit 
der Migration nichts zu tun. Dem hielten 
die spanischen Medien und Regierungs¬ 
vertreter entgegen, dass 60% der irregu- 


sorgte sich jedoch nicht um das „Recht 
auf Leben, Freiheit und Sicherheit" ihrer 
Staatsbürger. Auf marokkanischer Seite 
kritisierten nur kleinere Zeitungen und die 
Organisation der Familienangehörigen 
von verschwundenen Migrantlnnen das 
„absolute Schweigen” ihrer Eliten. 23 Auf 
spanischer Seite warf die parlamentari¬ 
sche Linke den zuständigen Behörden vor, 
fahrlässig gehandelt zu haben. Die anda- 
lusische Küstenwache ließ sich mehr als 
eine Stunde Zeit, um den SOS-Funksigna- 
len eines Containerschiffes nachzukom¬ 
men. Das Innenministerium sah „keinerlei 
Fehler” im Handeln der Sicherheitsbeam¬ 
ten. 

Die Regierung Aznar erreichte durch ih¬ 
re aggressive Diplomatie, die Weiterreise 
von Immigrantinnen aus Ländern südlich 
der Sahara bereits in den Maghrebstaa- 


in Marokko auf ihrem Rücken ausgetra¬ 
gen werden. Zunehmen wird auch die Mi¬ 
litarisierung der Region, die willkürlichen 
Abschiebungen sowie die Repression ge¬ 
gen die einheimische Bevölkerung. Die 
spanische Regierung finanziert bereits 
marokkanische centros de concentraciön 
und benutzt die Entwicklungshilfe zur 
Aufrüstung und Modernisierung der ma¬ 
rokkanischen Polizei. 25 Damit folgt es 
dem Vorschlag der britischen Regierung, 
außerhalb der Europäischen Union „Zen¬ 
tren zur Asylbearbeitung” einzurichten, 
um die „Flüchtlingsströme von den EU- 
Grenzen fernzuhalten". 


Das spanische Ausländergesetz ist wohl 
das repressivste in Europa. In vier Jahren 


Ausländergesetz 



lären Migrantlnnen, die nach Spanien ge¬ 
langen, marokkanischer Staatsbürger¬ 
schaft seien. 21 

Mohammed VI kündigte schließlich an, 
eine Spezialtruppe von 2.500 Mann für 
den Kampf „gegen die heimliche Emigra¬ 
tion” aufzustellen und kam damit den 
spanischen Forderungen nach. Seit 2004 
patrouillieren marokkanische Polizisten 
außerdem auf Schiffen der spanischen 
Küstenwache zwischen El Aaiün und Fuer- 
teventura, um mit „operativen Informatio¬ 
nen über die Herkunft der Fischerboote” 
die Quote abgefangener Migrantlnnen 
„zu verbessern". 22 

Unter der verschärften Politik haben 
vor allem die Flüchtlinge zu leiden, wie an 
einem Beispiel vom Oktober 2003 deut¬ 
lich wurde. In der Bucht von Gadiz (An¬ 
dalusien) waren mehr als 50 Marokkane¬ 
rinnen in einem Schlauchboot verun¬ 
glückt. Die marokkanische Regierung 


ten zu bremsen. Einer Studie der Interna¬ 
tionalen Arbeitsorganisation (ILO) zufol¬ 
ge, 24 überqueren jedes Jahr 80.000 Mi¬ 
grantlnnen die Grenzen Algeriens und 
Libyens, doch nur 10.000 bis 16.000 
schaffen es, ihre Reise nach Europa fort¬ 
zusetzen. Alle anderen bleiben in den 
Maghrebstaaten. Damit verlagerten sich 
die Schengengrenzen nach Süden. Die 
spanische Regierung entledigte sich eines 
Teils des schmutzigen Krieges gegen die 
Flüchtlinge, den nun die betreffenden 
Behörden der Maghrebstaaten überneh¬ 
men. So wurden sie direkt in die Umset¬ 
zung der europäischen Abschottungspoli¬ 
tik eingebunden. 

Marokko verwandelt sich also in ein 
„Nadelöhr" der Europäischen Union. Das 
werde nach Ansicht von Menschenrechts¬ 
organisationen nicht nur die Situation 
afrikanischer Flüchtlinge in diesem Staat 
verschlechtern, weil die sozialen Konflikte 


wurde es dreimal verschärft, mit den Stim¬ 
men der sozialdemokratischen Opposition. 
Es spricht den Migrantlnnen ohne Papie¬ 
re, den sin papeles, nicht nur jegliche 
Rechte ab, sondern macht sie zu Sklaven 
der spanischen Wirtschaft Die letzte Ge¬ 
setzesänderung trat Anfang 2004 in 
Kraft. Sie „eliminiert praktisch die weni¬ 
gen legalen Wege zur Einreise und Legali¬ 
sierung des Aufenthaltes, die bisher noch 
existierten”, erklärte die Organisation SOS 
Racismo. „Deshalb ist es ein Gesetz, das 
die irreguläre Immigration fördert, dessen 
Ergebnis wir kennen: Tote im Meer, wach¬ 
sendes Geschäft der Schleppernetzwerke, 
Ausbeutung auf dem Arbeitsmarkt, sozia¬ 
le Ausgrenzung, Rassismus.” 26 Mehr als 
eine Million sin papeles müssen in ständi¬ 
ger Angst und Unsicherheit leben. 

Zwei Aspekte des Gesetzes sollen hier 
näher beleuchtet werden. Zum einen wer¬ 
den die Grenzkontrollen verschärft und 


[19] SF 2/2004 

















In welcher Verfassung ist Europa? 

Europäische Union: Militarisierung und 
Fl üchtl ingsab wehr 

Hrsg, von Rudi Friedrich, Connection e.V. r 
Karl Kopp, Pro Asyl und 
Tobias Pflüger, Informationsstelle 
Militarisierung e.V. 

April 2004,96 $., ca. 7 Euro 
ISBN 3-931786-37-4 
Trotzdem Verlagsgenossenschaft eG, 
Grafenau 

Erstmalig wird mit diesem Buch die 
Abschottungs- und Militärpolitik der 
Europäischen Union dargestellt - mit 
Analysen und Positionen aus verschiedenen 
Ländern. Die Beiträge liefern wichtige 
Hintergrundinformationen für eine 
Kampagne, die grundlegende Inhalte der 
EU-Politik, wie auch der geplanten 
Verfassung in Frage stellen. 

Mit Beiträgen von Norman Paech, Stasa 
Zajovic (Belgrad), Coskun Osterei (Türkei), 
Tom Kucharz (Spanien), Helmut Dietrich u.a. 



die inneren und äußeren Grenzen verla¬ 
gert. Nun nehmen die Fluggesellschaften, 
Busunternehmen oder Botschaften die 
Funktion der Grenzpolizei ein. Es wird bei¬ 
spielsweise von den Fluggesellschaften 
verlangt, die Passagiere aufzulisten, die 
nach Spanien reisen oder sich im Transit 
aufhalten. Sie sollen auch die persönli¬ 
chen Daten unbenutzter Rückflugtickets 
unverzüglich an die Polizei weiterleiten. 
Wer gegen diese Normen verstößt, muss 
mit Geld- oder Haftstrafen rechnen und 
für die Kosten der Abschiebungen auf- 
kommen. Damit wird das Recht auf Asyl 
enorm eingeschränkt: Die Fluggesellschaf¬ 
ten filtern aus Vorsicht vor Sanktionen 
bereits bei der Abreise Personen heraus, 
indem sie ihnen das Check-In versagen. 
Angestellte von Privatgesellschaften ent¬ 
scheiden somit, ob eine Person ein „po¬ 
tentieller" Asylsuchender ist oder nicht. 

Zum anderen vereinfacht das Auslän¬ 
dergesetz den Prozess der Abschiebungen. 
Es wurde mit Regelungen im Strafgesetz¬ 
buch verbunden und stellt so eine Bezie¬ 
hung zwischen Migration und Verbrechen 
her. Vor vier Jahren hatte die Regierung 
eine Wahlkampagne zum Thema „Innere 
Sicherheit" durchgeführt. Seitdem drohte 
sie damit, „straffällig gewordene Auslän¬ 
der abzuschieben''. Dieser Slogan brachte 
der Volkspartei nicht nur die absolute 
Mehrheit, er wurde von der Justiz tatkräf¬ 
tig unterstützt und seit 2002 EU-weit 
durchgesetzt. Staatliche Behörden können 
heute die sofortige Abschiebung für Per¬ 
sonen fordern, denen Delikte mit einer 
Strafandrohung von sechs Jahren oder 
mehr Gefängnis vorgeworfen werden - 
bevor ein Urteil über Schuld oder Un¬ 
schuld vorliegt Sollte die Abschiebung 
nach drei Tagen nicht vollzogen sein, 
kann ein Richter die Einweisung in ein 
Abschiebezentrum für bis zu 40 Tage an¬ 
ordnen. Migrantlnnen ohne legalen Auf¬ 
enthaltsstatus oder mit einem Abschiebe- 
verfahren eines anderen EU-Landes kön¬ 
nen sogar ohne richterliche Prüfung 
ausgewiesen werden. Wer einmal abge¬ 
schoben wurde, darf Spanien 10 Jahre 
lang nicht mehr betreten. 

Nach Angaben der Regierung wurden 
im Jahre 2002 insgesamt 74.467 Men¬ 
schen abgeschoben oder an den Grenzen 
abgewiesen. Im Jahr darauf wurde der 
Etat zur Umsetzung von Abschiebungen 
noch um 186% aufgestockt, 27 was zu 
deutlich höheren Zahlen führte. Nach An¬ 
gaben des Ministeriums registrierte die 
Polizei 2003 bei Personen- und Grenzkon¬ 
trollen 92.679 Personen „ohne Papiere", 
die ab- bzw. zurückgeschoben oder an der 
Grenze abgewiesen wurden. 28 Bei dem 


Versuch, heimlich über das Meer auf spa¬ 
nisches Gebiet zu gelangen, wurden 
10.971 Menschen verhaftet. 29 

Wie in vielen Ländern wurde die „illega¬ 
le Einwanderung" auch in Spanien öffent¬ 
lich debattiert. Parteien von rechts bis 
links machten rassistische Vorschläge auf 
Kosten der Migrantlnnen um Stimmen zu 
fangen. Darüber hinaus wird mit dem 
Thema eine antisoziale und autoritäre Po¬ 
litik vorangetrieben und legitimiert. Die 
Migrantlnnen sind für die herrschende 
Schicht Spaniens eine Art „menschliches 
Labor", mit dem sie erprobt, wie weit sie 
mit der Einschränkung von Grund- und 
Menschenrechten gehen kann, ohne den 
Status quo in Gefahr zu bringen. So wird 
der „Kampf gegen die illegale Einwande¬ 
rung" immer wieder als Vorwand benutzt, 
um demokratische Rechte abzuschaffen, 
den Arbeitsmarkt zu deregulieren und das 
unzureichende Sozialsystem weiter einzu¬ 
schränken. 

Nützliche Migrantlnnen - 
entrechtete Arbeitskräfte 

Auf der einen Seite bestimmen Rassismus 
und Wettbewerbsdenken den gesell¬ 
schaftlichen Konsens, mit dem das Thema 
Migration behandelt wird. „50 % der Spa¬ 
nier denken, dass es zu viele Immigrantin¬ 
nen gibt", so eine Umfrage der Stiftung 
FUNCAS. Auf der anderen Seite brauche 
Europa die Einwanderer, um den Alte¬ 
rungsprozess der Gesellschaften zu stop¬ 
pen und 1,5 Millionen Arbeitsplätze zu 
bedienen, wie die Europäische Kommissi¬ 
on immer wiederholt. Nach Angaben der 
Weltbank und der spanischen Kommissi¬ 
on zur Hilfe der Flüchtlinge (CEAR) 
benötige Spanien jedes Jahr die Zuwan¬ 
derung von 300.000 Personen, um das 
Bruttosozialprodukt, die Geburtenrate 
und das Rentensystem stabil halten zu 
können. Schließlich kommen bereits die 
Hälfte aller neuen Beitragszahler der Sozi¬ 
alversicherung aus dem Ausland. Doch 
obwohl die Migrantlnnen, die in nicht re¬ 
gulierten Arbeitsverhältnissen beschäftigt 
werden, zum wirtschaftlichen Wohlstand 
der Aufnahmeländer beitragen, ist die öf¬ 
fentliche Meinung über „illegale Immigra¬ 
tion" äußerst negativ und speist rassisti¬ 
sche Reaktionen. 30 

Schauen wir nach Lateinamerika: 
Während spanische multinational auftre¬ 
tende Unternehmen in Lateinamerika Ar¬ 
beitslosigkeit, Armut, Vertreibungen, Pri¬ 
vatisierungen, Preiserhöhungen und Um- 
weltzerstörung provozieren, wartet die 
dortige Bevölkerung vor den spanischen 
Botschaften auf ein Visum oder eine Ar- 


[20] SF 2/2004 





! 


beitserlaubnis. Die Opfer der Globalisie¬ 
rung suchen nach einem Ausweg, der 
nicht nur Erwerbsmöglichkeiten ver¬ 
spricht, sondern auch die Ernährung in 
der Heimat zurückgebliebener Familien¬ 
angehöriger garantiert. In den von Krisen 
geschüttelten Ländern wie Ecuador oder 
Argentinien dominiert die Logik, aus 
Sprachgründen nach Spanien auszuwan¬ 
dern. So stieg der Anteil lateinamerikani¬ 
scher Migrantlnnen allein von 2002 auf 
2003 um 43 %, aus Ecuador um 50 % 
und aus Argentinien um 93 %. In nur 6 
Jahren hat sich die Zahl der Ausländerin¬ 
nen verdreifacht. Lebten 1998 etwa 
637.085 Ausländer in Spanien (davon 42 
% aus der EU), sprechen die offiziellen 
Statistiken heute von 2.672.596 (21,3 % 
aus der EU). 31 


toinlandsproduktes (130 Mrd. Euro). 35 
Das neue Ausländergesetz verschärft die 
Situation. „Das Angebot von Schwarzar¬ 
beitern benutzen die Unternehmer, um 
die Kosten zu drücken und die Bedingun¬ 
gen zu verschlechtern", stellt die Migrati¬ 
onsbeauftragte der Gewerkschaft UGT, 
Almudena Fontecha, klar. Dieser Sachver¬ 
halt hat unter anderem zur Folge, dass 
durch die prekären Arbeitsverhältnisse die 
Unfallquote überdimensional ansteigt. Je¬ 
der dritte Tote bei Arbeitsunfällen ist Aus¬ 
länder. 36 

Unter den Migrantlnnen ist die Arbeits¬ 
losenquote dreimal so hoch wie beim Rest 
der Bevölkerung. Die Politik mit Migration 
ist eine neue Quelle für Armut und Elend, 
die Sklaven für den europäischen Wohl¬ 
standsmarkt produziert. Ob in den Ge- 


ter diesen Umständen war die Mehrheit 
der Tagelöhner bereit, jedes Arbeitsver¬ 
hältnis zu akzeptieren. Gerade die niedri¬ 
gen Lohn- und Nebenkosten machen spa¬ 
nisches Obst und Gemüse auf dem Markt 
der Europäischen Union so wettbewerbs¬ 
fähig, während in den Anbaugebieten eine 
Art Apartheid entstanden ist. An dieser 
Situation bereichern sich die spanischen 
Landbesitzer wie die multinationalen Un¬ 
ternehmen Hollands, Frankreichs oder 
Deutschlands durch den Obst- und Gemü¬ 
severkauf in Mittel- und Nordeuropa. 

Das Arbeitsministerium spitzte die Situ¬ 
ation weiter zu. Es schloss mit den Ge¬ 
werkschaften Rahmenabkommen ab, mit 
denen für die Erntesaison größere Kontin¬ 
gente von Arbeitsmigrantlnnen zumeist 
aus Polen, Rumänien, Kolumbien, Ecua- 



Foto: Ute Moschner, Version 


Foto: Herby Sachs,!version 


Im Durchschnitt schickt jeder Migrant 
monatlich 300 Euro „nach Hause". Das 
entsprach im vergangenen Jahr einer Ge¬ 
samtsumme von 2,3 Milliarden Euro. 32 
Für Ecuador sind die Geldtransaktionen 
die zweitwichtigste Deviseneinnahme¬ 
quelle. Den Daten der Weltbank zufolge 
haben die Sendungen einen großen Ein¬ 
fluss auf die Armutsentwicklung. Verrin¬ 
gern sich die Geldzuwendungen, erhöhe 
sich automatisch die Armut. 33 

Einmal am Zielort angelangt, arbeiten 
die meisten von ihnen in den Nischen des 
Arbeitsmarktes unter sklavenähnlichen Be¬ 
dingungen: in der Schuhproduktion, Land¬ 
wirtschaft, Lederverarbeitung, auf Bau¬ 
stellen, bei Reinigungsbetrieben, in der 
Prostitution sowie im Hausarbeitssektor. 34 
In vielen Fällen schuften sie zu Hunger¬ 
löhnen 10 bis 13 Stunden am Tag, ohne 
Arbeitsvertrag und ohne Sozialversiche¬ 
rung. Dieser Niedriglohnsektor bzw. infor¬ 
melle Arbeitsmarkt erwirtschaftete jedoch 
2003 bereits 23 % des spanischen Brut- 


wächshäusern von Almeria oder den Erd- 
beerfeldern von Huelva: Inmitten des rei¬ 
chen Europas nächtigen Migrantlnnen 
unter Plastikplanen, Bauschutt und Holz¬ 
paletten. Tausende müssen in Kirchen um 
Nahrungsmittel betteln, leben auf verlas¬ 
senen Industriegeländen, in Fabriken, 
Containern, Wohnanhängern, Garagen 
oder in Parks. 

Die Situation hatte sich schon mit dem 
Inkrafttreten des Ausländergesetzes im 
Jahre 2001 verschärft. Unternehmen und 
Großgrundbesitzer weigerten sich „aus 
Furcht vor juristischen Maßnahmen und 
Bußgeldern", Migrantlnnen ohne Arbeit¬ 
serlaubnis einzustellen. So waren in den 
Gemüse- und Obstplantagen lange Zeit 
bis zu 10.000 Stellen frei, während zahl¬ 
reiche Familien nicht einmal die 
Ernährung ihrer Kinder garantieren konn¬ 
ten oder auf der Straße landeten. In den 
Regionen Murcia, Almeria, Huelva, Kata¬ 
lonien und Castilla de la Mancha häuften 
sich die humanitären Notsituationen. Un- 


dor oder dem ehemaligen Jugoslawien 
angeworben wurden. Mit dieser Maßnah¬ 
me strafte die Regierung diejenigen, die 
sich in den Jahren zuvor (2000/2001) an 
den Massenprotesten gegen die Verschär¬ 
fungen des Ausländergesetzes mit Kir¬ 
chenbesetzungen, Hungerstreiks, Demon¬ 
strationen und Arbeitsniederlegungen be¬ 
teiligt oder sie organisiert hatten. Das traf 
vor allem die afrikanische Bevölkerung. So 
wurden beispielsweise polnische Frauen 
in der Erdbeerprovinz Huelva für jene Ar¬ 
beit angestellt, die vorher maghrebinische 
Arbeiterinnen verrichtet hatten. 5.000 bis 
6.000 Migrantlnnen lebten fortan mit 
und ohne Papiere unter den bereits be¬ 
schriebenen inhumanen Zuständen. Wer 
Papiere hatte, konnte auch nicht einfach 
in eine andere spanische Provinz gehen, 
da der Legalisierungsprozess des Jahres 
2001 ihnen nur erlaubte, in Huelva legal 
zu arbeiten. 

Um auf ihre ausweglose Lage aufmerk¬ 
sam zu machen, organisierten sie zahlrei- 


! 


[211 SF 2/2004 





che Proteste, die bei den Verantwortlichen 
auf taube Ohren stießen. Die Volkspartei 
rief gar aus Angst vor der „inneren Unsi¬ 
cherheit" zu Bürgerprotesten auf, an de¬ 
nen sich zum Beispiel in Huelva 3.500 
Personen beteiligten. Als die sin papeles 
schließlich einem permanenten Polizeiter¬ 
ror ausgesetzt waren, entschlossen sich 
mehr als 600 von ihnen, kurz vor dem EU- 
Oipfel in Sevilla im Jahre 2002, die Uni¬ 
versität Pablo de Olavide zu besetzen. Sie 
forderten „Papiere für alle" und damit ei¬ 
ne Legalisierung des Aufenthaltes aller 
Migrantlnnen. Dem kam die Zentralregie¬ 
rung nicht nach. „Wenn jemand in einem 
Land Arbeit sucht und sie nicht findet, 
muss er nach Hause zurückkehren", so die 
Antwort des damaligen Migrationsbeauf¬ 
tragten, Enrique Fernandez-Miranda. 
Nach einer zweimonatigen Polizeieinkes¬ 
selung und ergebnislosen Verhandlungen 
wurde die Universität polizeilich geräumt. 
Etwa 270 Migrantlnnen wurden festge¬ 
nommen, 210 von ihnen nach einer erken¬ 
nungsdienstlichen Behandlung in einer 
bisher einmaligen Operation abgescho¬ 
ben. 38 

Obwohl das spanische Innenministeri¬ 
um letztes Jahr 92.679 Menschen ab- 
bzw. zurückschieben ließ und damit die 
neue Abschiebepraxis unter Beweis stell¬ 
te, zeigen die offiziellen Daten auch, dass 
im selben Zeitraum mehr als 323.000 
Aufenthaltspapiere ausgestellt wurden. In 
der kurzen Einwanderungsgeschichte Spa¬ 
niens erhielten noch nie so viele Men¬ 
schen in einem Jahr Papiere, zudem mit 
einem Ausländergesetz, das nur eine Ar¬ 
beitsmigrationsquote von jährlich 30.000 
Personen vorsieht. Dies zeigt eines der be¬ 
deutendsten Elemente der Ausländerpoli¬ 
tik: Auf der einen Seite wird gegen die „il¬ 
legale Einwanderung" aufgerüstet und 
Stimmung gemacht, um „Zuströme zu 
stoppen" und abzuschieben; auf der an¬ 
deren Seite wird selektiv das Aufenthalts¬ 
recht erteilt. Es sind „zwei Säulen der 
Migrationspolitik", wie der Migrationswis¬ 
senschaftler Frank Düvell schreibt: „Ab¬ 
schiebung der Unerwünschten und Her¬ 
einnahme der Nützlichen". Das liefe „in 
letzter Konsequenz auf einen großange¬ 
legten Bevölkerungsaustausch" hinaus. 39 

Deutlich wird damit vor allem, dass im 
neoliberalen Politikverständnis die Men¬ 
schen nach wirtschaftlich Nützlichen und 
Unnützen eingeteilt werden. Der Mensch 
wird zum „Humankapital". Er wird in ei¬ 
nen globalen Prozess der Regulierung von 
Geld- und Warenströmen eingegliedert, 
der weltweit einheitliche und günstige 
Investitions- und Handelsbedingungen 
schaffen soll. 


Mit der militärisch abgesicherten 
Flüchtlingspolitik auf europäischer Ebene 
werden nicht nur die Menschenrechts¬ 
standards mit Füßen getreten, sie ist viel¬ 
mehr ein „menschliches Labor", in dem 
die gesellschaftlich durchsetzbaren Ein¬ 
schränkungen von Grund- und Menschen¬ 
rechten erprobt werden - mit gravieren¬ 
den Folgen für die Bevölkerung der Her- 
kunfts-, • Transit- wie auch der 
Aufnahmestaaten. Das Beispiel Spanien 
zeigt dies nur allzu klar. 


Leicht gekürzter Beitrag aus dem Buch: 
Europäische Union: 

Miiitarisierung und Flüchtlingsabwehr 
Hrsg, von Rudi Friedrich, Connection e.V ., 
Karl Kopp, Pro Asyl und Tobias Pflüger, 
Informationsstelle Militarisierung e.V. 
April 2004, 96 S., ca. 7 Euro 
ISBN 3-931786-37-4 
Trotzdem Verlagsgenossenschaft eC, 
Grafenau 


1 vgl. C. Pereda, W. Actis, M.A. de Prada: La inmigra- 
ciön extranjera en Espafia, 2000. In: La Inmigraciön 
extranjera en Espafia - Los retos educativos. 
Fundaciön Ja Caixa", Barcelona 2000 

2 In El Ejido gab es im Februar 2000 wochenlange 
Ausschreitungen, bei denen Wohnungen, Geschäfte 
und Arbeitsplätze algerischer und marokkanischer 
Migrantlnnen in Brand gesteckt und zerstört 
wurden. Obwohl der Bürgermeister, Juan Enciso 
(PP), die Pogrome offen unterstützte, folgten keine 
juristischen oder politischen Konsequenzen daraus. 
Auch das Versprechen der Regierung, allen 
obdachlosen Familien eine Unterkunft zu organisie- 

• ren, wurde nicht eingelöst. 

3 nach El Pafsvom 16.3.2004 

4 El Periodico de Catalunya vom 16.3.2004 

5 vgl, den Beitrag von Tobias Pflüger in diesem Buch 

6 auf einer Wirtschaftskonferenz der Spediteure aus 
Europa, Nord- und Südamerika (ALACAT) in Madrid, 
Mai 2002 

7 vgl. Asociaciön Pro Derechos Humanos de An- 
dalucia: El Estrecho: la muerte de perfil. Los 
derechos humanos y la inmigraciön clandestina. 
Sevilla 2003 

8 Jedes Jahr passieren vier Millionen Menschen und 
eine Million Fahrzeuge den Hafen. Von Algeciras 
nach Ceuta braucht eine Fähre im Durchschnitt nur 
30 Minuten, der marokkanische Hafen Tanger ist 
von Tarifa aus in 35 Minuten zu erreichen. 

9 Allein 2003 zählte die spanische Hafenbehörde 
119.235 Handelsschiffe im Transitverkehr. Die 
spanischen Häfen insgesamt erreichten mit mehr als 
380 Mio. Tonnen einen neuen Frachtumschlagsre¬ 
kord. Der Hafen Algeciras schlug 60 Mio. Tonnen 
um, die Häfen der Kanarischen Inseln 39,3 Mio. 
Tonnen. 

10 so Angel Ferrera, Präsident der Industrie- und 
Handelskammer Las Palmas in ACN-Press/Diario de 


Avisos, 29.4.2000. Allein 1999 erreichten die Inseln 
1,6 Milliarden Euro an Auslandsinvestitionen. 

11 nach El Pafsvom 8.02.2004 

12 nach El Pafsvom 18.11.2002 

13 vgl. El Pafsvom 277.2002 

14 Der Schengener Vertrag trat am 25. Juni 1991 in 
Kraft. 

15 nach Berliner Wochenzeitschrift Jungle World vom 
18.6.2002 

16 vgl. Daniele Weber: Kalkulierte Katastrophen, In: 
Jungle World vom 17.12.2003 

17 nach El Pafs vom 26.10.2003 

18 vgl. El Pafsvom 5.9.2001. Die Abschiebungen 
fanden in ein von Armut geprägtes Land statt. 1998 
lebten 3.496.000 Bewohner auf dem Land in 
Armut, und 1.814.000 in den Städten; www.stati- 
stic.gov.ma/pob62bis.htm. Aufgrund einer 
drohenden humanitären Katastrophe hatte 
beispielsweise die katholische Kirche aus Ceuta im 
Herbst 2003 die staatliche Verwaltung um 
Lösungen für etwa 400 Migrantlnnen gebeten, die 
in der Exklave unter erbärmlichen Bedingungen 
überlebten. 

19 vgl. El Pafs vom 30.5.2000 

20 vgl. marokkanische Zeitung AI Ittihad AI Ishtiraki 
vom 20.10.2003 

21 nach El Pafs vom 5.9.2001 

22 vgl. die tageszeitung vom 9.12.2003 

23 vgl. El Pafsvom 20.1.2004. 2003 wurden an der 
kanarischen Küste 9.212 Personen verhaftet. 

24 vgl. Zeitung As Sahifa vom 7.11.2003 

25 www.laverdad.es vom 20.11.2002. Der ehemalige 
Migrationsbeauftragte, Gonzalez, machte „zukünfti¬ 
ge Pläne der Entwicklungshilfen für Afrika von der 
Rücknahme ihrer Migranten abhängig"; nach El Pafs 
vom 1.9.2002 

26 vgl. Asociaciön Pro Derechos Humanos de An- 
dalucia: El Estrecho: la muerte de perfil, Los 
derechos humanos y la inmigraciön clandestina. 
Sevilla 2003 

27 SOS Racismo: Contra la ley de Extranjerfa y su 
reforma. Barcelona 2003 

28 vgl. Asociaciön Pro Derechos Humanos de An- 
dalucia ebenda. 

29 Darunter allein 49.000 in den autonomen 
Gemeinden Ceuta und Melilla 

30 nach El Mundo 171.2004. Andere Medien sprechen 
von 19.000 (El Pafs vom 10.1.2004). 

31 vgl. Wirtschafts- und Sozialausschuss der UNO, Den 
Haag vom 3.71998 

32 Carmen Alcaide, Präsidentin des Nationalen 
Statistikinstituts (INE) in El Pafsvom 29.1.2004 

33 so Joaquin Aranda von der Studienabteilung der 
Sparkasse Caja Murcia 

34 Einer Studie von 1998/99 zufolge, erreichte der 
Anteil der Geldsendungen in Marokko am Einkom¬ 
men einer Familie, die derartige Einkünfte erhält, 
17% in urbanen Gebieten und 10% in ländlichen. 
Wenn eine Million Marokkaner 1998/99 kein Geld 
von ihren Angehörigen aus Europa erhalten hätten, 
wäre die Armut in der Stadt um 23% und auf dem 
Land um 31% gestiegen. Word Bank Poverty, 

Update 2000 

35 vgl. das Dossier Campana de la fresa en Huelva, 
movilizaciones de inmtgrantes y encierro en la 
Universidad Pablo de Olavide, Sevilla 2003 

36 vgl. Fundaciön de Cajas de Ahorros Confederadas 
(FUNCAS): Papeles de la Economfa Espanola, 2003 

37 vgl. Die Gewerkschaft CCOO vom 31.72002 

38 siehe Dossier Campana de la fresa en Huelva a.a.O. 

39 Frank Düvell: Die Globalisierung des Migrationsregi¬ 
mes. Zur neuen Einwanderungspolitik in Europa. 
Assoziation A, Berlin 2002 


[22] SF 2/2004 






Polen: Skins ermorden anarchistischen 
Radiomacher 


Am Donnerstag, den 17.Juni 2004 haben laut Mitteilung 
des Radios an dem er mitwirkte, Nazi-Skinheads den pol¬ 
nischen Anarchisten Radek aus Torun bestialisch ermor¬ 
det.' Radek war ein Radiomacher bei www.uliczmk.net - 
was die Frage aufwirft, ob die Tat zufällig oder gezielt 
begangen wurde. 

Radek fuhr mit einem Freund im Zug zu einem Konzert. 
Dabei wurde er von einer Gruppe Skinheads angegriffen, 
die ihn zusammenschlugen und ihm die Dreadlocks 
abschnitten. Der Angriff war offenbar auch rassistisch 
motiviert, da Radek „Mischling" war. Schwerverletzt 
warfen die Angreifer schließlich ihr Opfer aus dem fah¬ 
renden Zug. Radek kam dabei um das Leben. 


Äii8Si 


fs ■■■mm 

0K 


Endlich ist es soweit Die Berner Videogruppe konnte den Film „Zapatista - Chronik 
einer Rebellion" fertig mit Untertitel versehen. Damit wird dieses wichtige Dokument 
für den deutschsprachigen Raum endlich für alle zugänglich! 

„Zapatistas - Chronik einer Rebellion " 
canalseisdejulio 3 la jornada, Mexico 2003 
O-Ton mit deutschen Untertiteln 

Übersetzt durch die Videogruppe Bern in Zusammenarbeit mit der 
AG Chiapas, Bern , Schweiz 
120 Min , DVD 

„Der Film ist eine Chronik der zapatistischen Bewegung, die noch vor dem öffent¬ 
lichen Auftreten der EZLN am 1, Januar 1994 beginnt und bis zur Auflösung der 
Aguascalientes und Errichtung der Caracoies im August 2003 reicht", 

Bezug entweder direkt bei Benny, benbaum@bluewin.ch oder um ganz sicher zu 
sein über das Mobiltelefon +41 -76-365 70 99. Selbstverständlich kann auch über die 
Zürcher Gruppe Kontakt aufgenommeii werden. 

Versand passiert mit DVD und gegen eirifcn Unkostenbeitrag von 20 Euro bei nicht¬ 
kommerzieller Verwendung. 

Direkte Solidarität mit Chiapas 
Postfach 8616 
8036 Zürich, SUIZA 


Cafe RebelDia fein-fair-bio 
Eglistrasse 25 
8004 Zürich 


Bolivien an d 
zur Rev 


A-Camp 2004 


Liebe Theaterfreundinnen und Freunde, liebe 
Freunde und Unterstützer des Theaters der Un- 
terdrueckten (CTO) 

Augusto Boal, Brasilianischer Theaterdirektor und Gründer 
des Theaters der Unterdrückten ist waehrend einer berufli¬ 
chen Auslandsreise ernsthaft erkrankt und musste sich in 
San Francisco, Kalifornien wegen einer bakteriellen Infek¬ 
tion einer Notoperation am Knie unterziehen. Die Erkran¬ 
kung ist gravierend, aber sein Gesundheitszustand stabili¬ 
siert sich. Waehrend ich diesen Brief schreibe, ist Boal noch 
im Krankenhaus. Wir müssen davon ausgehen, dass die 
Krankenhauskosten etwa 60.000 bis 80.000 US $ betra¬ 
gen werden. Dies ist in der Tat eine sehr große Summe; 
Boal hat keine Auslandskrankenversicherung. Boal hat sein 
Leben und seine Energie dem Kampf für soziale Gerechtig¬ 
keit auf der ganzen Welt gewidmet.und ist nun in einer Si¬ 
tuation, in der er unsere Hilfe brauchten Zusammenarbeit 
mit Boal, seiner Familie und seinen Kollegen in Rio bitten 
wir um Spenden fuer den HOSPITAL 
BILL FUND, um die Krankenhauskosten 
begleichen zu können. 100% der ein¬ 
gehenden Spenden werden zur Bezah¬ 
lung der Krankenhausrechnung ver¬ 
wendet 

Informationen über Boals Arbeit findet 
ihr unter: http://www.ctorio.com.br/ 
und auf: http://www.theatreoftheop- 
pressed.org 

Es gibt verschiedene Möglichkeiten 
Geld zu schicken, z.B. Bezahlung mit 
Kreditkarte (VISA) über die homepage 
des headline theaters (Rubrick „Sup¬ 
port us") 


Vielen Dank für Eure Grosszügigkeit 
David Diamond, Artistic Director, 
Headlines Theatre 


vom 31 Juli bis 7. August 2004 findet bei Berlin auf dem Kesselberg 
(Nähe Erkner, östlich Berlins) das diesjährige A-Camp unter dem 
Motto YA BASTA statt. 

Kontakt: A-camp c/o A-Laden 

Rathenower Str. 22, D-10559 BERLIN 
(nur Post!) 

Info: www.a-camp.tk 

Das A-Camp wird wieder - wie in den vorangegangenen Jahren - ein 
open space für gelebte Anarchie sein, ein paar Tage selbstorganisier¬ 
tes, selbstverantwortliches gemeinsames Leben, Spaß haben und 
Reden, Meinungen und Erfahrungen austauschen und vielleicht auch 
Pläne schmieden. 

Der Kesselberg ist ein selbstverwaltetes, kapitalneutralisiertes Gelände 
mit einigen Gebäuden mitten im Wald (von dem über 30 Hektar 
dazugehoren), auf dem in Vorwendezeiten einmal die Gegenseite ihren 
Lauschposten hatte: die StaSi. Mittlerweile ist das Terrain mit vielen 
Unterstützungsgeldern gekauft worden und wird von einer gemischten . 
Gruppe von Leuten belebt www.kesselberg.info 

















Worum geht es in Ihrem neuen Buch: „ Pa - 
recon: Life After Capitalism'? 


Boykottiert Gen-Food 

ln Nordamerika kämpfen Landwirte bereits gegen Superunkräuter, die 
durch die Ausbreitung von Gen-Pflanzen entstanden sind. Um diese 
zu vernichten, werden wiederum hochgiftige Pestizide eingesetzt. Seit 
Mitte April 2004 müssen die Lebensmittelhersteller in der BRD gen¬ 
technisch veränderte Produkte ausweisen, sobald gentechnisch verän¬ 
derte Pflanzen ins Lebensmittel gewandert sind. Also Zutaten aus 
gentechnisch verändertem Raps, Mais, Soja etc. 

Wer benutzt Gentechnik in Lebensmitteln und sollte 
boykottiert werden? 

Müllermilch z.B., dazu gehören auch die Marken Weihenstephan und 
Sachsenmilch oder Nestles Herta-Wurst. Doch systematisch und nur 
die allerdeutlichsten, das heißt nicht, dass nicht weitere teilweise Gen¬ 
produkte einsetzen, zumindest in der Ernährungskette dies nicht kon- 
trolüeren/ausschließen: 

Beim Brot: Müller-Brot 

Bei Milchprodukten: Ehrmann, Müller Milch, Onken, Bergader Privatkä¬ 
serei, Domspitzmilch, frischli Milchwerke, Bodensee-Albmilch, Vogtland- 
milch, Uelzena u.a. 

Nicht frei sind: Danone-Produkte (u.a. Fruchtzwerge), Campina-Produk- 
te (u.a. Landliebe), Kraft-Produkte (u.a. Philadelphia), Nestle-Produkte 
(u.a. LC1) u.a. 

Bei Fleisch/Eiern: Landkost-Ei, Hühnerhof Heidegold, Hermes Fleisch, 
Zandhof Eier und Geflügel, Gero-Fleisch, Rügener Frischei, Paul Hilger 
Fleischwaren u.a. 

Bei Feinkost, Soßen etc.: Appel, Drews Feinkost 
Babynahrung: Kein totaler Gen-Food Anbieter, aber nicht frei sind 
Nestle-Produkte, darunter Alete und Beba. 

Nicht besonders sind Nestle-Produkte (Kaffee, Maggi, Thomy, Miracoli), 
Kraft-Produkte und Dunekacke. 

Von den Handelshäusern schneidet Woolworth am schlechtesten ab. 
Nicht besonders sind: Spar (Netto), Metro (Real, Kaufhof, Extra), Lidl, 
Lekkerland-obaccoiand, coop Schleswig-Holstein. 

Snacks: kein totaler Gen-Food-Anbieter, aber nicht frei sind z.B.: Nestle- 
Produkte (After Eight, Choco Crossies, Mövenpick, Schöller, Smarties), 
Kraft-Produkte (Milka, Toblerone), Stollwerck-Produkte (Gubor), Krüger- 
Produkte (Trumpf), Procto & Gamble-Produkte (Pringles), Schluckwerder. 

Was kann mansch noch genfrei bekommen? 

Im Brot-Müslibereich: z.B. Südzucker, Hefefabrik Giegold, Aurora, 
Müllers Mühle, Seeberger, Seitenbacher. 

Bei Snacks: Haribo, Ritter Sport, Rapunzel Naturkost, Wiek, gepa Fair, 
Bonvita, Alnatura, Natudis. 

Bei Tiefkühlprodukten: McCain, Bonduelle 

Bei Milchprodukten: Alnatura, Andechser Molkerei, Milchkooperative 

Wendland, Rapunzel Naturkost 

Bei Fleisch/Eiprodukten: Du darfst (Unilever), Fleisch- und Wurstwaren 
Schmalkalden, Casserole. 

Bei Babynahrung: Alnatura, Hipp, Humana, Milupa, Martin Evers 
Naturkost. 

Bei Feinkost, Soßen, Gemüse etc.: Alnatura, Bonduelle, Bonvita, 
Biophar, Kattus, Rapunzel, Naturata, Krini, Evers Naturkost. 
Handelshäuser: dm-Markt, Reformhäuser, Karstadt 


Albert: In „Parecon: Life After Capitalism" 
beschreibe ich ein ökonomisches System - 
wir nennen es „Partizipative Ökonomie" - 
dessen Ziel es ist, funktionierende Produk¬ 
tions- und Verteilungsbedingungen, die 
im Einklang stehen mit ethischen Leitlini¬ 
en wie Gerechtigkeit, Vielfalt, Solidarität 
und Selbstorganisation. Wenn mich die 
Leute fragen, was ich mir im Hinblick auf 
Ökonomie vorstelle, antworte ich: „parec¬ 
on" (Participatory Economics = Partizipa¬ 
tive Ökonomie). Im Mittelpunkt von Parec¬ 
on steht die Komitee-Idee, auf der Ar¬ 
beitsplatz- und Verbraucher-Ebene. Im 
Mittelpunkt stehen (neue) Normen und 
Methoden zur selbstorganisierten Ent¬ 
scheidungsfindung, steht die Idee der Be¬ 
lohnung von Leistung und Einsatz, sowie 
partizipative Planung und die Idee ausge¬ 
glichener Arbeitsabläufe ('job comple- 
xes'). 

Von den kapitalistischen Institutionen 
unterscheiden sich die neuen Institutio¬ 
nen völlig, aber eben auch vom soge¬ 
nannten „Marktsozialismus". 

Mein Buch geht im ersten Teil kurz auf 
die bestehenden Systeme ein, um heraus¬ 
zuarbeiten, dass diese unvereinbar sind 
mit ethischen Leitlinien, die für uns 
zählen. Anschließend werden Institutio¬ 
nen vorgestellt, die unsere neue Vorstel¬ 
lung von Wirtschaft definieren: neue Insti¬ 
tutionen auf Arbeitsplatz-, auf Verbrau¬ 
cher- sowie auf Distributionsebene. Wie 
diese neuen Institutionen in unsern Alltag 
einwirken könnten, steht im nächsten Teil 
meines Buches. Im letzten Teil setze ich 
mich mit einer Reihe von gravierenden 
Befürchtungen auseinander, die die Leute 
haben, wenn sie zum erstenmal von unse¬ 
rer Vision hören. Bringt das Ganze 
tatsächlich was für unsere Ziele u. Werte? 
Ist diese Vision produktiv? Oder gefährdet 
sie am Ende Individualität u. Privatheit? 
Wie effizient, flexibel, kreativ u. nützlich 
kann soetwas sein? Undsoweiter. 

Was hat maßgeblich zur Entstehung des 
Buchs beigetragen? 

Albert: Das Modell einer „Partizipativen 
Ökonomie" existiert seit etwa 10 Jahren - 
etwas länger sogar. Robin Hahnei und ich 
haben es entwickelt und viele Artikel dar¬ 
über veröffentlicht. Das vorliegende Buch 
ist mein bislang ultimativer Versuch, diese 
Vision zu begründen, ausführlich zu be¬ 
schreiben und nicht zuletzt zu verteidigen. 

So gesehen spiegelt „Parecon: Life After 
Capitalism" meine vielfältigen Aktivitäten 


[24] SF 2/2004 








Interview mit 
Michael Albert 


über sein neues Buch: 

„Parecon: Life After Capitalism" 


der letzten Jahre wider und reflektiert 
gleichzeitig die Lehren, die ich aus mei¬ 
nen tatsächlichen Arbeitserfahrungen 
und meiner Lehrtätigkeit gezogen habe, 
aus. Natürlich auch aus der Organisie¬ 
rungsarbeit, aus öffentlichen Auftritten 
und nicht zuletzt aus den Fragen der Teil¬ 
nehmerinnen in den ZNet Online-Foren. 

Wir haben das Modell immer wieder 
neu überarbeitet - hinsichtlich neuer Er¬ 
kenntnisse, Fragen, Untersuchungsergeb¬ 
nisse. 

Was das Schreiben selbst angeht: Wir - 
legten Wert darauf, das Buch so span¬ 
nend und „lesbar" wie möglich zu ma¬ 
chen. Sicherlich bin ich kein besonders 
guter Autor - wahrscheinlich gibt es 600 
Millionen bessere - aber ich strenge mich 
an. Und für dieses Buch habe ich mich ge¬ 
waltig ins Zeug gelegt. 

Welche Hoffnung verbinden Sie mit ihrem 
Buch? Welchen Beitrag soll es in politi¬ 
scher Hinsicht leisten, was soll erreicht 
werden? Und auf dem Hintergrund ihrer 
Anstrengungen und Ziele - was würden Sie 
als Erfolg bezeichnen? An welchem Punkt 
würden Sie sagen, ich bin zufrieden, wie 
sich das Projekt entwickelt? Oder umge¬ 
kehrt: Wann würden Sie sich die Frage stel¬ 
len, war's das wirklich wert - die ganze 
Zeit und Kraft, die ich investiert habe? 

Albert: Um was es in meinem Buch geht, 
ist die schlichte Frage: Was wollen wir? 

Und ich versuche, diese Frage auf eine 
möglichst ernsthafte, verständliche und 
mitreißende Weise zu beantworten. Ich 
denke: Alle, denen es wirklich um eine 
bessere Welt geht - vor allem um eine 
bessere Wirtschaft - müssten mein Buch 



eigentlich lesen. Zumindest wünsche ich 
mir das. 

Ich habe bereits erwähnt, seit über ei¬ 
nem Jahrzehnt bin ich intensiv damit be¬ 
schäftigt, die Idee einer partizipativen 
Ökonomie zu entwickeln und zu verbrei¬ 
ten. Mittlerweile geschieht dies auch mit 
gewissen Erfolg. Das Buch „Parecon: Life 
After Capitalism" ist sozusagen der Klimax 
meiner Bemühungen und wird hoffentlich 
zum weiteren Durchbruch führen. Das 
Buch wird in vielen Sprachen herauskom¬ 
men und hat bereits im Vorfeld seiner Ver¬ 
öffentlichung für viel Aufsehen gesorgt 
Ich kann Interesse von ganz unterschiedli¬ 
cher Seite spüren. Anscheinend nimmt 
das Interesse an unserer Ökonomie-Vision 
rapide zu. 

Hinzu kommt: Die Zeiten haben sich in 
den letzten zehn Jahren geändert. 

Ein weiter Weg von den Glanzzeiten je¬ 
ner Markt-Manie (erinnern Sie sich noch 
an Margaret Thatchers berühmten Aus¬ 
spruch: „Es gibt keine Alternative"?) bis in 
unsere neue Zeit mit ihren massiven Pro¬ 
blemen, in der die Wirtschaft infrage ge¬ 
stellt wird. Inzwischen lautet die Losung 
der Progressiven: „Eine andere Welt ist 
möglich". Die Antiglobalisierungs-Bewe- 
gung hat der Selbstgefälligkeit des 
Markts den Wind aus den Segeln genom¬ 
men; alles, was mit Ökonomie zu tun hat, 
wird jetzt kritisch hinterfragt. 

Von allen möglichen Aktivisten verlan¬ 
gen die Leute eine Antwort auf ihre Frage: 
Welche Alternative habt ihr zu bieten? 
Die „Partizipative Ökonomie" könnte, so 
hoffe ich, eine sehr gute Antwort sein - 
zumindest in ökonomischem Sinne. 

Ich hoffe also, mein Buch kann dazu 
beitragen, unserer Vision einer (neuen) 


Ökonomie zum Durchbruch zu verhelfen 
und zwar wesentlich stärker als bislang 
der Fall. Ich hoffe, unser Modell wird sich 
als ebenso tauglich wie unwiderstehlich 
erweisen und von vielen übernommen 
werden. Ich bin da aber wirklich optimi¬ 
stisch. 

Ich wünsche mir eine Diskussion, die 
entweder zur breiten Unterstützung der 
Parecon-Idee führt oder aber alternativ 
zur Entwicklung einer anderen, noch bes¬ 
seren Vision. Zudem hoffe ich, das Buch 
kann die Leute inspirieren, auch über an¬ 
dere Themen - die Geschlechterbezie¬ 
hung, Familienbeziehungen, Kultur u. Ge¬ 
meinschaft, politische Organisierung, 
Ökologie und Außenpolitik nachzuden¬ 
ken. Vielleicht lassen sich ja auch für die¬ 
se Themenneue Visionen entwickeln. 
Schließlich: das Leben besteht nicht nur 
aus Wirtschaft. 

Niemand wird bestreiten: Im Bereich 
Ökonomie (aber nicht nur dort) brauchen 
wir dringend neue Zielsetzungen - ernste, 
taugliche, verständliche und vertretbare 
Zielsetzungen. Zudem ist die Zeit reif, den 
Leuten die Prüfung visionärer Ziele an die 
Hand zu geben - auch das wird wohl nie¬ 
mand bestreiten. 


[25] SF 2/2004 






Dwight MacDonalds Reisen durch die Landschaften des Grauens 


Wie ein Hund endet Josef K. In Kafkas 
Höllenlandschaften des Terrors und der 
Folter herrscht das »permanente dejä vu« 
(Theodor W. Adorno). Den rätselhaften 
Vorgängen ist die defätistische Erkennt¬ 
nis eingeschrieben, dass es so ist, wie 
es ist, das Grauen unabänderlich der 
menschlichen Existenz anhaftet. Wie ei¬ 
nen Hund führte die Soldatin Lynndie 
England auch einen nackten, vermumm¬ 
ten irakischen Gefangenen an der Leine 
der Weltöffentlichkeit vor. Die Bilder des 
„Missbrauchs" nahmen die Folterknechte n 

auf, weil sie dachten, erzählte England sc 

einer Reporterin der New York Times, es ter 

sähe lustig aus. In einer hohnlachenden din 

Parodie auf emanzipatorische Medien- lität 
theorien aus grauer Vorzeit agiert der dem 

Kriegsverbrecher als Produzent, der sei- tenz \ 

nen Spaß an der Gewalt mit der Digital- aufget 

kamera dokumentiert und via E-Mail kritisch 

nicht allein an Gleichgesinnte verteilt, Raum fi 

sondern auch die zerstreuten Kundschaf- geben: Ir 

ten der digitalen Medien- und Pornoin- schieren : 

dustrien bedient. „Krieg führt nun einmal Autoren u 

zu Sadismus", konstatiert der amerikani- auf dem Af 

sehe Philosoph und Herausgeber der ehe- aber ihr Fa 
mals sozialistischen Zeitschrift Dissent tionen entde 

Michael Walzer, „und Gefangenenlager Auch dies 

sind häufig Brutstätten dafür." Fatalis- im Sommer 1 

tisch oder zynisch erklärt der Philosoph, George Orwell i 

dessen Hauptbeschäftigung die Unter- Anhängern und 

Scheidung zwischen gerechten und unge- mus als „objekti 

rechten Kriegen ist, die Folter und die sächlich gab es 

Demütigung zu bloßen Seiteneffekten keine Alternative, 


osef K. In Kafkas des Kriegsgeschäfts. „In den absche 

Terrors und der chen Bildern von jungen Amerikane 

lanente dejä vu« die junge Iraker erniedrigen und folte 

en rätselhaften erkennen wir", doziert Walzer, „die mor 

tische Erkennt- lische Physiognomie jener älteren Arne 

bs so ist, wie rikaner, die in Washington am Hebel 

inderlich der sitzen." 1 Als politische Aktion empfiehlt 

ftet. Wie ei- er die Abwahl der aktuellen Regierung 

tin Lynndie und alles wird in seinem gewohnten 

vermumm- Gang fortschreiten - bis zum nächsten 

der Leine Krieg, bis zum nächsten Horror, bis zu 

Bilder des nächsten Folterkammer. Gewalt wird 

rknechte nicht geächtet, sondern Krieg im herr 

England sehenden Newspeak als „humanitäre In 

nes, es tervention" euphemisiert, in der die Be 
enden dingungen für eine sanktionierte Bruta 

idien- lität geschaffen werden. In einer Zeit, da 
der dem Pazifismus die Schuld für die Exis 

sei- tenz von Terrorregimen und Todeslagern 

tal- aufgebürdet wird, scheint es selbst in der 
ail kritischen Öffentlichkeit keinen legitimen 

ft, Raum für eine gewaltlose Alternative zu 

- geben: Im Gleichschritt der Truppen mar 

schieren selbst einstige linke Aktivisten, 

Autoren und Intellektuelle, die zwar nie 
auf dem Appellplatz gedrillt wurden, nun 
aber ihr Faible für militärische Forma 
tionen entdecken. 

Auch dies ist keineswegs neu. Bereits 
im Sommer 1941 erklärte der Bellizist 
George Orwell die Kriegsgegner zu Hitler- 
Anhängern und denunzierte den Pazifis¬ 
mus als „objektiv pro-faschistisch". 2 Tat¬ 
sächlich gab es zum zweiten Weltkrieg 
keine Alternative, doch war er auch nicht 



[26] SF 2/2004 










lediglich der „gute Krieg", als der er im¬ 
mer wieder beschrieben wird. Der unab¬ 
dingbar notwendige Triumph über den 
Nazismus bedeutete nicht den Anbruch 
einer besseren Zeit, sondern lediglich die 
Möglichkeit, das gegenwärtig von den 
nazistischen Gewalthabern okkupierte 
Terrain zurückzugewinnen und einen neu¬ 
en Anfang zu wagen. Das Dilemma linker 
Kriegsgegner wie Dwight Macdonalds 
war, dass ihre Alternative, die „revolu¬ 
tionäre Massenerhebung" gegen den Fa¬ 
schismus, bloße Chimäre war. Doch im 
Gegensatz zu anderen Intellektuellen, die 
als „kritische Unterstützer" den Krieg als 
Verteidigung der Demokratie gegen den 
Totalitarismus verklärten, befähigte die 
radikale Opposition Macdonald, grauen¬ 
hafte Erscheinungen dieses „guten Krie¬ 
ges" kritisch wahrzunehmen und in seiner 
kurzlebigen Zeitschrift Politics pointiert 
zur Sprache zu bringen. 

Aufbrüche und Anfänge 


In kurzer Zeit hatte Macdonald eine ra 
sante Reise durch die politische Land¬ 
schaft absolviert Einer großbürgerlichen 
New Yorker Familie entstammend, hatte 
der Yale-Absolvent zunächst nach dem 
Börsenkrach als Journalist für das Maga¬ 
zin Fortune gearbeitet, ehe er sich unter 
dem Einfluss seiner Frau Nancy Mitte der 
dreißiger Jahre der antistalinistischen 
Linken annäherte und 1937 in die Re 
daktioh der Zeitschrift Partisan Review 
eintrat Über die Jahre hinweg schwelte 
zwischen dem „Anarchisten" Macdonald 
und dem „Leninisten" Philip Rahv, dem 
Gründer und Chef der Partisan Review, 
ein Machtkampf, der nach dem Kriegs¬ 
eintritt der USA in einem Showdown kul¬ 
minierte, aus dem Rahv als Gewinner her¬ 
vorging, während Macdonald die Redak¬ 
tion verließ und 1944 seine eigene 
Zeitschrift gründete. Politics tauchte zu 
einem Zeitpunkt am radikalen Horizont 
auf, als - schrieb Holley Cantine, der Her¬ 
ausgeber der anarchistischen Kulturzeit¬ 
schrift Retort - der amerikanische Radi¬ 
kalismus, gemessen an seinem Einfluss, 
seiner Integrität und seinen politischen 
Intentionen, an seinen Tiefpunkt gelangt 
sei, und habe von Beginn an als Sammel¬ 
platz für jene unzufriedenen Personen 
fungiert, die keinen Enthusiasmus für 
irgendeine der existierenden radikalen 
Organisationen hätten entwickeln kön¬ 
nen, zugleich aber noch nicht gänzlich 
mit den vorherrschenden linken Ansich¬ 
ten der dreißiger Jahre gebrochen hätten, 
um zu einem fundamental neuen Ansatz 
aufzubrechen. 3 Anders als Retort blieb 


Macdonalds Zeitschrift zunächst einem 
traditionellen linkssozialistischen Politik¬ 
verständnis verhaftet, das die „schöpfe¬ 
rische Aktivität" von der politischen 
abgrenzte. Das Gros der Politics-Autoren 
rekrutierte sich zum einen aus europä¬ 
ischen Linksintellektuellen wie Nicola 
Chiaromonte, Lewis Coser, Victor Serge 
und Niccolö Tucci, die Zuflucht in den 
USA gefundenhatten und sich mühevoll 
in New York durchschlugen; zum anderen 
aus amerikanischen Nachwuchs-Intellek¬ 
tuellen wie Daniel Bell, Paul Goodman 
und C. Wright Mills. Aufgrund der 
ernüchternden Erfahrungen in den letz¬ 
ten Jahren hatte die überwiegende Majo¬ 
rität der Autoren und Autorinnen die 
alten linken Gewissheiten Stück um Stück 
verloren und suchte nach einer neuen 
Orientierung, nach der Definition einer 
neuen linken, sozialistischen Politik. Wie 
Macdonald irrten die exilierten und ob¬ 
dachlosen Intellektuellen durch das kars¬ 
tige, aschenverhangene politische Nie¬ 
mandsland der vierziger Jahre, wo ein 


Monster das andere erschlug und die 
Welt im Würgegriff hielt, während nir¬ 
gendwo auf den Ruinen der untergegan¬ 
genen alten Welt die rote Blume der Uto¬ 
pie eines Besseren zu blühen begann. Die 
pessimistisch-depressive Stimmung jener 
Zeit brachte Niccolö Tucci auf den Punkt, 
als er in seiner regelmäßigen Kolumne 
„Commonnonsense" schrieb: Die Aufga¬ 
be der Alliierten sei es, eine Folterkam¬ 
mer in einen Friedhof zu verwandeln, ei¬ 
nen Ort des Terrors und der Hoffnung in 
einen Ort ohne Terror und ohne Hoff¬ 
nung. 4 Binnen kurzer Zeit gewann Poli¬ 
tics die Reputation, „negativistisch" und 
„desperat" zu sein, doch war der Negati¬ 
vismus für Macdonald und seine Mitstrei¬ 
ter das einzig adäquate Mittel, um den 
grimmigen Realitäten die Stirn bieten zu 
können. Konkret richtete sich die radikale 
Kritik gegen die alliierten Flächenbom¬ 
bardements wie gegen den Rassismus in 
der amerikanischen Armee (in der - un¬ 
geachtet aller offiziellen Bekenntnisse zu 
Demokratie und Freiheit - die diskrimi¬ 
nierende Segregation fortgeführt wurde), 
gegen die Diskriminierung von Homose¬ 
xuellen wie gegen die Entmündigung des 
Individuums in der Massenkultur. 


Ins Herz einer 
unermesslichen Finsternis 


Bereits Ende 1942 hatte die linksliberale 
Wochenzeitung The Nation von der Ver¬ 
nichtung der europäischen Juden in den 
Todeslagern der Nazis berichtet und in 
einem Editorial die Singularität dieser 



[27] SF 2/2004 








monströsen Verbrechen in der Mensch¬ 
heitsgeschichte herausgestellt. Im Zirkel 
11 der New Yorker Intellektuellen herrschte 
m jedoch zunächst Unsicherheit, ob die Be- 
| richte über das schier Unglaubliche und 
F Unfassbare tatsächlich zutrafen. Auch 
Macdonald zögerte, den Berichten des 
Ungeheuerlichen Glauben zu schenken, 
und sah in ihnen zunächst den Versuch, 
jeden unmenschlichen Akt der Alliierten 
in ihrem Krieg gegen die faschistischen 
Barbaren zu rechtfertigen. Die Einmalig¬ 
keit der Vernichtung der europäischen 
Juden begriff er nicht; Für ihn war - be¬ 
merkt Macdonalds kritisch-sympathi- 
sierender Biograf Michael Wreszin - der 
Genozid Teil der geschichtlichen Kontinui¬ 
tät des Industriekapitalismus mit seiner 
inhumanen Ausbeutung und Brutalisie¬ 
rung einer Unterklasse. 5 Gerade die Mons¬ 
trosität der nazistischen Gewalt, die Un¬ 
geheuerlichkeit der industriellen Vernich¬ 
tung in einer Landschaft der Aufklärung, 
in einem Land der „Dichter und Denker", 
der offenkundige Wahnsinn im rationa¬ 
len Vernichtungsprozess waren schwer zu 
begreifen. Millionen von Menschen wur¬ 
den in Viehwaggons in die Lager trans¬ 
portiert, dort kahl geschoren, entlaust, 
tätowiert, in schwarzen Kladden regis¬ 
triert, zerschunden, vergast, verbrannt, 
zermalmt Wie auf den Schlachthöfen 
wurde nichts verschwendet: Kleidung 
und Schuhe fanden in Deutschland neue 
Abnehmer; die Asche und die Knochen 
der verbrannten Leichen wurden zur 
Düngung der Kohlfelder im Umkreis der 
Lager verwendet Das Grauen war so 
unbeschreiblich, dass es kaum begreifbar 
erschien. Ein erster Versuch, den Horror 
der Konzentrationslager öffentlich zu 
beschreiben, war Bruno Bettelheims Be- 


onslager eine Miniaturform des „großen 
Konzentrationslagers namens Gro߬ 
deutschland", wo sich die Eingesperrten 
ebenfalls gezwungenermaßen den auto¬ 
ritären Organisationen ergeben und die 
„Führerschaft" anerkennen mussten. Sei¬ 
ne Hoffnung projizierte er auf die Bildung 
demokratischer Widerstandsgruppen un¬ 
abhängiger und selbstständiger Individu¬ 
en, um den langsam fortschreitenden 
Prozess der Persönlichkeitszerstörung un¬ 
ter dem unerbittlichen Druck der Gesta¬ 
po und des Nazi-Systems aufzuhalten. 6 
Auch Macdonald erschienen die Lager 
als Ausdruck eines allumfassenden Ter¬ 
rorsystems, als Prozess fortschreitender 
Entmenschlichung und Atomisierung. In 
seinen Augen war diese Barbarei, schrieb 
er im März 1945, eine teuflische Parodie 
viktorianischer Illusionen über wissen 
schaftlichen Fortschritt und die Be¬ 
herrschbarkeit der Umwelt durch den 
Menschen. „Die Umwelt wurde kontrol¬ 
liert in Majdanek", konstatierte er. „Es 
waren die Menschen, die Amok liefen." 7 
Die Vernichtung der Juden erschien voll¬ 
kommen irrational: Sie stellten für die 




rieht über seine Häftlingserfahrungen in 
Dachau und Buchenwald, den Macdo¬ 
nald im August 1944 in seinerZeitschrift 
veröffentlichte. Die Ziele der Nazi-Lager 
seien, erläuterte Bettelheim, die Bre¬ 
chung der Häftlinge als Individuen, die 
Terrorisierung der übrigen Bevölkerung, 
die Ausbildung des Gestapo-Nachwuch¬ 
ses im Laboratorium der Inhumanität 
und Folter. Der Terror war total: Tag für 
Tag wurde den Inhaftierten eingebläut, 
dass Widerstand zwecklos, der Einzelne 
ohnmächtig und gänzlich unbedeutend 
sei. Allein in der „selbstlosen" Einord¬ 
nung ins amorphe Kollektiv und in der 
Anerkennung der Werte der Unterdrücker 
konnte er aufs Überleben hoffen. Einzig 
in der absoluten Selbsterniedrigung ver¬ 
mochte er sich von Tag zu Tag retten, 
wenn nicht seine Arbeitskraft versagte. 

Für Bettelheim war das reale Konzentrati- 


herrschende Klasse in Deutschland keine 
Bedrohung dar; die „Rassentheorie' 1 war 
abstrus, und mit der Extermination wurde 
offenbar kein militärisches Ziel verfolgt. 
Dass trotz allem sechs Millionen Juden 
ausgelöscht wurden, ohne dass sich eine 
breite Widerstandsbewegung dagegen 
erhob, warf die Frage der Verantwortung 
in einer Diktatur auf. Die These von der 
„Kollektivschuld", die in „teutonophoben" 
Kreisen jener Zeit in den USA populär 
war, wies Macdonald energisch zurück, 
denn seiner Ansicht nach war der völker¬ 
mörderische Rassismus nicht eine deut¬ 
sche „Volksaktion". Im Jahre 1933 sei, 
behauptete er, die Majorität gegen die 
Nazis gewesen, und Hitler sei es in der 
Folgezeit nicht gelungen, das „deutsche 
Volk" in seiner Gesamtheit zu „nazifizie- 
ren". 1938 hätten Sturmtruppen und An¬ 
gehörige der SS unter großem propagan¬ 
distischen Aufwand Tausende von Juden 
verhaftet, jüdische Geschäfte zerstört 
und Synagogen niedergebrannt, ohne 
dass sich ein geifernder Mob an diesen 
organisierten Gräueltaten beteiligt habe, 
führte er zur Unterstützung seiner These 
aus. Anknüpfend an Betteiheim und 
Franz Neumann (in dessen Augen das 
„deutsche Volk" „noch das wenigsten an- 




n 





tisemitische" war 8 ) sah Macdonald in der 
Existenz der Konzentrationslager den Be¬ 
weis dafür, dass während der ganzen Zeit 
der Nazi-Herrschaft eine stetige „Volks¬ 
opposition" in Deutschland bestanden 
habe. Dabei ließ er freilich außer Acht, 





Uk ll 



[ 28 ] SF 2/2004 










I 

HHBr 



dass 1933 nahezu fünfzig Prozent der Be¬ 
völkerung für Hitler votiert hatten. Zu¬ 
dem verkannte Macdonald die Tatsache, 
dass es gerade die Indifferenz der „nor¬ 
malen" Deutschen gegenüber den „An¬ 
deren" war, welche die nazistische Aus¬ 
rottungspolitik erst ermöglichte: Nicht als 
hasserfüllter, entfesselter, totschlagender 
und brandschatzender Mob half man, die I 
Wahnidee, zum Wohl der Menschheit s, 
Foto: Jörg Aub^ müssten alle Juden vom Erdboden ge- rit 
tilgt werden, zu realisieren, sondern als Tra 
Masse erkalteter Isolierter, die um des reai 
eigenen Vorteils willen stillhielten und Boui 

mittaten. Zwar räumte Macdonald ein, nung 

dass der Nazismus „eine große Wirkung so dü: 
auf das deutsche Volk" gehabt habe, pische 
doch wandte er sich vehement gegen die Sprüche 

mechanische Gleichsetzung von Deut- sah Ma< 
sehen mit Nazis, die als Rechtfertigung lektivers 
für den „totalen Luftkrieg" der Alliierten lieh prodi 
diene: Wohin die Bomben auch fielen - Einzelnen 
m - sie trafen schon die Richtigen. Wenn man Humanität 

die Deutschen als Kollektiv für die Grau- durch die k 
samkeiten ihrer Regierung verantwortlich mend abget 
mache, argumentierte Macdonald, dürfe schlüsselte < 
man konsequenterweise auch die Völker „Entmenschlic 
der übrigen Krieg führenden Staaten schaft nicht ai 
j nicht von ihrer Verantwortung freispre- Ermordung der 
c hen. Demzufolge wären sie verantwort- ne nennenswert 
lieh für die Nicht-Interventionspolitik der führt werden kon 
westlichen Demokratien während des setzten Dänemar 
Spanischen Bürgerkrieges und den Sieg gewaltlosem Widei 
der Franco-Faschisten, den Rassismus in der jüdischen Bürge 
" den Streitkräften, die Internierung von 

Japano-Amerikanern, die Politik der Normal ist der To 
Roosevelt-Administration, nur einer Hand- 
** voll jüdischer Flüchtlinge Asyl zu ge- Das Neue an diesem i 
währen, die brutale Kolonialherrschaft Macdonald in „The Res 
■■gV der Briten in Indien, den Bürgerkrieg in ples" fest, dass die ung 
■KW Griechenland oder den Verrat an den brechen nicht länger vo 
jgfpv polnischen Untergrundkämpfern in War- chopathischen Mördern 
schau. Wenn aber jeder schuldig sei, den, sondern von den F 
meinte Macdonald, sei niemand schul- Dienern eines großen mod 
dig. Verantwortung hänge davon ab, in Selbst die scheinbar Mächl 
welchem Maße sie wahrgenommen lediglich Objekte, wie die 
werden könne. Die verselbstständigte form- und ersetzbaren Sold; 
Maschinerie des Staates, die Menschen jeweiligen Fronten Instrumen 
zu winzigen, jederzeit austauschbaren parates. Alle waren bloßes Ri 
Rädchen im blind laufenden Getriebe im Produktionsprozess des T< 
mache, habe jegliche Form der prakti- Versuch, die Barbarei mit kriei 

sehen Verantwortung eliminiert. Die mo- Mitteln auszulöschen, gebar n 

derne Massengesellschaft habe mit ihrer Barbarei. Für Macdonald und vir 
Zentralisierung, Arbeitsteilung und hier- tics-Autoren war eine der graviere 
archischen Struktur den Einzelnen ent- Konsequenzen dieses Krieges die N 
mündigt und ihm die geringste Möglich- on des Individuums zur willenlosen, 


mm 

* 


feig Prozent der Be- tig seien, um das Handeln rationaler Kol- 
'otiert hatten. Zu- lektive, denen sie (zwangsweise) an- 
lald die Tatsache, gehörten, zu beeinflussen, während sie 
fferenz der „nor- zur gleichen Zeit generell für das verant- 
nüber den „An- wörtlich gemacht wurden, was diese Kol- 
lazistische Aus- lektive anrichteten. „Es ist nicht so sehr 
ichte: Nicht als der Gesetzesbrecher, den wir heute fürch- 
otschlagender ten müssen, als den, der dem Gesetz ge- 
half man, die horcht" 9 , schlussfolgerte Macdonald und 
Menschheit sah in der amerikanischen anti-auto- 
dboden ge- ritären, vom Individualismus geprägten 
ondern als Tradition, wie sie von Henry David Tho- 

e um des reau, Emma Goldman oder Randolph 
slten und Bourne verkörpert wurde, noch die hoff- 
lald ein, nungsvollsten Anzeichen einer nicht ganz 
Wirkung so düsteren Zukunft. Es war einer der ty- 
: habe, pischen „macdonaldistischen" Wider¬ 
en die Sprüche: Das ohnmächtige Individuum 

Deut- sah Macdonald vom übermächtigen Kol- 
gung lektiv erstickt und wollte die gesellschaft- 
rten lieh produzierte politische Impotenz des 
n - Einzelnen mit der Rückbesinnung auf die 
an Humanität überwinden, die doch gerade 
u- durch die kollektive Organisation zuneh- 
h mend abgetötet wurde. Vor allem aber 
; schlüsselte das Erklärungsmuster der 
„Entmenschlichung" in der Massengesell¬ 
schaft nicht auf, warum die industrielle 
Ermordung der Juden in Deutschland oh¬ 
ne nennenswerten Widerstand durchge¬ 
führt werden konnte, während sich im be¬ 
setzten Dänemark die Bevölkerung mit 
gewaltlosem Widerstand der Deportation 
der jüdischen Bürger widersetzte. 


Normal ist der Tod 


keit einer verantwortlichen Partizipation 
genommen. Die bittere Ironie liege frei¬ 
lich darin, dass mit dem Schwinden der 
moralischen Verantwortung die prakti¬ 
sche zunehme. Die Welt sei zu einem 
„komplizierten und schrecklichen Ort" ge¬ 
worden, wo die Individuen zu ohnmäch- 


Asyl zu ge- Das Neue an diesem Zeitalter sei, stellte 
ialherrschaft Macdonald in „The Responsibility of Peo- 
rgerkrieg in ples" fest, dass die ungeheuerlichen Ver- 
at an den brechen nicht länger von einzelnen psy- 
rn in War- chopathischen Mördern begangen wür- 
jldig sei, den, sondern von den Herrschern und 
id schul- Dienern eines großen modernen Staates, 
i ab, in Selbst die scheinbar Mächtigsten waren 
smmen lediglich Objekte, wie die beliebig ver- 
ndigte form- und ersetzbaren Soldaten an den 
sehen jeweiligen Fronten Instrumente des Ap- 
>aren parates. Alle waren bloßes Rohmaterial 
iebe im Produktionsprozess des Todes. Der 
ikti- Versuch, die Barbarei mit kriegerischen 
io- Mitteln auszulöschen, gebar nur neue 
er Barbarei. Für Macdonald und viele Poli 

r- tics-Autoren war eine der gravierendsten 
Konsequenzen dieses Krieges die Mutati 
on des Individuums zur willenlosen, robo 
terähnlichen Killermaschine, die ebenso 
wertlos war wie das Gegenüber, das mit 
Hilfe einer perfektionierten Waffentech¬ 
nologie vom Erdboden getilgt werden 
sollte. Der Krieg schien zu einer Instituti¬ 
on zu werden, die ebenso Akzeptanz wie 
das Blutbad, das täglich auf den 


®.’ 





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. . . 

: v : ■- ■ ■ : 


| 


[ 29 ] SF 2/2004 








Schlachthöfen Chicagos angerichtet wur¬ 
de. 10 Die Atombombe, die am 6. August 
1945 über Hiroschima abgeworfen wur¬ 
de, sprengte diese „verrückte und mörde¬ 
rische" Gesellschaft an die Endstation 
der menschlichen Existenz und katapul¬ 
tierte die amerikanischen „Verteidiger 
der Zivilisation" auf ein moralisches Ni¬ 
veau mit den deutschen „Bestien von Ma¬ 
jdanek", schrieb Macdonald in einer er¬ 
sten Schockreaktion auf dem Titelblatt 
der Politics-Ausgabe vom August 1945. 

Die Bombe war in seinen Augen die dra¬ 
matischste und erschütterndste Illus¬ 
tration des Irrtums der kollektiven Verant¬ 
wortung. Die Atombomben seien, argu¬ 
mentierte er in einem längeren Essay 


einen Monat später, das natürliche Pro¬ 
dukt der funktionalen, entmenschlichten 
Massengesellschaft: Der perfekte Auto¬ 
matismus und das Fehlen jeglichen 
menschlichen Bewusstseins hätten die 
reibungslose Herstellung und „Verwer¬ 
tung" der Bombe ermöglicht. 

Alle Beteiligten - von den Wissen¬ 
schaftlern und Fabrikarbeitern bis zu den 
Soldaten und Piloten - fungierten als 
Techniker und Spezialisten, die einzig 
und allein „ihren Job machten". Zur per¬ 
sönlichen Verantwortung könnten sie 
nicht gezogen werden, denn sie waren 
bloße Rädchen im Getriebe einer immen¬ 
sen Maschinerie, wo niemand den Über¬ 
blick besaß, welche Höllenwaffe sie auf 
die Welt losließen. Die gesellschaftliche 
Ordnung sei ein unpersönlicher Mecha¬ 
nismus; der Krieg ein unpersönlicher Pro¬ 
zess: Alles laufe automatisch ab. Lehnten 
sich einige menschliche Einzelteile gegen 
den blinden Fortgang auf, so würden sie 
durch gefügigeres Personal ersetzt, und 
ihre Revolte bleibe folgenlos. Die Marxis¬ 
ten propagierten immer noch eine revolu¬ 
tionäre Veränderung der Gesellschaft, 
doch erschien diese - vor allem nach der 
völligen Integration der Arbeiterklasse in 
das staatlich-industrielle Wahnsinnsun¬ 
ternehmen - nie weiter entfernt: Das 
Konzept des Fortschritts war radikal in 
Frage gestellt worden. Für Macdonald lag 
die einzige Hoffnung, im Augenblick et¬ 
was Vernünftiges zu tun und das 
Schlimmste zu verhindern, in der Verwei¬ 
gerung, im Nicht-Mitmachen, und er zoll¬ 
te jenen Wissenschaftlern Respekt, die ei¬ 
ne Mitarbeit am Projekt der Bombe abge¬ 
lehnt hatten: „Dies ist „Widerstand", dies 
ist „Negativismus", und darin liegt unsere 
beste Hoffnung", applaudierte Macdo¬ 
nald. Freilich erkannte er auch, dass sich 
die Insistenz auf dem verantwortlichen 
Handeln des Individuums, das in der be¬ 


stehenden Gesellschaft zum nichtigen 
Exemplar regrediert war, als „albern, 
leichtsinnig und wirkungslos" erweisen 
konnte, doch sah er allein darin noch ei¬ 
ne Chance, das „gegenwärtige tragische 
Schicksal" der Menschheit zu verändern. 11 
Die Bombe stellte für Macdonald und 
den Politics-Zirkel die Fortexistenz der 
menschlichen Gattung an sich in Frage. 

Zum ersten Mal in der Geschichte sei sie 
mit der realen Möglichkeit konfrontiert, 
durch eigene Aktivität sich selbst aus¬ 
zulöschen nd die Erde für alle Zeiten un¬ 
bewohnbar zu machen. Das Marx'sche 
Wort, wonach die Menschheit sich keine 
Probleme schaffe, zu deren Lösung sie 
nicht fähig sei, musste bezweifelt werden, 
und revolutionäre Gewalt lief nicht allein 
Gefahr, die Humanität in ihren Anwen¬ 
dern zu zerstören, sondern in einer selbst¬ 
mörderischen Spirale den Planeten und 
die Menschen auszulöschen, die Zivili¬ 
sation auf einige wenige Wolken im 
Sternennebel zu reduzieren. Die blinde 
Fortschrittsgläubigkeit habe sie auf der 
scheinbar endlos in die Höhe sich ziehen¬ 
den Wendeltreppe in die rote Wolke des « 

Atompilzes geführt, erklärte Macdonald , r .,J 

und befürwortete einen ebenso raschen 
wie radikalen Bruch mit den Fortschritts¬ 
ideologien der westlichen Kultur. Auch 
der Marxismus teile mit dem überkomme¬ 
nen Liberalismus das ungebrochene Ver¬ 


trauen in Wissenschaft und Fortschritt 
und stelle eher ein Hindernis auf dem 
Weg in eine bessere Zukunft (sofern diese 
überhaupt realisierbar war) dar, als dass 
er zur Überwindung der deprimierenden 
Verhältnisse beitrüge. Obwohl Politics ur¬ 
sprünglich als demokratisch-sozialistische 
Zeitschrift gegründet worden war, deren 
kritisches Analyseinstrument der Marxis¬ 
mus hatte sein sollen, orientierte sie sich 
nun zunehmend am Anarchismus und 
Pazifismus. Treibende Kraft in diesemPro- 
zess der Reorientierung war der italieni¬ 
sche Anarchist Nicola Chiaromonte, der 
im Spanischen Bürgerkrieg gekämpft hat¬ 
te und nach der Kapitulation Frankreichs 
über Casablanca nach New York geflo¬ 
hen war. Auf Macdonalds Entwicklung 
hatte er entscheidenden Einfluss und be¬ 
stärkte ihn in der Ansicht, dass ein mora¬ 
lisch und ethisch begründeter Anarchis¬ 
mus die bessere Alternative darstelle. Aus J 

seinerzeit in Nordafrika kannte er Albert 
Camus und vermittelte nun den Kontakt 
zwischen den „New Yorkern" und den 
„Parisern", um Europa-Amerika-Gruppen 
zu gründen: Ihr Projekt war ein interna¬ 
tionales Netzwerk linker Intellektueller, 
die jenseits der sich formierenden Blöcke 



9 



fSr 



[ 30 ] SF 2/2004 








eine neue radikale Politik in kleinen liber¬ 
tären Kommunen entwickeln sollten. 

IM ZIRKEL DES SCHEITERNS 


fifSÄS üi 

1 

gjjiPISi- 

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/ 

Üb: Jörg Auberg 


, 


In seinem langen, manifestartigen Essay 
„The Root is Man" versuchte Macdonald 
eine mögliche Utopie zu beschreiben. An 
die Stelle des alten Gegensatzes zwischen 
links und rechts setzte er einen neuen 
zwischen „Radikalen" und „Progressiven". 

Die Letzteren begriffen die Gegenwart 
lediglich als Zwischenstation auf dem 
langen Weg in eine bessere Zukunft, kriti- 1 
sierte Macdonaid, dächten eher in Begrif- si 
fen des historischen Fortschritts als in 
denen der Moral, hielten unbeirrbar an Lul 
der Beherrschung der Natur durch den Ein; 
Menschen fest und betrachteten die In- eine 
dienstnahme des technischen Wissens für Abgr 

schlechte, verwerfliche Ziele lediglich als zum r 
Perversion. „Radikale" dagegen waren dinglic 

seiner Meinung nach Menschen, welche Maschi 

die fatale Fortschrittsgläubigkeit ablehn- zum „fr 
ten, nach moralischen Aspekten urteilten selbst ve 
und das Individuum ins Zentrum ihres repressive 
Denkens und Handelns rückten: „Die sich eine , 

Wurzel ist der Mensch, hier und nicht da, Schaft durc 

jetzt und nicht dann." Während die „Pro- ter Geistese 

gressiven" ihre Welt vornehmlich in kol- nald nicht \t 

lektiven Begriffen konzipierten, betonten das überkorr 
die „Radikalen" individuelles Bewusstsein garde-Unterne 
und Empfindungsvermögen. Das Persönli- Letztlich blii 

che sei das Politische, postulierte Macdo- . der „psycholoc 
nald. Ihm schwebte ein dezentralisiertes, als auch die Eur 


in kleinen über- Kleinen reproduzierten. Ihre „subversi- 
sln sollten. ven" Ideen sollten die radikalen Intellek¬ 

tuellen abseits der herrschenden „Mas- 
TERNS senkommunikation" und der liberalen 

Medien verbreiten und eine radikale „Ge- 
rtigen Essay genöffentlichkeit" hersteilen, die sich an 
Macdonald kleine Gruppen, nicht an eine amorphe 
ireiben. An Masse wenden sollte. 12 
s zwischen Vieles blieb freilich vage, nur halb 
»n neuen durchdacht und widersprüchlich. Wie 
essiven". sollten winzige, politisch wie gesellschaft¬ 
genwart lieh ohnmächtige Intellektuelle die bren- 
if dem nende Lunte der Bombe zum Erlöschen 
t, kriti- bringen, die - nach Macdonalds Auffas- 
legrif- sung - dazu bestimmt war, die gesamte 
Is in Menschheit und den Planeten in die 
' an Luft zu sprengen? Was konnten isolierte 
Jen Einzelne bewirken, wenn die „Massen" in 
In- einer apokalyptischen Stampede auf den 
ür Abgrund zurasten? Vermochte sich ein 
s zum nichtigen Ding in einer absolut ver- 
i dinglichten Welt, ein zum Anhängsel der 
Maschine herabgewürdigtes Individuum 
zum „freien Subjekt", zum autonomen, 
selbst verantwortlichen citoyen über die 
repressiven Verhältnisse erheben? Ließ 
sich eine antiautoritäre, libertäre Gesell¬ 
schaft durch Kleingruppen selbst ernann¬ 
ter Geisteseliten schaffen? Führte Macdo¬ 
nald nicht lediglich- unter neuem Etikett 


i 

i 


basisorientiertes, antiautoritäres Netz¬ 
werk „psychologischer Gemeinschaften" 
vor, in dem der Akzent auf der persönli¬ 
chen Verantwortung und Spontaneität 
liegen sollte. Alle Ideologien, die das Op¬ 
fer der Gegenwart zugunsten einer glück¬ 
licheren Zukunft forderten, erschienen 
ihm höchst verdächtig: Die Menschen 
sollten hier und jetzt glücklich sein und 
ihre spontanen Bedürfnisse befriedigen < 
können. Wenn sie nicht genießen könn- s< 

Bf ten, was sie taten, sollten sie es nicht tun. H< 

Endgültig müsse man sich vom marxisti- sch 
f sehen Fetischismus der Massen verab- End 

schieden, forderte er, denn die Verände- Welt 
rung des gesellschaftlichen Bewusstseins USA 
könne nur von einer radikalen, intellektu- donal 
eilen Minderheit ausgehen, nicht von je- nen Ai 
derzeit manipulierbaren Massen. Exem- unterst 
plarische Akte des Ungehorsams, der Re- Ökonom 
spektlosigkeit und des Spotts gegenüber des West 
den herrschenden Autoritäten könnten deten) ge 
eher einen Flächenbrand des Widerstands on, ihre Sc 
entzünden, meinte Macdonald, als die klärte er 1$ 
zermürbende und fruchtlose Plackerei in fehlerhafte, 
den „revolutionären Parteien", welche die Schaft einer 
hierarchischen Strukturendes Staates im senen Gesells 


pierten, betonten das überkommene leninistische Avant- 
elles Bewusstsein garde-Unternehmen fort? 
en. Das Persönli- Letztlich blieben Macdonalds Projekt 
tulierte Macdo- . der „psychologischen Gemeinschaften" 
»zentralisiertes, als auch die Europa-Amerika-Gruppen in 
iritäres Netz- der intendierten Form bloße Papiertiger, 
leinschaften" Im sich verschärfenden Kalten Krieg mit 
der persönli- seinen extremen Polarisierungen gab es 
pontaneität keinen Platz für einen „dritten Weg" oder 
die das Op- eine „neue Linke". 1949 ging Politics ein 
iner glück- - vor allem aus Mangel an Geld und Mo- 
rschienen tivation. Die Grundlage der Zeitschrift, 
lenschen > der herrschenden Ordnung eine radikale 
ein und Alternative entgegenzusetzen, war ver- 

iedigen schwunden. Hoffnungen auf gesell- 

könn- schaftliche Veränderungen oder auf die 
ittun. Herausbildung einer Iibertär-soziaIisti- 
xisti- sehen Opposition hatte Macdonald am 
:rab- Ende der vierziger Jahre nicht mehr: Die 
ide- Welt war unter den beiden Imperialismen 
ins USA und UdSSR aufgeteilt worden. Mac- 
u- donald selbst entschied sich, das in sei- 
>- nen Augen kleinere Übel zu wählen. Er 
unterstütze „kritisch" den politischen, 
ökonomischen und militärischen Kampf 
des Westens (der USA und ihrer Verbün¬ 
deten) gegen den Osten (die Sowjetuni¬ 
on, ihre Satellitenstaaten und China), er¬ 
klärte er 1952 öffentlich. „Ich ziehe eine 
fehlerhafte, lebendige, offene Gesell¬ 
schaft einer fehlerlosen, toten, geschlos¬ 
senen Gesellschaft vor. Vielleicht werden 


[ 31 ] SF 2/2004 








wir wie Russland", meinte er mit Blick auf die anti¬ 
kommunistischen „Säuberungswellen" im eigenen 
Land, „aber vielleicht werden wir es auch nicht - 
das Problem ist nicht geklärt, solange wir von Mo¬ 
skau unabhängig sind. Wenn Moskau gewinnt, ist 
die Tür zugeschlagen, und sie wieder zu öffnen, wä¬ 
re ein schwierigeres und brutaleres Geschäft, als es 
nun erforderlich ist, um sie offen zu halten." 13 
Das Bekenntnis zur „kritischen" Unterstützung 


des Westens ging einher mit einem symbolischen 
Widerruf seiner kritischen linken oder radikalen Ver¬ 
gangenheit: Ausgerechnet beim New Yorker, den er 
in seinem ersten Beitrag für die Partisan Review 
1937 in beißendem Spott verhöhnt hatte, heuerte 
er nun als Auftragsschreiber an und musste sich 
dem Niveau des liberalen Stadtpublikums anpas¬ 
sen. In „The Root is Man" hatte Macdonald noch 
gegen die herrschenden Apparate polemisiert und 
geklagt, dass die Dissemination politischer Ideen in i 
den Massenmedien auf Korruption oder Austrock- J 

nung aller emotionalen Kraft und intellektuellen I 

Bedeutung hinauslaufe. Nun brach er aus der alten m 
Bohemewelt von Greenwich Village nach Uptown Jjj 
New York auf und verdingte sich im bürokratisier- Jjj 
ten, daten- und faktenhuberischen Betrieb, wo er J 81 
sich nicht darum sorgen musste, dass politische J1 
Ideen korrumpiert oder ausgetrocknet wurden. Dort JH| 
gab es keine. 


ANMERKUNGEN 

1 Michael Walzer, „Fehler mit System", Frankfurter Rundschau, 15. 
Mai 2004 

2 George Orwell, „London Letter", Partisan Review, 8:4 (Juli-August 
1941 ):317 

3 Holley Cantine, „Reviews: Politics", Retort, 3:4 (Frühjahr 1947):40 

4 Niccolö Tucci, „Commonnonsense", Politics, 1:10 (November 
1944):305 

5 Michael Wreszin, A Rebel in Defense of Tradition: The Life and 
Politics of Dwight Macdonald (New York: 

Bruno Bettelheim, „Behavior in Extreme Situations", Politics, 1:7 
(August 1944):199-209; zuerst er-schienen 
in erweiterter Form unter dem Titel „Individual and Mass Bahavior in 
Extreme Situations" 

in Journal of Abnormal and Social Psychology, 38:4 (Oktober 
1943 ):417-452 

7 Dwight Macdonald, „The Responsibility of Peoples", Politics, 2:3 
(März 1945}:84 

8 Franz Neumann, Behemoth: Struktur und Praxis des Nationalsozia- J 

lismus, 1933-1944 [1944], übers. I 

Gert Schäfer und Hedda Wagner (Frankfurt/M.: Fischer, 1984), p. jj 

159. „Der spontane Antisemitis-mus fl 

des Volkes selbst ist in Deutschland nach wie vor schwach." (Ibid.) flj 

9 Macdonald, „The Responsibility of Peoples", p. 90 flj 

10 Macdonald, „Notes on the Psychology of Killing", Politics, 1:8 jB: : 

(September 1944):239-243 MM 

11 Macdonald, „The Bomb", Politics, 2:9 (September 1945):260 flKf 

12 Macdonald, „The Root is Man", Politics, 3:4 (April 1946):97-115, JB 

und Politics, 3:6 (Juli 1946):194-214 B 

13 Macdonald, „I Choose the West" (1952), in: Macdonald, Memoirs JH 

of a Revolutionist: Essays in Political Jfl 

Criticism (New York: Meridian Books, 1958), p. 200 ^K§|j|| 


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[ 32 ] SF 2/2004 






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[ 33 ] SF 2/2004 
















Georg Elser 

oder 

Oie Verwurstung des fähigsten Hitlergegners 

von Hellmut G. Haasis 



Das Elternhaus von Georg Elser 


Beinahe wäre am 8. November 1939 der 
Braunauer Adolf aus der Politik ver¬ 
schwunden. Der schwäbische Schreiner 
Georg Elser hatte nach drei Monaten 
Nachtarbeit im Münchner Bürgerbräukel¬ 
ler die Säule hinter Hitlers Rednerpult mit 
zehn Kilo Dynamit präpariert. Die beiden 
eingebauten Schwarzwalduhren gingen 
exakt, um 21.20 Uhr lösten sie die Explo¬ 
sion aus, aber Hitler befand sich schon auf 
dem Weg zum Hauptbahnhof. 

Warum? Das neblige Herbstwetter er¬ 
laubte für den nächsten Morgen keinen 
Flug nach Berlin, deshalb musste Dreiliter, 
wie listige Widerspenstige seinen Namen 
variierten, nachts mit seinem Sonderzug 
zurückreisen. Ziel: den sofortigen Ein¬ 
marsch in Frankreich vorbereiten. 

Nur aus diesem Grund verließ er 13 Mi¬ 
nuten den Biersaal vor dem Donner¬ 
schlag. Elser, der seinen genialen Apparat 
bis zu 144 Stunden vorher einstellen 
konnte, war schon an der Schweizer Gren¬ 
ze in Konstanz. Völlig erschöpft versäum¬ 
te er, den gewählten Grenzübergang zu 
kontrollieren. So ging er in eine frische 
Falle der Grenzpolizei und wurde in die 
bayerische Gestapozentrale nach Mün¬ 
chen eingeliefert. 

Niemöller hat immer Recht 

Nach Folterungen durch Himmler legte 
Elser ein Geständnis ab, um nicht erschla¬ 
gen zu werden. Ein Jahr lang wurde er im 
Reichssicherheitshauptamt Berlin ge¬ 
quält, dann ins KZ Sachsenhausen verlegt 
und im Februar 1945 nach Dachau. Dort 
erschoss ihn am 9. April 1945 der SS- 
Oberscharführer Theodor Bongartz. 


Die nach dem Krieg Geborenen wun¬ 
dern sich immer wieder, warum man so 
wenig und so spät von Elser hörte. Als El¬ 
sers wirkungsvollster Gegner wirkte Pfar¬ 
rer Niemöller, der drei Jahrzehnte lang bis 
zu seinem Tod predigte, Elser sei SA-Mann 
und SS-Unterscharführer gewesen und ha¬ 
be das Attentat vermutlich auf Anweisung 
von Heydrich und Himmler, vielleicht gar 
im Auftrag von Hitler durchgeführt. Be¬ 
weise blieb er schuldig, der Konfrontation 
mit Elsers Verwandten wich er aus. 

Diese Linie krönte der Historiker Hans 
Rothfels in seinem Standardwerk zum 20. 
Juli mit Erfindungen und Abwertungen. 
Rothfels' schlechte Meinung von Elser be¬ 
kam in der angloamerikanischen Ge¬ 
schichtsschreibung Heiligenstatus. Nach 
dem Gesetz der Historiker, dass unfehlbar 
stimmen muss, was viele Kollegen nach¬ 
plappern, kam die Kampagne gegen Elser 
aus dem Ausland als unbezwei fei bare 
Wahrheit zurück. 

Der Heilige Georg 

Seitdem Elser in der Berliner Gedenkstätte 
deutscher Widerstand 1995 eine Sonder¬ 
ausstellung bekam und Helmut Kohl im 
Fernsehen ein paar Sätze dazu abließ, ge¬ 
riet Elser in den Sog einer Heiligspre¬ 
chung. Schließlich ist in der Geld- und Me¬ 
diengesellschaft sankrosankt und als 
Sinngeber anerkannt, wer im Fernsehen 
abgefeiert ist. Für den Heiligsprechungs¬ 
akt genügen 20 Sekunden. 

Man darf sich nicht wundern, dass bei 
einer solchen verordneten Anerkennung 
Elsers Persönlichkeit und Motive auf der 
Strecke bleiben. Das geschieht mit Ab¬ 


sicht. Weggehobelt wird, was sich nicht 
zur Befriedung und Einschläferung und 
Verdummung, zur Unterhaltung und zum 
Aufbau eines unkritischen Stolzes verwen¬ 
den lässt. 

Bei der Rezeption von Elsers Beweg¬ 
gründen wurden seine Antriebskräfte ver¬ 
kürzt. Eine gesellschaftliche Zensur, durch¬ 
aus nicht selten, aber wenig reflektiert. 
Elser hatte trotz Folterungen, Schlafent¬ 
zug und ständiger Bedrohung durch be¬ 
waffnete Gestapoleute im Verhör erklärt: 
„Ich stellte allein Betrachtungen an, wie 
man die Verhältnisse der Arbeiterschaft 
bessern und einen Krieg vermeiden könn¬ 
te." {Haasis S. 173) Das soziale Motiv steht 
an erster Stelle. Heute ist, auch nach mei¬ 
ner Biografie, mit Hängen und Würgen 
der Kriegsgegner Elser akzeptiert, der 
Kämpfer für soziale Verbesserungen der 
Arbeiter bleibt unter den Teppich gekehrt. 

Elsers Anschlag stellt für die Bewusst¬ 
seins-Ingenieure ein Ärgernis dar, sobald 
man die halblebigen und peinlich späten 
Aktivitäten der 20. Juli-Verschwörer zum 
Vergleich heranzieht. Das tat ich 2002 
auf einem Stuttgarter Symposium. Ein Zi¬ 
tat aus der Biografie beschloss mein Refe¬ 
rat. Während Elsers Uhren tickten, habe 
der militärische Widerstand nichts getan. 
„Hitler selbst rechnete grundsätzlich mit 
einem Aufruhr oder einem Attentat. Vor 
seinen führenden Militärs hatte er dage¬ 
gen nicht viel Respekt, er hatte oft genug 
erlebt, wie schnell sie einknickten, wenn er 
sie anschrie. ... Die hohen deutschen Mi¬ 
litärs, die es nicht wagten, Hitler zu besei¬ 
tigen, opferten dann ohne Skrupel ganze 
Divisionen Was bei allen Rezensenten 
durchgegangen war, verstieß in der vom 


[ 34 ] SF 2/2004 






I 



Georg Elser beim Verhör 


Stuttgarter Haus der Geschichte durchge¬ 
führten Veranstaltung gegen den staat¬ 
lich kontrollierten Konsens. Der Leiter Dr. 
Schnabel, eine führende Kraft im Kultus¬ 
ministerium, stieg stracks in die Bütt: Die¬ 
se Aufwertung Elsers unter gleichzeitiger 
Herabwürdigung der Leute um Stauffen- 
berg dürfe man nicht durchlassen. Großer 
Beifall. 

Eine weitere Entschärfung Elsers unter¬ 
nahm am 9. März 2004 die staatliche Ge¬ 
schichtsmanufaktur Knopp: der 20. Juli 
im ZDF. Dank der Nachbarschaft höher 
gestellter Personen, die Hitler zu beseiti¬ 
gen suchten, geriet Elser bedenklich nahe 
an bessere Kreise. Wie wollte die Firma 
Knopp den strengen Geruch eines linken, 
ausgesprochen roten Hitlerfeindes neutra¬ 
lisieren? Durch eine kontra produktive 
Auswahl der Zeitzeugen und durch die 
Kritiklosigkeit der anderen Versuche, die 
sich sträflich spät an Hitler herangewagt 
hatten. 

Zur Bewertung von Elsers Leben und 
Tat wählte Knopp renommierte Gesichter, 
die nach langer Verwendung in solchen 
Produktionen für jedes Thema brauchbar 
sind: Hildegard Hamm-Brücher und Ralph 
Giordano. Beide haben zu Elser nichts oder 
nichts Originelles publiziert, eine quellen¬ 
gestützte Erforschung des Themas kann 
bei solchen aufgepumpten „Zeitzeugen” 
sowieso nicht erwartet werden. Knopp 
präsentierte Nachfahren verstorbener Zeit¬ 
zeugen, Zeugen nur nach dem Familien¬ 
namen. 

Ein herrlicher Gummibegriff des histori¬ 
schen Zeugen. Hier kann man von geziel¬ 
ter Fälschung reden. Solcher Unfug kann 
Schule machen. Bald treten Enkel auf und 



Alle Fotos: Gedenkstätte deutscher Widerstand 


Rundschau hatte eine bemerkenswerte 
Redakteurin Fritzes Artikel durchgesetzt 
und mein Alternativangebot im Papier¬ 
korb versenkt: Jutta Roitsch, Enkelin des 
unseligen Carl Goerdelers, der im Fall ei¬ 
nes Sieges über Hitler eine Monarchie 
und sozial-arrogante, autoritäre Herr¬ 
schaft installiert hätte. Was für eine un¬ 
heilvolle Familienkontinuität. 

Mit seiner Elser-Verdammung gelang es 
Fritze, das Dresdener Hannah-Ahrendt- 
Institut zu spalten und an den Rand des 
Absturzes zu drängen. Gestützt auf unwis¬ 
sende, sensationsgierige Moderatoren 
heizte Fritze einen „neuen Historikerkrieg” 
an, der eine Weile die Gazetten und Talks¬ 
hows ernährte. Fritzes Courage verflüch¬ 
tigte sich, als er sich dem Biografen Elsers 
stellen sollte. Von da an war von Fritze 
nichts mehr zu hören. Zum Bedauern der 
Unterhaltungsbranche. 

Was proklamierte Fritze? Seinem ver¬ 
schrobenen Akademikergefasel Sinn abzu¬ 
ringen, erfordert viel Einfühlung in eine 
weltfremdes Hirngespinst. Im Wesentli¬ 
chen bleibt der Vorwurf, dass Elser für sei¬ 
ne Begründung, er wolle den Krieg verhin¬ 
dern, keine „Beurteilungskompetenz" be¬ 
saß. Klartext: Fritze hält Elser für deppet 
und ungebildet, kein Wunder mit nur sie¬ 
ben Jahren Volksschulbesuch. Man kann 
in diesem Geist ergänzen. Elser fehlte al¬ 
les, was man in Deutschland von einem 
anständigen Attentäter erwarten darf: 
Abitur, Studium, Doktortitel, blaues Blut, 
militärischer Rang und bedeutende, sau¬ 
bere Verwandtschaft - und ein schönes 
Erbe im Rücken. 

Für Darmstädter Studenten zog ich die 
Folgerung: „Am schlimmsten sind die Korn 


schwafeln, wie wenn sie vor 100 Jahren ir¬ 
gendwo dabei gewesen wären. 

Der „einfache Schreiner", wie inzwi¬ 
schen fast alle sagen, verschwindet am 
Ende bei Knopp. Er wird nachts irgendwo 
erschossen. Nix genaues braucht man 
nicht zu wissen. Der SS-Mann hat keinen 
Namen, obwohl man ihn seit fünf Jahren 
in meiner Biografie finden kann. Der Mör¬ 
der hat kein Gesicht, obwohl ich mehrere 
Fotos von ihm auftrieb und eines publi¬ 
zierte. Dieser Herr, der SS-Oberscharführer 
Theodor Bongartz aus Krefeld, hat einen 
schön geschriebenen Lebenslauf hinter¬ 
lassen, der ihn als ganz normalen Haupt¬ 
schüler ausweist, mit guter Schrift und an¬ 
ständigem Beruf: Stuckateur, sogar mit 
Meisterprüfung. 

Rechtsextremistischer 
Angriff aus Chemnitz 

Elsers Verwertung für ein stromlinienför¬ 
miges Geschichtsbild stehen noch immer 
Lebenslauf, Tat und Gesinnung im Weg. 
Diese Schwierigkeiten nützte ein tenden¬ 
zieller Rechtsextremist wie der Chemnitzer 
Lothar Fritze zu einer grundsätzlichen 
Attacke auf Elser. Zeitgleich mit dem Er¬ 
scheinen meiner Biografie veröffentlichte 
er in der Frankfurter Rundschau (9. No¬ 
vember 1999) seine Antrittsvorlesung. 
Der „Moralphilosoph”, wie er sich nennt, 
griff ohne ausreichende Kenntnis der 
Quellen und der Biografie Elser brachial 
an. 

Mein Misstrauen gegen die hochnäsi¬ 
gen, superpatriotischen und leise treten¬ 
den Herren des 20. Juli fand dabei eine 
hübsche Bestätigung. In der Frankfurter 


[ 35 ] SF 2/2004 






T 


Sequenzen, die Fritzes Argumentation hat. 
Fritze wendet für den Extremfall eines At¬ 
tentats im „Dritten Reich" moralphiloso¬ 
phische Kategorien an, die so niemand 
auf der Weit nachvollziehen kann. ... Aus¬ 
drücklich hat Fritze betont, ein solches At¬ 
tentat dürfe man nur dann durchführen, 
wenn diejenigen, die mitgefährdet sein 
könnten, zumindest hinterher dieses Atten¬ 
tat akzeptieren könnten. Elser hätte sich, 
nachdem Hitler den Bürgerbräukeller vor¬ 
zeitig verlassen hatte, todesmutig hinein¬ 
stürzen und die anwesenden Nazis vor der 
bevorstehenden Explosion warnen sollen. 
Hier zeigt sich, dass Fritze keine Ahnung 
von den tatsächlichen Gegebenheiten hat. 
Der Saal war durch dreifache schwer be¬ 
wachte Sperren für jeden unzugänglich, 
der nicht zu den Alten Kämpfern ' gehör¬ 
te." (zoon politikon, Zeitschrift des AstA 
der TU Darmstadt, Sommersemester 
2000, S. 27/28) 

Der Unglücksrabe Lothar Fritze ist 
Honeckers letzte Rache. Nach 1990 publi¬ 
zierte er Arbeiten, in denen er die DDR- 
Dissidenten als moralisch unqualifiziert 
beurteilte. Sein Wunsch war die Rechtfer¬ 
tigung der Mitläufer. Auch gegen Hitler 
war der Widerstand moralisch nicht legi¬ 
tim, weil Personen, die eventuell unab¬ 
sichtlich Schaden erleiden konnten, vorher 
nicht gefragt worden waren. 

Damit schoss Fritze weit über das Bie¬ 
denkopf-Milieu hinaus und verärgerte 
selbst seine Gönner. Auch der 20. Juli ist 
nach Fritzes Grundsätzen moralisch nicht 
zu rechtfertigen. Meine Folgerung '.„Fritze 
liefert die ' wissenschaftliche ' Rechtferti¬ 
gung für die Mitläufer aller Regime. Dies 
wird seinen Karriereaussichten sicher nicht 
schaden." 

Ein wunderliches Schachspiel 

Knopps ZDF-Film über Eiser (10. 3. 2004) 
setzte den ersten größeren Verwurstungs¬ 
versuch in Gang. Genau neun Tage später 
schreckte der Münchner Marketingberater 
Peter Wittmann die örtliche Presse mit der 
„Entdeckung" auf, er besitze ein von Ge¬ 
org Elser im KZ geschnitztes Schachspiel. 

Vor Jahren hätte niemand etwas gege¬ 
ben auf irgendein Erinnerungsstück eines 


[ 36 ] SF 2-/2004 

! 

■ I 

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angeblichen Sonderlings und SS-Mannes. 
Nun aber, mit dem Weihwasser des Fern¬ 
sehens gesegnet, kroch als erste die Mün¬ 
chener AZ auf den Leim: „59 Jahre 
schlummerte das Schmuckstück im Ver¬ 
borgenen." (AZ 19. 3. 2004, Artikel von 
Marie-Christine Piller). 

Das Märchen: „Der Münchner Hitler-At¬ 
tentäter schnitzte sie (die Schachfiguren) 
während seiner Haft im KZ Sachsenhau¬ 
sen und Dachau von 1939 bis 1945." An¬ 
geblich hatte ein polnischer Arzt 1944 in 
Dachau Elser medizinisch versorgt. - Un¬ 
sinn: Elser kam erst im Februar 1945 nach 
Dachau. In Sachsenhausen wurde Elser 
erst im November 1940 eingeliefert. - Els¬ 
er sei lungenkrank gewesen. - Falsch - 
Der Pole habe ihn mit Medikamenten und 
abgezweigten Lebensmitteln gerettet. - 
Quatsch: Elser erhielt auf Hitlers Befehl 
das beste Essen, aus der Kommandan¬ 
tenküche und in doppelter Ration. Er war 
völlig isoliert, niemand durfte zu ihm und 
er nicht zu anderen, dafür garantierten 
drei SS-Wachen, die bei Ungehorsam so¬ 
fort denunziert und liquidiert worden 
wären. Hitler hielt Elser für seinen gefähr¬ 
lichsten Gegner. 

Dieser polnische Arzt soll Wittmanns 
Vater gewesen und 1950 in einem polni¬ 
schen Gefängnis gestorben sein. Elser ha¬ 
be ihm in Dachau aus Dankbarkeit das 
Schachspiel geschenkt. Der heutige Besit¬ 
zer beruft sich darauf, seine Mutter habe 
ihm die Herkunft des Schachspiels so er¬ 
zählt. Wittmanns naiv: Warum sollen mei¬ 
ne Eltern mich belogen haben? 

Besser wäre die Frage: Warum verkohlt 
uns der heutige Besitzer? Ganz einfach: Er 
will 30.000 Euro. 

Hurra! Endlich ist der tatkräftigste 
deutsche Widerstand im Herzen des Kapi¬ 
talismus angekommen. Auf dem Niveau 
der Börse. Was zählt, ist Geld, nur Geld, 
etwas anderes gibt es nicht. Der Mann 
kann in Schröders Kabinett eingestellt 
werden oder in einer Bank. Wenn nur 
Wittmanns Legenden glaubwürdiger 
wären. Es rächt sich, wenn man sich nicht 
informieren will, man wird schnell bei Lü¬ 
gen ertappt. 

Wittmann fühlte die Notwendigkeit, 
sein Fantasie auf die Figuren anzuwen¬ 


den. Einer der Bauern des Schachspiels 
habe „einen völlig anderen Gesichtsaus¬ 
druck als die übrigen Figuren, fast scheint 
er zu weinen." Was steckt dahinter? Witt¬ 
mann fantasiert: „Elser fertigte ihn (diesen 
weinenden Bauern), als er am 20. Juli 
1944 vom Scheitern des Stauffenberg-At- 
tentats auf Hitler hörte." 

Zwei Tage nach dem Unsinnsartikel in 
der AZ mischte sich ein Kommunalpoliti¬ 
ker ein. Für die „Grüne Stadtratsfraktion 
und rosa Liste" stellte Siegfried Benker 
den Antrag, die Stadt möge „ das histori¬ 
sche Schachspiel Georg Elsers für das 
Stadtmuseum erwerben ". Frei von jeder 
Kenntnis behauptete Benker, das Schach¬ 
spiel sei „ein herausragendes Dokument 
der Zeitgeschichte". Das Kulturreferat mö¬ 
ge die Echtheit prüfen. Aber eigentlich 
weiß der Grüne schon alles: Das Schach¬ 
spiel sei „zumindest zum Teil - von Georg 
Elser während seines Aufenhalts im KZ 
Dachau geschnitzt" worden. 

Dem betrügerischen Anschlag auf die 
Münchner Stadtkasse widersetzte sich 
Hella Schlumberger aus der Türkenstraße. 
Dem Chef des Stadtmuseums Dr. Wolf¬ 
gang Till gab sie neun Gründe an die 
Hand, warum dieses Schachspiel nicht 
von Elser stammen könne. Damit war ei¬ 
gentlich alles gesagt. 

Aber nun wollte auch das bayerische 
Fernsehen dabei sein. Jahrzehntelang hat¬ 
ten die Münchner Fernsehjournalisten bei 
Widerstandskämpfern, natürlich auch bei 
Elser, durch Schweigen geglänzt. Wahr¬ 
scheinlich hätte man sich in der Pro¬ 
grammdirektion genauso interessiert ge¬ 
zeigt, wenn eine Unterhose Elsers aufge¬ 
taucht wäre. 

In München schaut aus jeder Skurrilität 
Karl Valentin heraus. Das gehört zum 
schönsten Zug der Stadt, nur hat es mit 
der politischen Geschichte und mit dem 
Widerstand gegen Dreiliter nichts zu tun. 

Die bayerische Fernsehsendung (3. 4. 
2004) wurde dem Schwindelbruder Witt¬ 
mann zum Verhängnis. Die Vermutung 
von Hella Schlumberger, Wittmann sei 
erst durch Knopps Sendung auf die Idee 
gekommen, Elser als Besitzer zu erfinden, 
bestätigte Wittmann selbst: „Ich wusste, 
dass es einer der Attentäter von Hitler war, 






4 



aber das ist irgendwo alles so im Hinter¬ 
kopf verschwunden. Und erst ; als die Do¬ 
kumentationen jetzt in letzter Zeit gesen¬ 
det wurden, über die Attentate auf Hitler, 
war eben auch ein Bericht über Georg Els¬ 
er. Und auf Grund dieses Berichtes hab‘ 
ich mich erinnert: Mensch, du hast ja noch 
die Schachfiguren, die wurden von ihm 
(Elser) eigentlich geschnitzt 

Nach der Sendung erwachte jäh die 
Süddeutsche Zeitung, die nun vor einem 
„Rätsel" stand (7. 4. 2004, Christoph 
Lungwitz). Dr. Till schaute sich die Figuren 
an und trompete hinaus, er habe keinen 
Zweifel, „dass das Schachspiel mit dem KZ 
Dachau in Zusammenhang steht". Wie 
wenn es in Dachau eine so leistungsfähi¬ 
ge Schnitzerwerkstatt gegeben hätte. 

Erfrischend dagegen die Leiterin der KZ 
Gedenkstätte Dachau Barbara Distel. 
Sie hält die ganze Geschieht e „für einen 
ausgemachten Schwindel". Und Hella 
Schlumberger kann nur staunen, wie Leu¬ 
te reihenweise auf das Märchen hereinge¬ 
fallen sind. Es scheint einen Bedarf an 
simplen Erfindungen zu geben. Je be¬ 
langloser und hirnrissiger, desto willkom¬ 
mener. 

Da können ja noch allerhand Trittbrett¬ 
fahrer auf uns zukommen, Kujaus geistige 
Erben. Vielleicht taucht bald der Schulran¬ 
zen von Stauffenberg auf? Oder die Zan¬ 
ge, mit der er die Bombe für Hitler scharf 
machte? Und wie wäre es mit seinen letz¬ 
ten Hausschuhen? Jeder Schwachsinn 
kann zur Unterhaltung dienen. Die Ver¬ 
blödung im Kulturbetrieb rächt sich an 
ihren Produzenten, die jedes Unterschei¬ 
dungsvermögen verloren haben. In die¬ 
sem Sinn erklärte ich der TZ (6. 4. 2004): 

„Das ist ein Witz." 

Nichts braucht mehr wahr zu sein, zwi¬ 
schen Fälschung und Wahrheit gibt es nur 
eine einzige Differenz: der Geldwert. 
Wenn eine Fälschung mehr Geld bringt, 
ist eben die wahr, mehr als der ursprüngli¬ 
che, richtige Tatbestand. 

Zu Beurteilung des Schwindels hätte es 
gereicht, wenn man Elsers Biografie gele¬ 
sen hätte. Elser war nie Schachspieler, 
warum sollte er ein Spiel schnitzen? Er 
hatte in seiner Zelle nur Bretterholz, kein 
Schnitzholz. Er besaß keine Drehbank, um 


die Stücke vorzufertigen, sondern eine Ho¬ 
belbank. Ihm fehlte das Schnitzwerkzeug. 
Bei der Verlegung nach Dachau wurden 
ihm alles abgenommen, selbst das Bild 
seiner Verlobten. Und so weiter. 

Es gibt auch äußere Gründe gegen die 
Zuschreibung. Das Spiel hat kunsthand¬ 
werkliches Niveau. Es stammt aus einer 
Profiwerkstatt, gefertigt nach einem Ty¬ 
pus, der nach dem 1870er Krieg modern 
wurde. Mein Tipp: eine Südtiroler Werk¬ 
statt im Grödnertal. Die besten Spiele fin¬ 
det man im Heimatmuseum von St. Ul¬ 
rich. 

Genug. Elser kann nicht verwurstet wer¬ 
den - oder' noch nicht? Seine Klarsicht, 
seine unbeirrbare Konsequenz, sein Bruch 
mit dem nationalen Dünkel des Volkes 
werden ihn vor einer Verwurstung im Un¬ 
terhaltungsbetrieb bewahren. 

Konstruktive Kritik 

Nebenher lebt eine erfreulichere, eine po¬ 
litisch produktive, aufklärerische Variante 
der Elser-Vergegenwärtigung. Auf meine 
Biografie erhielt ich eine konstruktive Kri¬ 
tik, die Elsers Überlieferung verbessert. 
Nach einer Lesung kam der Besitzer eines 


Tagebuches auf mich zu. Er übergab mir, 
was sein Vater 1940 in Konstanz von dem 
Crenzpolizisten Rieger, der Elser fest¬ 
nahm, erfahren hatte. Ein andermal be¬ 
kam ich Kontakt zu einem Zeitzeugen, der 
zeitgleich mit Elser im Reichssicherheits¬ 
hauptamt inhaftiert war. Ein anderer 
schickte mir die alten Aussagen einer Ge¬ 
stapo-Sekretärin, die 1939 Elsers Verhör 
mitgeschrieben hatte. 

Der Höhepunkt dieser kollektiven Wei¬ 
terarbeit. Ein Fachmann von Wismar trieb 
mir die Erklärung aus, Elsers Kopfschmer¬ 
zen im August 1939 seien psychosoma¬ 
tisch gewesen, Folgen seiner Grübeleien 
und Unsicherheiten. Elser sammelte den 
Industriesprengstoff Donarit 3 und schlief 
gleich neben ihm, kannte aber nicht die 
gesundheitsschädlichen Ausdünstungen, 
unter denen er dann litt. Mein Kritiker 
muss es bestimmt besser wissen, als ich. 
Sein Gutachten, mit Kopien aus der 
Fachliteratur seines Berufes, unterschrieb 
er mit dem Ehrfurcht gebietenden Wort: 
„Sprengmeister". 

Haasis, Hellmut G.: 

"Den Hitler jag'Ich in die Luft". 

Der Attentäter Georg Elser. 

Eine Biographie. Rowohlt 3. Auf!. 2001. 


[ 37 ] SF 2/2004 







Erich Mühsam 

- 70 Jahre danach 

von Wolfgang Haug 


ln der Nacht vom 9. auf den 10. Juli 1934 
wurde der Schriftsteller und Anarchist 
Erich Mühsam im KZ Oranienburg ermor¬ 
det Knapp 10 Jahre zuvor war er aus dem 
Gefängnis Niederschönenfeld entlassen 
worden, indem er wegen seiner Teilnahme 
an der ersten Münchner Räterepublik 
1919 einsitzen musste. Ende 1924 zog 
Mühsam nach Berlin, zurück in die Stadt, 
in der er seine politische und literarische 
Arbeit vor dem 1.Weltkrieg begonnen 
hatte. Mühsam arbeitete in Berlin mit 
dem Schutzverband Deutscher Schriftstel¬ 
ler, mit Theatern oder mit der kommunis¬ 
tischen Roten Hilfe zusammen, er war 
Vortragsredner und Mitglied der Anarchis¬ 
tischen Vereinigung Berlins, veröffentlich¬ 
te seine Monatszeitschrift FANAL und 
pflegte besonders engen Kontakt zu den 
anarchosyndikalistischen Vertretern der 
FAUD, z. B. zu Rudolf Rocker und Augus¬ 
tin Souchy. 

Ein Beispiel für die Kooperation zeigt 
sich in der Kampagne für die Freilassung 
von Sacco und Vanzetti, der beiden 
berühmt gewordenen Anarchisten, die in 
den USA zum Tode verurteilt und trotz 
mangels an Beweisen hingerichtet wor¬ 
den waren. Mühsam und Souchy sprachen 
beide auf der Kundgebung der FAUD im 
Berliner Lustgarten gegen das Todesurteil. 
Mühsam schrieb anschließend sein Thea¬ 
terstück „Staatsraison" (lieferbar bei der 
Trotzdem-Verlagsgenossenschaft e G), in¬ 
dem er diesen Justizmord mit dokumenta¬ 
rischen Mitteln auf die Bühne bringen 
wollte. Die von der FAUD neugegründete 
„Gilde Freiheitlicher Bücherfreunde" (GFB) 
übernahm den Druck des Dramas zum 1. 
Todestag der beiden Hingerichteten Anar¬ 
chisten und verbreitete das Buch. 

Von Erich Mühsam hatte der FAUD-Ver- 
lag „ Der Syndikalist" 1925 bereits den 
Band „Alarm. Manifeste aus zwanzig Jah¬ 
ren" veröffentlicht. Diesen Band mit Ge¬ 
dichten aus Mühsams Gedichtbänden 
„ Wüste, Krater, Wolken", „Brennende Erde" 
sowie Artikeln aus seiner Müncher Zeit¬ 


schrift KAIN, hatte der rätekommunisti¬ 
sche Dichter Oskar Kanehl während Müh¬ 
sams Gefängniszeit zusammengestellt. 
Die Büchergilde Freiheitlicher Bücher¬ 
freunde übernahm zudem Restbestände 
aus Mühsams Werk von anderen Verlagen 
in ihr Programm, so „Brennende Erde" aus 
dem Kurt-Wolff-Verlag und „Sammlung 
1898-1928" aus dem J.M. Spaeth-Verlag. 
Mühsams theoretische Arbeit „Die Befrei¬ 
ung der Gesellschaft vom Staat" (lieferbar 
im Karin Kramer Verlag), in der er sein 
Anarchismusverständnis darlegte, und in 
der er seine Boheme- und Rätezeiterfah¬ 
rungen mit einbaute, erschien zuerst in 
der Theoriezeitschrift der FAUD, in „Die 
Internationale" (5. Jg., Heft 6-8,1932). 

Dieser Zeitschrift war es dann 1934 
Vorbehalten, als einer der wenigen ver¬ 
bliebenen anarchistischen Zeitschriften 
Mühsams Tod bekannt zu geben. Getarnt 
als „Deutschtum im Ausland - Blätter zur 
Pflege deutscher Art" wurde die „Interna¬ 
tionale" in Amsterdam (später in Barcelo¬ 
na und Paris) fortgesetzt und in Emigran¬ 
tenkreisen und anfangs auch illegal in 
Nazideutschland vertrieben. Bereits in ih¬ 
rer ersten Nummer musste die IAA ver¬ 
breiten „Mühsam ermordet H.R. (das ist 
Helmut Rüdiger) schrieb einen Nachruf 
und von Mühsam selbst wurde das 
„Kriegslied" nachgedruckt. Rudolf Rocker, 
der bereits in die USA geflohen war, been¬ 
dete diese Erinnerungsarbeit mit den Wor¬ 
ten: „Als ich in amerikanischen Blättern 
die kurzen Zeilen las, dass Erich Mühsam 
seinen furchtbaren Leiden durch Erhängen 
ein Ende gemacht hatte, fühlte ich, wie 
mir das Blut heiß in die Kehle stieg. Es war 
nicht bloß der Schmerz, einen lieben Men¬ 
schen unter so tragischen Umständen ver¬ 
loren zu haben, mit dem ich lange Jahre 
durch ungetrübte Freundschaft eng ver¬ 
bunden war; nein, es war die nagende 
Scham, einem Lande anzugehören, dessen 
Regierung seit den letzten achtzehn Mona¬ 
ten jede Menschenwürde mit Füßen getre¬ 
ten, den organisierten Mord an ihren Geg¬ 


nern zum Prinzip erhoben, eine alte Kultur 
in Trümmer gelegt und ihre wehrlosen Op¬ 
fer in den Gefängnissen und Konzentrati¬ 
onslagern allen grausamen Qualen, die ei¬ 
ne entartete, von sadistischen Instinkten 
geleitete Phantasie nur ersinnen kann, 
preisgibt. 

Als Mensch war Mühsam einer der 
prächtigsten Persönlichkeiten, mit denen 
ich je bekannt wurde. In ihm hatte der 
Parteimensch nicht wie bei so vielen ande¬ 
ren, den Menschen aufgezehrt. Stets nobel 
in seinen Handlungen, war er ein treuer 
und ergebener Freund und ein ungemein 
geistreicher Gesellschafter. Dass ein Mann 
mit solch glänzenden Qualitäten dem Un¬ 
geist des sogenannten Dritten Reiches 
zum Opfer fallen musste, ist eine der 
großen Tragödien unserer Zeit ; in der Frei¬ 
heit und Gerechtigkeit von größenwahn¬ 
sinnigen Schurken und Verbrechern ans 
Kreuz genagelt werden ." 

Rudolf Rockers Freund und enger politi¬ 
scher Mitarbeiter Augustin Souchy hat 
1934 in spanischer Sprache unter dem 
Ttel „Erich Mühsam - su vida - su obra - 
su martirio" (Barcelona 1934) versucht, 
die genauen Todesumstände Erich Müh¬ 
sams einer breiteren Öffentlichkeit be¬ 
kannt zu machen: 

„Am Tag nach dem Reichstagsbrand 
wurde Mühsam um 5:30 Uhr aus dem 
Bett geholt... In den ersten Wochen seiner 
Haft befand sich Mühsam im Polizeige¬ 
fängnis zu Berlin und im Untersuchungs¬ 
gefängnis Moabit und Spandau . Nach 

einigen Wochen wurde eine Anzahl politi¬ 
scher Häftlinge in das inzwischen errichte¬ 
te Konzentrationslager Sonnenburg ab¬ 
transportiert. Bereits auf dem Transport 
wurde Mühsam von den begleitenden SA- 
Männern misshandelt..... In dem Konzen¬ 
trationslager wurde Mühsam das Leben 
zur Hölle gemacht." 

Schläge, Demütigungen, Scheiner¬ 
schießungen, Schwerarbeit und immer 
wieder Schläge, Fußtritte und Ohrfeigen, 
bis Mühsam zuletzt fast nichts mehr 


[ 38 ] SF 2/2004 









Zeteetiriff für Menschlichkeit |f£) Herausgeber: Erich Mühsam. 



Hummer u ötmfiag, am io. Oczcra&cr ins. 5. la&rganß. 



Die erste Nummer des "Ritte-Kain 1 ’ in plakativem Großformat 
Quelle: Topos-Reprint, Vaduz 


hören konnte. Ein Mitgefangener berich¬ 
tet: „In meiner Gegenwart wurde er einmal 
derart verprügelt, dass er zusammenbrach 
und ich der Meinung war, man habe ihn 
totgeschlagen ... Durch diese dauernden 
Schläge sind Mühsams Ohren total ver- 
schwollen' und verkrüppelt Sein Gehör 
hatte er fast vollständig eingebüßt." 

Nachdem das KZ Sonnenburg aufgelöst 
wurde, kam Mühsam für kurze Zeit in das 
Gefängnis nach Plötzensee, die Misshand¬ 
lungen hörten für diese Zeit auf. Dann 
ging es weiter in das alte Zuchthaus nach 
Brandenburg; und die Demütigungen und 
Misshandlungen begannen erneut, spezi¬ 
ell als in der Nazipresse verleumderische 
Artikel über Mühsams Tätigkeit während 
der Münchner Rätezeit erschienen. Müh¬ 
sam wird als Judenschwein" beschimpft, 
geschlagen, geschoren, die Verletzungen 
bleiben unbehandelt. Als Mühsam Schreib¬ 
erlaubnis erhielt um an seine Frau Zenzl 
zu schreiben, brach ihm die SA seine bei¬ 
den Daumen. 

Von Brandenburg kam Erich Mühsam 
ins KZ Oranienburg, kurz nach der Ent¬ 
machtung der SA {„Röhm-Putsch") ließ 
Hitler das KZ am 31. Juni von der SS über¬ 
nehmen. Mühsam wusste, dass seine Er¬ 
mordung unmittelbar bevorstand. Seiner 
Frau sagte er bei ihrem letzten Besuch: 


„Was man auch 
immer sagen und 
dir erzählen mag: 
glaub nie, dass ich 
Hand an mich le¬ 
gen werde ." 

Der Mord er¬ 
folgte in der Nacht 
vom 9. auf den 10. 

Juli 1934. Der frei- 
gelassene Mitge¬ 
fangene Stone berichtete in der Kopenha- 
gener Zeitung „Extrabladet": 

„Am Abend (des 9. Juli) wurde Mühsam 
zum Adjutanten des Lagerkommandan¬ 
ten, Sturmführer Eschrad, gerufen (in der 
Darstellung Kurt Millers, die sich im we¬ 
sentlichen mit der von Stone deckt ; wird 
der Name Eckhardt genannt). Als er 
zurückkam, sagte er: Die wollen, dass ich 
mich selber erhängen soll - aber das Verg¬ 
nügen will ich ihnen nicht bereiten. Um 8 
Uhr abends gingen wir wie gewöhnlich zu 
Bett. Um 9 Uhr abends wurde Mühsam 
herausgerufen. Da haben wir ihn zum letz¬ 
ten Mai lebend gesehen. Wir merkten aus 
verschiedenen Anzeichen, dass etwas Be¬ 
sonderes am Werke sei. So wurde an die¬ 
sem Abend - entgegen allen Regeln - ver¬ 
boten, auf den Hof in die Aborts zu gehen. 
Nächsten Morgen verstanden wir den 


Grund: Draußen im Aborthaus fanden wir 
die furchtbar zugerichtete Leiche Müh¬ 
sams. An einem Stricke, der um einen Bal¬ 
ken geschlagen war, hing Mühsams Kör¬ 
per. Alles war so eingerichtet, dass der Ein¬ 
druck eines Selbstmordes erweckt werden 
sollte. Doch es war kein Selbstmord. Einer, 
der sich erhängt, hat die Beine ausge¬ 
streckt infolge des Körpergewichts, und die 
Zunge streckt er aus dem Mund heraus. 
Doch bei der Leiche Mühsams waren diese 
Zeichen nicht wahrzunehmen. Er hing mit 
angezogenen Beinen. Außerdem waren 
der Strick mit einem Seemannsknoten fest¬ 
gemacht, den der in diesen Dingen uner¬ 
fahrene Mühsam niemals hätte zustande 
bringen können. Der Leichnam trug Spu¬ 
ren von frischen Misshandlungen. Er war 
zu Tode geprügelt und dann aufgeknüpft 
worden." 


[ 39 ] SF 2/2004 






















































Erich Mühsam 




als gesellschaftliches 



Die Geschichte der Menschheit mit ihren 
Kriegen und Revolutionen, mit ihren Be¬ 
strebungen um Änderung, Besserung, Be¬ 
seitigung oder Erhaltung von Zuständen 
und Einrichtungen, mit all ihren politi¬ 
schen, wirtschaftlichen, religiösen und ge¬ 
sellschaftlichen Auseinandersetzungen 
und Kämpfen vollzieht sich in immer ver¬ 
änderten Forderungen dennoch immer 
mit derselben Begleitmusik. In allen Zei¬ 
ten, in allen Völkern, wo Meinung gegen 
Meinung, Losung gegen Losung stand 
und steht, empfehlen sich die Beschützer 
des Alten wie die Pioniere des Neuen als 
die Sachverwalter der Freiheit. Es gibt kei¬ 
ne Bewegung, hat nie eine gegeben und 
kann keine geben, die erfolgreich um An¬ 
hang für sich werben könnte, wenn nicht 
auf ihrer Standarte das Bekenntnis zur 
Freiheit beschworen ist. Wo Ziele erstrebt 
werden, die über materielle Nützlichkeit 
hinausreichen oder doch hinauszureichen 
scheinen, kann Gefolgschaft nur mit sittli¬ 
chen Zwecksetzungen gewonnen werden; 
zum sittlichen Begriff schlechthin aber, 
dem alle übrigen sittlichen Werte ein- und 
untergeordnet sind, der die hohen seeli¬ 
schen Eigenschaften der menschlichen 
Gesellschaft wie Ehre, Ruhm, Kultur, 
glückliche Verbundenheit, in der natürli¬ 
chen Vorstellung aller zur Gefolgschaft 
geeigneten Massen umfasst, wird von al¬ 
len verschiedenen und entgegengesetzten 
Parteien und Vereinigungen die Freiheit 
erhoben. Denn das Wort Freiheit ist im 
Sprachgefühl der Menschen das einzige, 
das in sich die Eigenschaften der individu¬ 
ellen Tugend mit denen eines gesell¬ 
schaftlichen Ideals verbindet. 


Daß offenbar jeder Mensch die Freiheit 
als gesellschaftliches Ideal empfindet, ist 
ein Beweis dafür, daß die Sehnsucht nach 
individueller Freiheit in der menschlichen 
Natur selber begründet ist Dieser Sehn¬ 
sucht nach persönlicher Steigerung der 
Lebenswerte muß jede Werbung Rech¬ 
nung tragen, die die allgemeine Er¬ 
höhung des Kollektivgefühls zu bewirken 
verspricht Daher und weil bei primitven 
Menschen ebenso wie bei differenzierten 
das Streben nach veredelter Gemeinschaft 
durchaus gleich empfunden wir mit dem 
Streben nach vermehrter Freiheit in der 
Verbundenheit aller, spielt sich fast aller 
öffentliche Kampf um die Geister der 
Menschen als ein Wettstreit der Weltan¬ 
schauungen, der politischen und wirt¬ 
schaftlichen Bekenntnisse und der sozia¬ 
len Grundsätze ab, die eigene Freiheitlich- 
keit als die beste zu erweisen, das fremde 
und feindliche Prinzip als freiheitswürdig 
herabzuwürdigen. Wäre nun die Freiheit 
im Sprachbewußtsein der Menschen ein 
klar erkanntes und in ihrer Bedeutung 
einhellig erfasstes Gut, dann bedürfte es 
keiner konkurrierenden Anpreisung gesell¬ 
schaftlicher Programme unter dem Ge¬ 
sichtspunkt der Freiheit, dann wäre es 
leicht, unter den empfohlenen Systemen 
dasjenige herauszufinden, das der positi¬ 
ven Forderung am nächsten käme oder 
gar sich mit ihr deckte. Leider verbindet 
sich jedoch bei den meisten Menschen 
mit dem Wort Freiheit nur ein ganz ver¬ 
schwommener Empfindungswert, so daß 
aus dem gesellschaftlichen Begriff, der 
aus dem stärksten ethischen Drang des 
Menschen stammt, die seichteste aller öf¬ 


fentlichen Phrasen werden konnte. Es gibt 
in den vielen Jahrtausenden übersehbarer 
Menschengeschichte keine Tyrannis, keine 
Unterdrückung und Vergewaltigung von 
Arbeits- und Willenskräften, die sich nicht 
des Freiheitsverlangens ihrer Opfer be¬ 
dient hätte, um zur Macht zu kommen. 
Der Sklave nämlich stellt sich fast niemals 
die Freiheit vor, sondern leidet nur unter 
der greifbar erlebten Unfreiheit und läßt 
sich somit leicht überreden, neue Knecht¬ 
schaft auf sich zu laden, wenn nur der 
neue Herr die glaubhafte Zusicherung 
gibt, er werde ihn aus der alten Knecht¬ 
schaft befreien. Die Erfolglosigkeit aller 
bis jetzt geführten Kämpfe um gesell¬ 
schaftliche Freiheit hat also ihre Ursache 
darin, daß sie nie für die Erringung wahr¬ 
haft freien Lebens, für einen positiv von 
Freiheit durchdrungenen sozialen Zustand 
geführt wurden, sondern ihren Ausgang 
nahmen von der Unerträglichkeit des Be¬ 
stehenden und ihr Ziel begrenzen auf die 
rein negative Befreiung von dieser Uner¬ 
träglichkeit. Das Versprechen: wir werden 
euch, das Volk, den Staat, die Gesell¬ 
schaft, die Menschheit befreien!; die Auf¬ 
forderung: befreit euch, das Volk, den 
Staat, die Gesellschaft, die Menschheit! 
hat mit Freiheit nur insofern zu tun, als in 
diesen Parolen ihr Nichtvorhandensein 
anerkannt und als Übel festgestellt wird. 
Was dagegen aufgestellt wird, beschränkt 
sich in fast allen Fällen auf die Ausma¬ 
lung von Verhältnissen, die sich durch Ab¬ 
wesenheit der Dinge auszeichnen werden, 
deren Ausmerzung Sinn der Befreiung 
sein soll. Umgekehrt begegnen aber auch 
die Hüter der befehdeten Einrichtungen, 


[ 40 ] SF 2/2004 









Zustände oder Gebräuche dem Appell, 
sich von ihnen zu befreien, mit dem Be¬ 
weise, daß alles, was sie ersetzen sollen, 
dem Geiste der Freiheit widerspreche, und 
die Einen wie die Anderen lassen die Dar¬ 
stellung der Unfreiheit des Bekämpften 
als Überzeugungsgrund dafür gelten, daß 
die von ihnen gewünschten oder vertei¬ 
digten Werte den Charakter der Freiheit 
trügen. Es bleibt also zu untersuchen, ob 
der Begriff der Freiheit als gesellschaftli¬ 
ches Prinzip überhaupt in positiver Formu¬ 
lierung zu fassen ist und wie die Organi¬ 
sation der Gesellschaft beschaffen sein 
müßte, die die Freiheit zum lebensbewe¬ 
genden Inhalt des menschlichen Zusam¬ 
menhalts machen wollte. 

Es kann sich hier natürlich nicht um ei¬ 
ne philosophische Deutung des Freiheits- 
begriffes handeln, wie etwa Schopenhau¬ 
er in seinen zwei Grundproblemen der 
Ethik vornimmt Allerdings ist auch nicht 
daraufzu verzichten, das gesellschaftliche 
Problem der Freiheit als ein Problem der 
Ethik zu betrachten. Doch ist es nur des¬ 
wegen nicht überflüssig, die Notwendig¬ 
keit solcher Betrachtung aus ethischen 
Gesichtspunkten besonders zu betonen, 
weil leider die Behandlung gesellschaftli¬ 
cher Fragen als Fragen vorwiegend sittli¬ 
cher Natur längst nicht mehr überall als 
selbstverständlich zu gelten scheint. Ver¬ 
mehrte gesellschaftliche Freiheit wird da¬ 
zu helfen, das Primat der Ethik für alle auf 
die Beziehung der Menschen zu einander 
gerichteten Erörterungen sicherzustellen. 
Hiermit ist aber schon gesagt, daß der ge¬ 
sellschaftlich genommene Freiheitsbegriff 
auch keineswegs schlechthin als politi¬ 


scher Wert aufgefasst werden darf - zwar 
wirkt sich bestehende und mangelnde 
Freiheit wesentlich politisch aus, in dem 
weitesten Sinne nämlich, daß alle Herr¬ 
schaft, auch wirtschaftlicher Macht, poli¬ 
tisch gefügt sein muß, um sich zu erhal¬ 
ten. Aber Politik betrifft in viel zu enger 
Weise wandelbare Einrichtungen und auf 
Widerruf statuierte Bindungen, als daß 
ein Ewigkeitsprinzip menschlicher Ver¬ 
ständigung sich in ihren Methoden ver¬ 
wirklichen ließe. Die zu lösende Frage ist 
diese: Der Mensch strebt nach Erfüllung 
seiner individuellen Möglichkeiten. Er will 
seinen ehemaligen, von allen anderen 
Menschen unterschiedenen Charakter mit 
den darin begründeten Fähigkeiten, Nei¬ 
gungen, Kräften, Leistungs- und Genu߬ 
anlagen unabhängig von auferlegtem 
Zwange frei entwickeln und verwerten. 
Diese Unabhängigkeit, die Selbstbestim¬ 


mung und Selbstverantwortung in sich 
schließt, ist seine Vorstellung von Freiheit; 
ohne sie kann es keine Freiheit für ihn ge¬ 
ben. Die Menschen aber sind auf ihre Ar¬ 
beit angewiesen und zwar jeder auf die 
Arbeit aller, alle auf die Arbeit eines je¬ 
den. Infolgedessen ist die Gemeinschafts¬ 
aufgabe jeder Gesellschaft, die sogenann¬ 
te soziale Frage zu lösen, d.h. Arbeit, Ver¬ 
teilung und Verbrauch so zu organisieren, 
daß Leistung und Verwendung in das 
richtige Verhältnis zum Ertrage der Erde 
gebracht werden. Unter gesellschaftlicher 
Freiheit wird nun gemeinhin verstanden, 
daß die Organisation der gemeinsamen 
Arbeit der Willkür und dem Nutzen Einzel¬ 
ner entzogen und der Gesamtheit des pro¬ 
duzierenden und konsumierenden Volkes 
übertragen werde. Ist nun - und das ent¬ 
scheidet, ob die Freiheit als gesellschaftli¬ 
ches Prinzip bestehen kann, - eine Rege- 


[ 41 ] SF 2/2004 








lung der menschlichen Beziehungen er¬ 
reichbar, bei der das Höchstmaß verbun¬ 
denen Werteschaffens zum Nutzen aller 
und unter Ausschaltung der Willkür Ein¬ 
zelnergeleistet wird, - und gleichzeitig die 
Persönlichkeit zur vollen Entwicklung ihrer 
Fähigkeiten, zum vollen Ausleben ihrer 
Kräfte, zur vollen Befriedigung ihrer Be¬ 
dürfnisse gelangen kann? 

Der marxistische Sozialismus bejaht mit 
Entschiedenheit die Lösbarkeit der sozia¬ 
len Frage, also die Organisierbarkeit der 
Arbeit in der Form, daß der Ertrag jeder 
Leistung dem Leistenden selber zugute 
kommt Er postuliert dazu - und darin be¬ 
gegnen sich alle Lehren des Sozialismus - 
die Vergesellschaftung des Grundes und 
Bodens und der Produktionsmittel, sohin 
die Beseitigung des Herrentums über die 
Arbeitskraft anderer Menschen. Ohne 
Zweifel ist hier eine Voraussetzung nicht 
nur kollektiver, sondern auch individueller 
Freiheit erfüllt. Doch beschränkt sich der 
Marxismus auf die Forderung der ökono¬ 
mischen Gleichstellung der Menschen. 
Marx und Engels, denen Lenin hierin 
folgt, stellen zwar als letztes Endziel und 
schließlich Folgerung der sozialisierten 
Wirtschaft die Überwindung des Staates 
und die Vollendung des freiheitlichen 
Kommunismus hin, wonach jeder nach 
seinen Fähigkeiten schaffen, jeder nach 
einem Bedarf verbrauchen soll, doch ge¬ 
langt bei ihnen die freiheitliche Zielset¬ 
zung nirgends über hypothetische Hin¬ 
deutungen hinaus. Ihre Theorien erschöp¬ 
fen sich in wirtschaftlichen Analysen der 
bestehenden und anzustrebenden Pro¬ 
duktionsformen und gewähren der Dar¬ 
stellung der Freiheit als gesellschaftliche 
Grundeigenschaft so gut wie keinen 
Raum. 

Die nichtsozialistischen Gesellschafts¬ 
lehren, soweit sie dem Worte Freiheit 
höheren Wert als nur den einer Werbefor¬ 
mel beimessen, gehen von der bekannten 
Behauptung des Malthusischen Gesetzes 
aus, daß der Ertrag der Erde niemals glei¬ 
chen Schritt halten könne mit der Vermeh¬ 
rung der Bevölkerung und daher der volle 
Genuß des Lebens von Natur wegen einer 
bevorzugten Schicht vorenthalten sei. Der 
Satz des Malthus ist so oft und so gründ¬ 
lich widerlegt worden, ist zumal durch die 
Kulturmethoden der intensiven Landbe¬ 
wirtschaftung auch praktisch so vollkom¬ 
men entwertet, daß von ihm kaum mehr 
etwas anderes übrig geblieben ist als die 
Freiheitsformel des liberalistischen Kapi¬ 
talismus vom freien Spiel der Kräfte. 
Selbstverständlich findet hier, wo nur die 
ungestörte Konkurrenz zwischen bevor¬ 
rechtigten Besitzenden gemeint ist, der 


Begriff der gesellschaftlichen Freiheit kei¬ 
ne Anwendung, noch auch da, wo sich die 
Freiheitsforderung mit nationalen, ras¬ 
semäßigen, konfessionellen oder Standes¬ 
egoismen identifiziert. Das Vorhanden¬ 
sein von Herrschergewalt irgendwelcher 
Art, sei es in Form wirtschaftlicher Vor¬ 
macht, sei es in Form politischer Obrigkeit 
oder sonstweichen Privilegien ist mit dem 
Gedanken der gesellschaftlichen Freiheit 
schlechterdings unvereinbar, und eine 
Freiheit, welche sowohl dem Individuum 
seine Unabhängigkeit als der Gesamtheit 
ihre Entfaltungsmöglichkeiten läßt, kann 
nicht bestehen, wo verhängte Dienst¬ 
pflicht, Autorität, Regierung und Staat be¬ 
steht. Will auch der Liberalismus dem 
Staat den Eingriff in die Selbstbestim¬ 
mung der Wirtschaft verwehren und 
nennt die Fernhaltung der politischen Ob¬ 
rigkeit vom Konkurrenzkampf der Ökono¬ 
mie mit dem Namen der Freiheit, so setzt 
diese Lehre doch zugleich die Unterwer¬ 
fung der Arbeit unter den Besitz voraus, 
und will der Staatssozialismus im Gegen¬ 
teil das Gesetz regierender Organe zum 
Regulativ der Wirtschaft und des Verhal¬ 
tens der Menschen zu einander machen, 
so scheidet er eben das Individuum aus 
der Festsetzung der eigenen Lebensfor¬ 
men aus. Der Begriff der gesellschaftli¬ 
chen Freiheit ist in keinem dieser Fälle an¬ 
wendbar. Der grundlegende Irrtum aller 
Lehren, die bei Erhaltung des Autorität¬ 
sprinzips die Freiheit glauben fördern zu 
können, beruht auf der Verwechslung der 
Begriffe Regierung und Verwaltung. Wor¬ 
auf es bei einer Neuorganisation der Ge¬ 
sellschaft im Geiste der Freiheit ankommt, 
hat Michael Bakunin in die klare Formel 
gefaßt: NICHT MENSCHEN REGIEREN, 
SONDERN DINGE VERWALTEN! Die Auf¬ 
gabe derer, die Freiheit zum gesellschaftli¬ 
chen Prinzip erheben wollen, besteht 
demnach darin, das gemeinsame Wirt¬ 
schaften der aufeinander angewiesenen 
Menschen von der Leistung einer Gehor¬ 
samkeitspflicht gegen empfangene Befeh¬ 
le zur Erfüllung eines Kameradschafts¬ 
dienstes auf Gegenseitigkeit zu machen. 
Nichts ist verkehrter als die Meinung, der 
Mensch arbeite nur unter der Peitsche der 
Kommandogewalt. Im Gegenteil: die Un¬ 
lust an der Arbeit, die vielfach schon für 
eine schicksalsgegebene menschliche Ei¬ 
genschaft gehalten wird, hat ihren einzi¬ 
gen Ursprung im Gefühl, unter dem 
Zwange regierender Befehlshaber aufer¬ 
legte Arbeit zu tun. Wo das Bewußtsein 
lebendig ist, daß Mensch sein Kamerad 
sein bedeutet und daß Kameradschaft 
ebenso notwenig ist zur Befriedigung der 
Lebensnotdurft wie zum Genuß der Freu¬ 


de und zum Ertragen des Leides, da kann 
der Gedanke keine Stätte haben, der die 
Beschaffung von Nahrung, Bekleidung 
und Behausung glaubt von obrigkeitlicher 
Satzung und aufpassender Disziplinarge¬ 
walt. Nicht einmal darauf kommt es an, 
daß die Obrigkeit auf demokratischem 
Wege eingesetzt ist, sondern darauf, daß 
es keine Obrigkeit gibt und alle gesell¬ 
schaftliche Funktion Funktion der Kame¬ 
radschaft ist. Demokratie ist nur das tech¬ 
nische Verfahren, in dem die Regierten ih¬ 
re Regierer selbst einsetzen. Das 
demokratische Verfahren aber setzt wie 
jedes andere Regierungssystem voraus, 
daß die notwendigen Dinge der Gesell¬ 
schaft nur verrichtet würden, wenn die 
Menschen unter Zwang gehalten werden. 
Diese Voraussetzung trifft indessen nur 
zu, solange Arbeit geleistet werden muß, 
deren gesellschaftlichen Wert der Arbei¬ 
tende nicht erkennt und deren Ertrag 
nicht ihm noch der Gesamtheit, sondern 
einem fremden Gewinn- oder Machtzweck 
zufällt. 

Somit deckt sich der Begriff der gesell¬ 
schaftlichen Freiheit nahezu vollständig 
mit dem der allgemeinen Kameradschaft 
unter den Menschen und es erhebt sich 
die Frage aller Fragen, ob und in welcher 
Weise diese Kameradschaft zum bestimm¬ 
ten Antrieb des gemeinnützigen Tuns al¬ 
ler gemacht werden kann. Dieser Frage ist 
Peter Kropotkin in seinem schönen Werk 
über die GEGENSEITIGE HILFE IN DER 
TIER- UND MENSCHENWELT wissen¬ 
schaftlich nachgegangen und kommt 
nicht nur zur Bejahung der Frage, sondern 
zu dem Ergebnis, daß die Solidarität eine 
naturgegebene Eigenschaft aller lebens¬ 
kräftigen Geschöpfe ist. Alle kamerad¬ 
schaftlich lebenden Tiere gründen ihr Ge¬ 
meinschaftsdasein ausschließlich auf die 
natürliche Veranlagung zur kamerad¬ 
schaftlichen Brüderlichkeit, die, wie Kro¬ 
potkin eindringlich dartut und wie Dar¬ 
win bestätigt, die den Kampf der Arten 
gegeneinander ergänzende Lebensform 
zur Erhaltung der Arten darstellt. Die 
Jagdgemeinschaften der Wölfe sind eben¬ 
so wie die Massenwanderungen des Dam¬ 
wildes zur Auffindung fruchtbarer Wohn¬ 
gebiete Beispiele in Freiheit organisierten 
gesellschaftlichen Lebens. Hier wirkt kein 
Staat, also keine zentrale Regierungsma¬ 
schinerie, sondern Anarchie, deren Wesen 
Gustav Landauer als Ordnung durch Bün¬ 
de der Freiwilligkeit kennzeichnet. In dem 
philosophischen Ergänzungswerk zu sei¬ 
ner naturwissenschaftlichen Arbeit über 
die Gegenseitige Hilfe, in der "Ethik" setzt 
aber Kropotkin den Begriff vollständig 
gleich mit dem der Freiwilligkeit, wie er 


[ 42 ] SF 2/2004 







die Begriffe Gerechtigkeit und Gleichheit 
mit dem Begriff der Gleichberechtigung 
gleichsetzt. Durch diese klaren Deutun¬ 
gen, der im allgemeinen Gebrauch reich¬ 
lich verwaschenen Worte Freiheit und 
Gleichheit, füllt sich ihr Wert mit jedem 
Mißverständnis entrücktem sozialen In¬ 
halt Zugleich jedoch leuchtet ein, daß 
Goethes immer wieder herangezogene 
Äußerung, wo Gleichheit sei, könne keine 
Freiheit bestehen, vor der rechten Würdi¬ 
gung beider Begriffe nicht standhält. Im 
Gegenteil: Freiheit, als Freiwilligkeit jeder 
Leistung im Zusammenklang der Gesell¬ 
schaft erfasst, ist nur vorstellbar, wo 
Gleichheit im Sinne von Gleichberechti¬ 
gung gilt. Gleichberechtigung aller in der 
menschlichen Gesellschaft aber bedingt 
Einheitlichkeit der wirtschaftlichen Vor¬ 
aussetzungen, unter denen die Menschen 
ins Leben treten und ihre Gaben und ihre 
Persönlichkeit zum eigenen Vorteil und 
zum Nutzen der Gesamtheit entfalten zu 
können. Diese Voraussetzungen scheinen 
nur im Sozialismus gegeben zu sein, wo¬ 
bei die Frage, ob der kollektivistische oder 
der kommunistische Sozialismus vorzuzie¬ 
hen sei. 

Zukunftssorge mag es sein, die Erkennt¬ 
nis hingegen, daß es Staat- und herr¬ 
schaftsloser Sozialismus sein muß, Bedin¬ 
gung gesellschaftlicher Freiheit ist. 
Goethe wollte mit seiner Behauptung die 
liberalistische Formel der französischen 
Revolution "FREIHEIT, GLEICHHEIT, BRܬ 
DERLICHKEIT" als leer tönende Redensart 
verdammen. Wenden wir diese Formel in 
der Bedeutung an: FREIWLLIGES SCHAF¬ 
FEN GLEICHBERECHTIGTER INDIVIDUEN 
IM DIENSTE GEGENSEITIGER HILFE, so 
erhalten wir das soziale Programm einer 
Menschengemeinschaft, in der die Frei¬ 
heit das gesellschaftliche Prinzip ist. 

Eine solche Auffassung widerspricht 
nicht, sondern bestätigt Goethes Leben¬ 
sideal: Höchstes Glück der Erdenkinder ist 
doch die Persönlichkeit! Denn Persönlich¬ 
keit kann wertvolle Eigenschaften niemals 
losgelöst von der gesellschaftlichen Ge¬ 
samtheit entfalten. Ja, Persönlichkeit und 
Gesellschaft können von jeder freiheitli¬ 
chen Perspektive gesehen, nur als voll¬ 
kommene Einheit begriffen werden. Die 
auf der Kameradschaft gleichberechtigter 
Menschen errichtete freie Gesellschaft ist 
ein Organismus, dem alle Elemente der 
Persönlichkeit innewohnen mit Einschluß 
selbst des individuellen Empfindungsle¬ 
bens, während jeder Mensch, der unter 
natürlichen, das heißt freiheitlichen Um¬ 
ständen lebt, sich nicht nur als Glied der 
gesellschaftlichen Kette, als Rädchen im 
Riesenapparat des gesellschaftlichen Ge¬ 


schehens fühlt, sondern durchaus als 
identisch mit der Gesamtheit, die für ihn 
genau so lebendige Wirklichkeit ist, wie 
sein eigenes körperliches und seelisches 
Sein. Mensch und Gesellschaft können 
unter freiheitlichen Lebensverhältnissen 
niemals in Gegensatz geraten, sie sind 
gleichwertige, einander ergänzende Aus¬ 
drucksformen desselben Zustands. Daher 
ist auch, die Wirklichkeit einer freien Ge¬ 
sellschaft angenommen, die Freiheit des 
Einzelnen nicht begrenzt bei der Freiheit 
aller, wie das die reinen Individualisten 
postulieren; vielmehr kann tatsächliche 
gesellschaftliche Freiheit gar nicht zur Be¬ 
grenzung der Freiheit des Einzelnen zwin¬ 
gen, da ja Freiheit der Persönlichkeit nicht 
bestände, wo sie im Widerspruch zur all¬ 
gemeinen Freiheit wirken wollte. Die Will¬ 
kür nämlich, die für sich selbst Rechte in 
Anspruch nimmt, die in der gesellschaftli¬ 
chen Einheit nicht begründet sind, hat mit 
Freiheit gar keine Berührung: sie ist Des¬ 
potie, die Unfreiheit voraussetzt, ist somit 
selber abhängig von der Bereitschaft an¬ 
derer, sich Obrigkeit und Befehlsgewalt 
gefallen zu lassen und würde Gegensätze 
zwischen Gesellschaft und Mensch auf¬ 
reißen, die die Natur nicht geschaffen hat 
und die dem Prinzip der Freiheit kraß zu¬ 
widerlaufen. 

Die Gesellschaft der Freiheit ist ein Or¬ 
ganismus, das heißt ein einheitliches und 
darum harmonisch schaltendes Lebewe¬ 
sen; das unterscheidet sie vom Staat und 
jeder Zentralgewalt, wo ein Mechanismus 
die Funktionen des organischen Lebens zu 
ersetzen sucht und wo nicht die Dinge der 
Gemeinschaft gemeinsam verwaltet, son¬ 
dern die Menschen von anderen Men¬ 
schen zur Innehaltung von auferlegten 
Pflichten zwangsweise angehalten wer¬ 


den. Es genüge hier, die beiden Möglich¬ 
keiten menschlichen Zusammenlebens 
einander gegenüberzustellen. Das System 
der Zentralisation der Kräfte, hat sich in 
aller Welt durchgesetzt und bis jetzt, 
kaum ernstlich bedrängt, erhalten. Das 
System der Förderation von unten nach 
oben, des Bündniswesens, der Kamerad¬ 
schaft und der Freiheit, dieses System der 
Ordnung durch Bünde der Freiwilligkeit 
muß den Beweis seiner Verwendbarkeit in 
der Wirklichen Welt aus der grauen Vor¬ 
zeit der Menschheitsgeschichte und aus 
den täglichen Beispielen der uns umge¬ 
benden Tierwelt führen. Wer den Glauben 
an die Zukunft der Freiheit hat, wird ihn 
sich durch die Einwendungen der hand¬ 
fest praktischen Gegenwart nicht rauben 
lassen. Von den Mitteln, wie die Men¬ 
schen zum Zustand der Freiheit gelangen 
könnten, soll hier schon gar nicht gespro¬ 
chen werden, um so weniger als unter den 
verschiedenen Richtungen, die auf das 
gleiche Ziel, darin durchaus keine Einheit¬ 
lichkeit der Meinung besteht und Bakunin 
zum Beispiel weitaus andere Wege ein- 
schlagen wollte als etwa Tolstoi. Wer der 
Freiheit ergeben ist und den Gedanken 
rücksichtslos in sich aufgenommen hat, 
daß der Mensch frei sein wird, wenn es 
die Gesellschaft ist, die Gesellschaft aber 
nur von innerlich freien Menschen ge¬ 
schaffen werden kann, der wird bei sich 
selber und in seinem nächsten Umkreis 
mit dem Befreiungswerk beginnen. Er 
wird niemandes Knecht sein und wissen, 
daß nur der kein Knecht ist, der auch nie¬ 
mandes Herr sein will. Der Mensch ist frei, 
der allen anderen Menschen die Freiheit 
läßt und die Gesellschaft wird frei sein, 
die kameradschaftlich Gleiche in Freiheit 
verbindet. 


[ 43 ] SF 2/2004 







Schlagt überall an die Freiheitsglocken! 

David Edelstadt, ein Pionier der jiddischen Arbeiterdichtung 

von Mittwochsgruppe Frankfurt/Main 


Wacht auf 

Wie lange , oh wie lange noch wollt ihr Sklaven sein, 

Und mit euch 'rumschleppen die schändliche Kette? 

Wie lange werdet ihr viele Reichtümer schaffen, 
für die, die euch euren Brotes berauben? 

Wie lange noch werdet ihr mit gebeugtem Rücken stehn, 
erniedrigt ; heimatlos und verschmachtend? 

Wacht auf, es tagt schon, öffnet eure Augen! 

Und fühlt eure eiserne Macht! 


Läutet die Freiheitsglocken! 

Versammelt die leidenden Knechte! 

Kämpft begeistert, kämpft unerschrocken, 

Für eure heiligen Rechte! 

Dann wird alles wieder leben , lieben und blühen, 
Im freien, im goldenen MaiI 
Brüder, lang genug habt ihr vor Tyrannen gekniet, 
Schwört, daß ihr euch befreit! 


Dieses vor über 100 Jahren verfaßte und 
später vertonte Gedicht klingt heute für 
uns wie aus einer längst vergangenen 
Zeit. Mit hohem Pathos verkündet es die 
Siegesgewißheit eines der Arbeiterinnen¬ 
bewegung zutiefst verbundenen Dichters. 
Sein Name ist David Edelstadt, der neben 
Morris Vinchevsky, Morris Rosenfeld und 
Yosef Bovshover zu den bedeutendsten jü¬ 
disch-sozialistischen Poeten am Ausgang 
des 19. Jahrhunderts zählt. 

I. 

David Edelstadt, der nur 26 Jahre alt wur¬ 
de, kam am 21. Mai 1866 im russischen 
Kaluga zur Welt. Sein Vater Moisey Ivano- 
vitch diente als Zwangsrekrutierter viele 
Jahre in der zaristischen Armee. Seine 
Mutter Ethel Fiodorovna ermöglichte 
ihrem Sohn eine private Schulausbildung 
und weckte früh sein anhaltendes Interes¬ 
se an Literatur. Bereits im Alter von elf 
Jahren veröffentlichte David Edelstadt 
sein erstes Gedicht und wurde vom Gouv¬ 
erneur von Kaluga dafür persönlich be¬ 
glückwünscht 

Seit 1880 lebte er bei seinen älteren 
Geschwistern in Kiew und arbeitete dort 
in der Schuhmacherwerkstatt seines Bru¬ 
ders Abrasha. In der Freizeit las er russi¬ 
sche Literatur und schrieb Gedichte. Er 
hörte von der Sozialrevolutionären Bewe¬ 
gung „Narodnaja volja" („Volkswille"), die 
den Sturz des russischen Zarismus plante. 
Zugleich nahm er erstmals sein Judentum 
bewußt wahr. Wenige Wochen nach dem 
tödlichen Attentat auf Zar Alexander II 
fand am 8. Mai 1881 ein antisemitisches 
Pogrom in Kiew statt. Es beraubte David 
Edelstadt jeglicher Hoffnung, daß Juden 
und Jüdinnen jemals als Gleiche in Ru߬ 
land leben können. Aufgerüttelt von die¬ 


sem Ereignis engagierte er sich in einem 
Komitee zur Unterstützung der Pogromop¬ 
fer. Schließlich entschied er, seine Heimat 
zu verlassen und in die USA zu emigrieren. 

II. 

Allein in den 1880er Jahren gelangten 
mehrere Hunderttausend Juden, vor allem 
Handwerker, aber auch Intellektuelle, in 
die Vereinigten Staaten. Die meisten spra¬ 
chen Jiddisch. Wie viele europäische Ein¬ 
wanderer vor und nach ihm verband Da¬ 
vid Edelstadt Nordamerika in seinen Vor¬ 
stellungen mit der Hoffnung auf einen 
persönlichen Neubeginn. 

Nach seiner Ankunft Ende Mai 1882 
reiste er zu seinen Brüdern nach Cincinna¬ 
ti/Ohio. Auch dort begann sich die radi¬ 
kale Arbeiterinnenbewegung zu regen. 
Ihren Kampf um eine Verbesserung der 
Arbeits- und Lebensbedingungen gründete 
sie auf die Hoffnung einer freiheitlich-so¬ 
zialistischen Zukunft. Erheblichen Anteil 
daran nahmen das jüdischen Proletariat. 
David Edelstadt arbeitete in der Beklei¬ 
dungsindustrie. Die Herstellung von Kon¬ 
fektionskleidung gehörte damals zur 
Hauptbeschäftigung jüdischer Immigrier¬ 
ter. Anfänglich nur wenig interessiert am 
politischen und gesellschaftlichen Leben 
in den Vereinigten Staaten außerhalb sei¬ 
nes unmitttelbaren Alltags, bewegte er 
sich zunächst ausschließlich im Milieu jü¬ 
disch-russischer Immigranten. Schließlich 
öffnete sich David Edelstadt auch kultu¬ 
rell seiner neuen Heimat. Er lernte neue 
Freunde kennen, darunter Hillel Solota- 
roff, später ein bekannter Libertärer inner¬ 
halb der zionistischen Bewegung. Seit 
Mitte der achtziger Jahre der Arbeiterin¬ 
nenbewegung assoziiert, schloß sich Da¬ 
vid Edelstadt dem 1885 gegründeten Jü¬ 


dischen Arbeiterverein in Cincinnatti an. 

Mit der Immigration osteuropäischer 
Arbeiter und Arbeiterinnen in den beiden 
letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts 
nahm die amerikanische Arbeiterinnenbe¬ 
wegung einen raschen Aufschwung. Vor 
allem zwei Flügel bestimmten Inhalt und 
Strategie: der sozialdemokratische und der 
anarchistische. David Edelstadt zählte zu 
den Libertären, die das staatliche Re¬ 
gierungssystem auf revolutionärem Weg 
durch eine gerechte, gleiche und freiheitli¬ 
che Gesellschaft ersetzen wollten. Diesem 
Ziel widmet er in den folgenden Jahren 
seine Kreativität als Dichter und Journa¬ 
list. 

III. 

Seit 1886 radikalisiert sich die amerikani¬ 
schen Arbeiterinnenbewegung in ihrem 
Kampf für den Achtstundentag. Zehn- bis 
zwölfstündige Arbeitstage, schlechtbe¬ 
zahlt, ohne Sozialversicherung und Alters¬ 
rente, gelten als Regel. Höhepunkt der 
Mobilisierung sind die „Haymarket"-Ereig- 
nisse, die David Edelstadt nachhaltig be¬ 
einflussen und seine endgültige Hinwen¬ 
dung zur libertären Arbeiterbewegung be¬ 
wirken. 

Am 1. Mai 1886 streiken mehrere hun¬ 
derttausend Arbeiter. Allein in Chicago 
demonstrieren 80.000 Menschen. Drei Ta¬ 
ge später erschießt die Polizei zwei De¬ 
monstranten, die Streikbrecher am Betre¬ 
ten ihres Arbeitsplatzes hindern wollen. 
Die daraus entstehende Eskalation be¬ 
schreibt der Schriftsteller Horst Karasek in 
seinem Buch „Haymarket": „Am 4. Mai 
1886 wird in den Vereinigten Staaten 
zum ersten Mal eine Bombe geworfen. Sie 
fällt in einen Polizeitrupp, der eine Arbei¬ 
terkundgebung in Chicago zu sprengen 


[ 44 ] SF 2/2004 





droht Die Polizei eröffnet das Feuer. Auf 
dem Haymarket, dem Heumarkt, bleibt 
ein getöteter Polizist zurück (sechs weitere 
erliegen in den folgenden Wochen ihren 
Verletzungen); ungezählt bleiben die 
erschossenen Arbeiter. Eine Welle von 
Hysterie erfaßt Chicago. Schließlich wird 
acht Anarchisten der Prozeß gemacht; 
sechs von ihnen sind deutsche Einwan¬ 
derer." 

Als Organisatoren und Redner der Kam¬ 
pagne für den Achtstundentag werden 
sie, ohne konkreten Schuldbeweis, ange¬ 
klagt und sieben von ihnen zum Tode ver¬ 
urteilt. Der eigentliche Grund ihrer Verur¬ 
teilung liegt in ihrem Bekenntnis zum An¬ 
archismus und zu einer herrschaftsfreien 
Gesellschaft Vier der sieben Todesurteile 
werden am 11. November 1887 voll¬ 
streckt; Albert Parsons, August Spies, 
Adolph Fischer und Georg Engel enden 
am Galgen, der 22jährige Zimmermann 
Louis Lingg verübt Freitod. Michael 
Schwab, Samuel Fielden und Oskar Neebe 
erklärt man nach sieben Jahren Freiheits¬ 
entzug für unschuldig. 1889 wird der 
1 Mai in Erinnerung an die „Märtyrer 
von Chicago" auf dem Internationalen 
Sozialistenkongreß in Paris zum weltwei¬ 
ten .Kampftag' der Arbeiterbewegung 
erklärt. David Edelstadt schreibt mehrere 
Gedichte über die sog. „Haymarket"- 
Märtyrer, die in der jiddischsprachigen 
„Frayen arbayter shtime" („Freie Arbeiter¬ 
stimme") erscheinen. In „Der 11. Novem¬ 
ber" erinnert er an die Hinrichtung der 
vier zum Tode verurteilten Libertären: 

Der 11, November 

Und wieder flattern die blutroten FahnenI 
Der Freiheit heilige Stimme erklingt! 

Wieder wird das Volk erinnert 


An die Kämpfer, die lebten und starben für die 
FreiheitI 

In der Weltgeschichte werden wir uns wieder 
An die Seiten der Märtyrer erinnern, 

Die noch frisch sind vom Blut unserer Brüder, 
Ermordet von Geldsäcken, Kirche und StaatI 

Fünf verblutete Geister werden schweben 
Über der Volkstribüne inmitten leidender Knechte; 
Und uns unbezwingbaren Mut geben, 

Zu leben und sterben für Freiheit und Gerech¬ 
tigkeit! 

Sie erinnern uns an den Willen 

Den sie den Arbeitern hinterlassen haben: 

„Kämpft für eure Freiheit! Nichts und niemand 
Kann euch von dieser heiligen Botschaft abhal¬ 
ten!" 

Schreckt nicht vor den Flenkern und ihren 
Helfershelfern zurück! 

Erkämpft und schlagt an die Freiheitsglocken! 
Zeigt allen Sklaven auf der Welt an, 

Dass der Tag der Befreiung kommen wirdI 

Und auf beiden Seiten des Atlantiks 
Werden die Sklaven aller Nationen 
Sich in Brüderschaft die Hände reichen 
Und schwören alle Ketten und Throne zu vernich¬ 
ten. 


IV. 

Fortan setzt sich David Edelstadt für 
Gleichheit und Freiheit nicht nur der jüdi¬ 
schen Immigrantinnen, sondern für alle 
unterdrückten und beleidigten Minderhei¬ 
ten ein. 

Als er wegen seines gewerkschaftlichen 
Engagements den Arbeitsplatz verliert, 
geht er 1886 nach New York. Er engagiert 
sich dort in der „Jewish Workers Union" 
und in der- erfolglosen - Kampagne New 
Yorker Arbeiterinnen für die Wahl des „ei¬ 
ne Steuer allein"-Verfechters Henry Geor¬ 
ge um das Amt des Bürgermeisters von 
New York City. Außerdem nimmt er Ein¬ 
fluß auf den ersten jiddischsprachigen 
Kreis innerhalb der libertären Bewegung: 
die im Herbst 1886 als Reaktion auf die 
„Haymarket"-Ereignisse gegründeten „Pio¬ 
niere der Freiheit". Dieser um Aufklärung 
und Politisierung unter jüdischen Immi¬ 
grantinnen und Immigranten bemühten 
Vereinigung schließen sich auch die ost¬ 
europäischen Einwanderer Saul Yanovsky, 
Hillel Solotaroff und Alexander Berkman 
an. 

Anfang 1889 erscheint David Edelstadts 
erstes Gedicht in jiddischer Sprache, das 
die jiddisch-anarchistische Zeitung „Di 
varhayt" („Die Wahrheit") abdruckt Jid¬ 
disch ist die Sprache der osteuropäischen 
Juden vor der Shoa. Die Nationalsoziali¬ 
sten vernichteten mit den sechs Millionen 
Juden und Jüdinnen zugleich deren All¬ 


tagssprache. Zusammengesetzt ist sie aus 
Deutsch, Hebräisch, Aramäisch und meh¬ 
reren slawischen Dialekten. Geschrieben 
wird Jiddisch von rechts nach links und 
mit hebräischen Schriftzeichen. Als,Väter' 
der jiddischen Literatur am ausgehenden 
19. und beginnenden 20. Jahrhundert 
gelten Isaak Leib Perez, Mendele Mojcher 
Sforim und Sholem Alejchem. 

Heute verschwindet das Jiddische als 
lebendige Sprache. Es existiert eigentlich 
nur noch in ultraorthodoxen Gemeinden. 
Bedenkt man, daß vor dem Zweiten Welt¬ 
krieg etwa 90 Prozent der zehn Millionen 
Juden und Jüdinnen Osteuropas Jiddisch 
sprachen, so wird der unermeßliche und 
unersetzliche kulturelle Verlust umso 
deutlicher. Immerhin gewinnt das Jiddi¬ 
sche als Kultursprache an Bedeutung. Der 
Sprachforscher und Jiddist Jean Baumgar¬ 
ten faßt dessen Besonderheiten zusam¬ 
men: „Die jiddische Kultur kann nur im 
Zusammenhang mit der hebräischen Kul¬ 
turverstanden werden und mit all den an¬ 
deren Kulturen, mit denen die Juden in 
Kontakt waren. Das Jiddische läßt sich 
nicht isolieren. Das Hebräische ist die hei¬ 
lige Sprache, die Sprache der Kommenta¬ 
re, der Liturgie und der Gelehrten; das Jid¬ 
dische hingegen hat sich einen Platz ge¬ 
schaffen, um Zugang zu bestimmten 
Aspekten der jüdischen Kultur zu finden, 
die vor allem aramäisch und hebräisch 
waren. Weil aber nicht alle Juden he¬ 
bräisch konnten, mußten die wichtigsten 
Botschaften und Werte der jüdischen 
Identität anders vermittelt werden. Das 
Jiddische füllte diese Brückenfunktion 
aus." 

V. 

Für David Edelstadt öffnet sich mit sei¬ 
nem ersten 1889 in jiddischer Sprache 
publizierten Gedicht „Tsuruf der varhayt" 
(„Ruf nach Wahrheit") eine neue Welt - 
weitere Gedichte, Prosa und Zeitungsarti¬ 
kel folgen. Er entscheidet sich Jiddisch zu 
schreiben und zu publizieren, um die zah¬ 
lenmäßig große jiddischsprachige Bevöl¬ 
kerung zu erreichen. 

Nachdem seine gesamte Familie von 
Kiew in die Vereinigten Staaten ausge¬ 
wandert ist, kehrt David Edelstadt aus 
New York nach Cincinnati zurück. Die da¬ 
malige politische Aufbruchstimmung in¬ 
nerhalb der amerikanischen Arbeiterbe¬ 
wegung in den Großstädten erlebt er 
zunächst als Hochgefühl. Allerdings mi¬ 
schen sich schon bald Enttäuschungen 
darunter, seine Hoffnungen und Träume 
verfliegen so rasch wie sie gekommen wa¬ 
ren. Die teilweise harten ideologischen 
Flügelkämpfe innerhalb der amerikani- 


[ 45 ] SF 2/2004 




sehen Arbeiterinnenbewegung bedrücken 
ihn. Ais unerträglich empfindet er es r daß 
sich die organisierte Arbeiterinnenschaft 
im alltäglichen Überlebenskampf aufreibt 
und untereinander statt Einigkeit ein Kli¬ 
ma der Mißgunst und Entsolidarisierung 
vorherrscht 

VI. 

Neben seinem gewerkschaftlichem Enga¬ 
gement, z.B. Geldsammlungen für strei¬ 
kende Arbeiter, beteiligt sich David Edel¬ 
stadt der erfolgreichen Kampagne zur 
Freilassung der drei zu lebenslanger Haft 
veru rte i Iten „Hayma rket"-Aktivisten Sa¬ 
muel Fielden, Michael Schwab und Oscar 
Neebe. Außerdem vertieft er sich in die 
amerikanische und englische Literatur. Er 
setzt sich mit Fragen des Glaubens und 
der Religion auseinander. Beeinflußt von 
dem deutsch-amerikanischen Anarchisten 
Johann Most bemüht er sich in seinen Ge¬ 
dichten, den Leser von der Nichtexistenz 
Gottes zu überzeugen. Anstelle des Glau¬ 
bens an Gott solle die Menschheit ihre 
Hoffnungen auf Freiheit, Wahrheit und 
Gerechtigkeit ausrichten. David Edelstadt 
bezieht sich wiederholt auf biblische Tra¬ 
ditionen, z. B. die Geschichte von Moses 
und den Auszug der Juden aus Ägypten. 
Am orthodoxen Judentum kritisiert er den 
seiner Meinung nach überholten Glauben 
an Gott und die Thora. Dagegen erklärt er 
die Revolution zum neuen Gott, Freiheit 
und Gerechtigkeit zur neuen Thora, Ferdi¬ 
nand Lassalle, Ludwig Börne, Michael 
Bakunin und Karl Marx zu den neuen Pro¬ 
pheten. Der tradierte Gottesglaube solle 
überwunden und ersetzt werden durch ei¬ 
ne Botschaft der Freiheit, Gleichheit und 
Gerechtigkeit. 


VII. 

Die bedeutendste Station im Leben David 
Edelstadts ist seine Mitherausgeberschaft 
an der jiddischsprachigen „Freien Arbeiter 
Stimme". Diese 1890 von jüdischen Immi¬ 
granten aus Osteuropa in New York ge¬ 
gründete Zeitung steht Michael Bakunin 
und Peter Kropotkin näher als Karl Marx 
und Friedrich Engels. An das bis 1977 
annähernd neun Jahrzehnte bestehende 
Blatt erinnert der deutsche Anarchosyndi¬ 
kalist Augustin Souchy: „Die Gruppen der 
Freien Arbeiter Stimme beteiligten sich an 
der Gründung und Förderung von Ge¬ 
werkschaften, gaben Impulse zur Bildung 
von Workers Circles (Arbeiterbildungsver¬ 
eine), begünstigten die Bewegung der 
Frauenemanzipation und unterstützten al¬ 
le kulturellen Bestrebungen, vor allem die 
Pflege des jiddischen Sprachguts. Die 


Freie Arbeiter Stimme war kein farbloses 
Nachrichtenmagazin, auch kein bloßes 
Diskussionsforum für abstrakte Theorien 
einer zukünftigen Gesellschaft, sie war 
der Mittelpunkt der sozialen Avantgarde 
jüdischer Einwanderer auf dem amerikani¬ 
schen Kontinent, stets bereit für Aktionen 
der internationalen Solidarität Zugleich 
stellte es auch kontinuierliche Kommuni¬ 
kation zwischen den jüdischen Anarchi¬ 
sten in New York, Paris und London her." 
Als Herausgeber der „Freien Arbeiter Stim¬ 
me" 1890/91 verdient David Edelstadt 
zum ersten Mal Geld für sein Schreiben. Er 
trägt intellektuelles Niveau in die Zeitung 
hinein, führt sie aus ihrer Pionierphase 
heraus und legt den Grundstein für ihr 
jahrzehntelanges Erscheinen. 

VIII. 

1891 erkrankt David Edelstadt schwer. Ei¬ 
ne Tuberkulose bricht aus und zwingt ihn 
in ein Sanatorium in Denver - jedoch ver¬ 
geblich. Am 17. Oktober 1892, gerade 
sechsundzwanzigjährig, stirbt er und wird 
zunächst auf dem jüdischen Friedhof in 
Denver/Colorado beerdigt, später umge¬ 
bettet auf den dortigen Arbeiterfriedhof. 
Freunde und Verehrer errichten ihm ein 
Monument, das 1915 in Anwesenheit sei¬ 
nes älteren Bruders Abe Edelstadt und jü¬ 
dischen Radikalen enthüllt wird. Die Teil¬ 
nehmer singen seine vertonten Gedichte: 

Im Kampf 

Wir werden gehaßt und vertrieben, 
wir werden geplagt und verfolgt, 
und alles nur, weil wir lieben, 
das arme, schmachtende Volk! 

Wir werden erschossen, gehangen, 
man raubt uns Leben und Rechte, 
dafür, daß wir Wahrheit verlangen 
und Freiheit für arme Knechte. 

Aber uns können nicht erschrecken 
Gefängnis und Tyrannei. 

Wir müssen die Menschheit erwecken, 
sie werde glücklich und frei! 

Schmiedet uns in eiserne Ketten! 

Wenn ihr uns wie Raubtiere reißt 
könnt ihr doch die Körper nur töten, 
aber nicht unseren heiligen Geist! 

Ihr könnt uns ermorden, Tyrannen, 
neue Kämpfer wird bringen die Zeit, 
und wir werden kämpfen, bis wir gewonnen 
und bis wir die Erde befreit. 

IX. 

Zum Zeitpunkt seines Todes zählte David 
Edelstadt zu den bedeutendsten jiddi¬ 
schen Dichtern. Jiddische Literatur, vor al¬ 
lem Lyrik, existierte in den USA seit den 


1870er Jahren. Abgedruckt in sozialisti¬ 
schen und libertären Zeitungen diente sie 
der politischen Aufklärung und rief die Ar¬ 
beiterinnenschaft zur direkten Aktion auf. 
Die zentrale Bedeutung dieser Lyrik inner¬ 
halb der Printmedien bestand darin, daß 
sie jeweils auf der ersten Seite erschien, 
direkt neben dem Hauptartikel bzw. einer 
Illustration. Zumeist waren die Genres in¬ 
haltlich aufeinander abgestimmt. Die Ge¬ 
dichte thematisierten häufig tagesaktuel¬ 
le Ereignisse. Allerdings markierte diese 
Lyrik nie nur die bloße Beschreibung so¬ 
zialer Mißstände, sondern spiegelte stets 
auch den ideologischen Standort des je¬ 
weiligen Autors wider. 

Wiederholt hob David Edelstadt die 
zentrale Bedeutung des revolutionären 
Engagements von Frauen hervor. Gleich¬ 
berechtigung konnte er sich nur jenseits 
von Geschlechter- und Klassengrenzen so¬ 
wie nach Überwindung von Rassismus 
und Judenhaß vorstellen. Im 1891 gedich¬ 
teten „Tsu di arbayter froyen" schrieb er: 

An die Arbeiterfrauen 

Arbeiterfrauen, leidende Frauen 

Frauen, die schmachten in Haus und Fabrik - 

Warum steht ihr abseits? Warum helft ihr nicht 

bauen 

den Tempel der Freiheit, des menschlichen 
Glücks? 

Helft uns das Banner tragen, das rote 
vorwärts, durch Sturm, durch finstere Nächte! 

Helft uns Wahrheit und Licht zu verbreiten 
unter unwissenden, armen Knechten. 

Helft uns, die Welt aus dem Schmutz zu erheben, 
opfert wie wir alles, was euch lieb; 
wir kämpfen zusammen, wie mächtige Löwen 
für Freiheit, für Gleichheit, für unser Prinzip! 

Mehr als einmal haben edle Frauen 
erzittern gemacht Henker und Thron: 

Sie zeigten, man kann ihnen anvertrauen 
im bittersten Sturm die heilige Fahne. 

Erinnert euch an eure russischen Schwestern, 
ermordet für die Freiheit vom Zar, dem Vampir, 
zu Tode gemartert in steinernen Nestern, 
begraben im Schnee des fernen Sibiriens. 

Gedenkt der Namen, der heiligen Namen: 
Petrowskaja, Helfman, Ginsburg und andere noch 
Tausende, die stets davor sich schämten 
sich gehorsam zu fügen ins Sklavenjoch! 

So heldenmütig standen sie im Sturm 
trugen ins Finster Hoffnung und Licht! 

Rache nahmen sie an wilden Tyrannen 
stolz blickten sie dem Tod ins Gesicht! 

Erinnert ihr euch? Dann soll ihr Leben 
euch begeistern! Ihr sollt mit Erfolg 
lernen und denken, kämpfen und streben 
für die Freiheit und das Glück des Arbeitervolks! 


[ 46 ] SF 2/2004 





X. 

Kunst und Literatur dienten der europä¬ 
isch-amerikanischen Arbeiterinnenbewe¬ 
gung im ausgehenden 19. und beginnen¬ 
den 20. Jahrhundert zur Aufklärung und 
Bildung der Menschen, damit sie sich 
selbstbewußt für eine Verbesserung ihrer 
sozialen Lebensverhältnisse einsetzten. 
Auch David Edelstadts Lyrik ist primär in 
ihrem zeitlichen Kontext zu betrachten; 
zugleich ist sie aufs engste mit seiner li¬ 
bertären Weltanschauung verknüpft. Sei¬ 
ne poetische Ästhetik dient dem Ziel einer 
Gesellschaft der Freien und Gleichen. Sei¬ 
ne Gedichte boten sich zur Vertonung an 
und wurden weltweit auf Demonstratio¬ 
nen und während Arbeiterstreiks gesun¬ 
gen. Auch innerhalb der deutschsprachi¬ 
gen Arbeiterinnenbewegung waren seine 
Texte bekannt. Zu verdanken ist dies etwa 
Rosa Luxemburg, die Teile seines GEuvres 
aus dem Jiddischen ins Deutsche übertra¬ 
gen hat. 

Zugleich bemühte sich David Edelstadt 
um dichterische Einsichten jenseits der 
unmittelbaren Tagesaktualität: der Aus¬ 
zug der Juden aus ägyptischer Sklaverei, 
den er als ersten Widerstand gegen Un¬ 
terdrückung innerhalb der jüdischen Tra¬ 
dition bezeichnete, der Kampf der Afro¬ 
amerikaner gegen die Sklaverei, die Fran¬ 
zösische Revolution von 1789, die Pariser 
Kommune von 1871 und eine ihrer liber¬ 
tären Protagonisten, Louise Michel, oder 
die „Narodnaja volja", eine russische So¬ 
zialrevolutionäre Organisation, die 1881 
Zar Alexander II. ermordete. 

An das jüdische Proletariat 

Brüder, eine dreifache Kette wir tragen - 
als Juden, als Sklaven, als Denker, 
es martern uns zu Tode und jagen 
die Antisemiten und Henker. 

Es drückt uns in Rußland der wilde „kazap " 
und hier, im Lande der Freiheit 
kerkert man uns ein im finsteren „shop " 
wo wir bluten an der Maschine. 

Die jungen Blumen, die eben erst 
ihr zartes Blühen begonnen hätten 
werden zertreten von Geldsäcken und Thron 
gepeinigt in Sklavenketten! 

Man macht uns zu Bettlern, man macht aus uns 
Knechte, 

man würgt uns, man beugt uns nieder, 
man sagt uns: Alles das ist für euch das Rechte, 
beraubt man euch, dürft ihr nicht schreien. 

Doch Brüder, es lebt noch der heilige Geist 
der zum Helden macht auch den Schwachen, 
der Kerker zerstört, die Ketten zerreißt 
und befreit die geplagten Sklaven! 


Er wird uns helfen, vom dreifachen Fluch 
die Arbeitermasse zu erlösen, 
nur dann kann die Menschheit ihr Tagebuch 
ohne Tränen, ohne Schande lesen. 

Brüder, diese leidende Erde 
müssen wir von Ketten, von Tränen befreienI 
Schulter an Schulter, mit Panzer und Schwert 
vorwärts in kämpfenden Reihen! 


L Lotio IT, N. Trent: La, 
K.-H. üawd u. H. 

(Kj.) 


MratJiHnwongän nr 
Arteife-und SoxiikrTKk in 
I > K AI * • VI K\ Züitan kapitaListtedren 
W'I'P.KTISC ArrokUBJfs 

.III--- -siKOS.aBl*-* 


Je schwerer der Streit, umso süßer der Sieg 
umso prachtvoller sind die Früchte, 
und wer fällt in dem Freiheitskrieg 
der lebt in den kommenden Generationen! 

Was taugt uns zu leben ohne Freiheit, ohne Recht 
unter der Peitsche von Tyrannen? 

Wie lange werden wir Knechte bleiben, 

Sklaven ohne Heim - bis wann denn!? 

Brüder, schwört: Die blutgetränkte Erde, 
das Volk von Tyrannen befreien! 

Schulter an Schulter, mit Panzer und Schwert 
vorwärts in kämpfenden Reihen! 


XI. 

David Edelstadts libertäre Utopie über¬ 
schritt Nationalgrenzen ebenso wie dieje¬ 
nigen von „Rasse" und „Geschlecht". Sei¬ 
ne Gedichte beschreiben gesellschaftliche 
Verhältnisse aus der Perspektive eines Re¬ 
volutionärs. Sie sollen aufklären und zur 
befreienden Tat führen. 

Das originär Jüdische 1 an seiner Revo¬ 
lutionslyrik ist die Sprache, in der sie ge¬ 
schrieben ist Daß er jiddisch dichtete 
hing vor allem damit zusammen, daß die¬ 
se Sprache von einem Großteil der jüdi¬ 
schen Immigrantinnen verstanden wurde. 
David Edelstadts nachhaltiges Verdienst 
liegt darin, daß er dem jiddischen Zeitge¬ 
dicht die Anerkennung als authentische 
Literaturgattung verschafft hat. 


tiobert Kurz 


U>m ArrtftJKtfsnus um 
KrisuntnpäriaLtmjs: 
Kritfc düs ranksten 
LtiksdautsdiAn Sükl&rv 
irtsäfisln sä inün th a«*a- 
tistren Froptiiftüfi 
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AnLi^miLisniüs 

‘•r/fej-jii u •n'tKrii*--. + 1 . 
Abt! 


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ksz KerM mg» 


brachen und 
Entwicklungen des 
nfHtistischen 
Aufstands 

EBi s-won-on-X 
30*5. 1*-« 



Gerhard dantaser 


Ein* Gesdrk hte i n 
drd Stationen *id n der 
Griinderieit über die 
Weltwirte: haftskrise 
bis heute 

EBt 3-0*33a-ep.?; 

13* S.. 13 ■« 




Ai’rtcr Sommerhaus? 


Zur Positions be- 
stimmung und Kritik 
des postmodernen 

femimsmiE 


EEH 3-0*3 E.-300-4 
13* S. 13-fl 


Susan Arndt und 
Antje Hornscheift 
(Hg.) 


Ein kritisches 
llachsch bgewerk 


ECU 3-**3Ä-*4* 
!■**i*-e 



Literaturhinweis: 

David Edelstadt, Mein Vermächtnis. Publizistik und 
Lieder aus der jüdischen Arbeiterbewegung in 
Amerika. Ausgewählt und aus dem Jiddischen 
übersetzt von Thomas Soxberger. Wien 1998 (Verlag 
Monte Verita = Edition Wilde Mischung Band 17) 


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[47] SF 2/2004 

I 










Alexander Navajo 


und die Sorge um die 


Unermüdlich publiziert die Forschungs¬ 
gruppe Wuppertaler Widerstand Bücher 
zum Themenkreis Widerstand im Natio¬ 
nalsozialismus; nachdem zwei der ersten 
Bände bereits vergriffen sind, Helmut Kir- 
schey's „A las Barricadas" auch über Wup¬ 
pertal hinaus seine Leserinnen findet, 
wurden nach David M. Mintert's Studie im 
letzten Jahr über „ Das Reichsbanner 
Schwarz-Rot-Gold " (edition wahler, 2003; 
ISBN: 3-9808498-2-1, 153 S. r 13 Euro) im 
neuen Jahr fast gleichzeitig zwei neue 
Veröffentlichungen vorgelegt Einmal ein 
Band über die Jugendopposition und den 
Jugendwiderstand in Wuppertal von 
1933 bis 1945: Christian Schott und Sven 
Steinacker: „Wilde Gesellen am Wupper¬ 
strand, verfolgt von Schirachs Banditen ". 
edition wahler, 2004. 225 S. ( 17 Euro 
ISBN: 3-9808498-8-0. Diese Studie unter¬ 
sucht die Bündische Jugend, die Edelweis¬ 
spiraten sowie ihre Auseinandersetzungen 
mit der Hitlerjugend. Zum anderen eine 
von Dieter Nelles herausgegebene Bro¬ 
schüre zum Geburtstag des Anarchosyndi¬ 
kalisten Hans Schmitz „Umsonst is dat 
nie. Widerstand - ein persönlicher Be¬ 
richt". Besonders erfreulich sind hier jede 
Menge privater Fotobeigaben, edition 
wahler 2004, 48 S., 4.-Euro, ISBN: 3- 
9808498-9-9. 

Die Lübecker Erich-Mühsam-Geself- 
schaft publizierte ihr Heft 23 der Schrif¬ 
ten u.a. mit der Preisverleihung des Müh- 
sam-Preises an die Junge Welt und ge¬ 
sammelten Presseartikeln zu Mühsams 
125. Geburtstag im Jahr 2003. EMG 
2004, ISBN: 3-931079-31-7. Interessanter 
ist das Heft 10 des Mühsam-Magazins der 
Erich-Mühsam-Gesellschaft (EMG 2003, 
ISBN: 3-931079-30-9, 12,50 Euro). Ne¬ 
ben Mühsam-Briefen (u.a. an Heinrich 
Mann) druckt es zahlreiche Beiträge ab, 
die sich mit Mühsam beschäftigen oder 
einen Bezug zu Mühsam herstellen. So 
z.B. Christoph Knüppels Beitrag „Anti¬ 
semitische Hetze gegen Erich Mühsam in 
der Endphase der Weimarer Republik 
Vertreten ist auch Nikolaus Brauns, des¬ 
sen Beitrag die Mühsam-Passagen aus 
seinem Buch zusammenfasst: 

In Nikolaus Brauns Buch „Schafft Rote 
Hilfe! Geschichte und Aktivitäten der pro¬ 
letarischen Hilfsorganisation für politische 
Gefangene in Deuschland 1919-1938" 
(Pahl-Rugenstein, 2003, ISBN: 3-89144- 
297-1, 354 großformatige Seiten, 32 Eu¬ 
ro) wird Erich Mühsam häufig erwähnt, 
sowohl als zu unterstützender Gefangener 
wie auch als Veranstaltungsredner für die 
Rote Hilfe, z.B. vor der Berliner Volksbühe 
am 4.1.1925 zusammen mit dem KPD- 


Führer Wilhelm Pieck. Ein eigenes Kapitel 
„Erich Mühsam zwischen Anarchismus 
und Rote Hilfe " beschreibt recht kenntnis¬ 
reich Mühsams Versuche, die Rote Hilfe 
als überparteiliche, aber revolutionäre Or¬ 
ganisation zu nutzen, um eine Einheits¬ 
front revolutionärer Kräfte zumindest für 
diese konkrete Unterstützungsarbeit poli¬ 
tischer Gefangener herzustellen. Nicht 
verschwiegen werden die Konflikte, die 
sich für Mühsam und andere Anarchisten, 
wie Herbert Wehner, aufgrund ihrer Zu¬ 
sammenarbeit mit Kommunisten mit der 
FAUD und FKAD ergaben und nicht ver¬ 
schwiegen wird, der mangelnde Einsatz 
der RH für politische Gefangene in der So¬ 
wjetunion unter denen sich zahlreiche An¬ 
archisten und linke Sozialrevolutionäre 
befanden. 

Das Komitee für Grundrechte und 
Demokratie legte die Vorträge einer Ta¬ 
gung in der Ev. Akademie Arnoldshain im 
September 2003 vor, die sich mit der „Po- 
litik sozialer Menschenrechte in Zeiten von 
Verarmung und Repression " beschäftigt. 
KfGuD 2004, ISBN: 3-88906-107-9. 
lOEuro. Beiträge lieferten u.a. Rainer 
Roth: Menschenrechte und die „Krise" des 
Sozialstaats; Markus Wissen: Globale so¬ 
ziale Bewegungen und radikale Kritik; 
Harald Rein: Existenzgeld - eine Forde¬ 
rung von Erwerbslosen und Sozialhilfebe¬ 
ziehern; Wolf-Dieter Narr: Perspektiven ei¬ 
ner menschenrechtlich begründeten Poli¬ 
tik des Sozialen oder Rolf Schwendter: Die 
Zukunft des Sozialstaats. 

Durchaus auch gegen Sozialabbau, 
aber noch mehr mit der Militarisierung 
Europas haben sich Autoren wie Norman 
Paech, Karl Kopp u.a. beschäftigt Unter 
dem Ansatz, die Militarisierung der EU 


und die Flüchtlingsabwehr in einen inne¬ 
ren Zusammenhang zu bringen, haben 
Rudi Friedrich (vom antimilitaristischen 
Connection e.V.) und Tobias Pflüger (seit 
kurzem Tübinger Europa-Abgeordneter 
als Unabhängiger auf der PDS-Liste) in 
der Trotzdem-Verlagsgenossenschaft ein 
Buch zusammengestellt „In welcher Fas¬ 
sung ist Europa?" (ISBN: 3-931786-37-4; 
9 Euro). Besonders interessant sind hier 
auch die Beiträge, die über das Thema 
hinausweisen und die Folgen der EU-Poli- 
tik für Serbien und die Türkei darstellen: 
Coskun Üsterci: „Türkei: Exportschlager 
Militär". 

Im Unrast-Verlag veröffentlichte Vera 
Bianchi 2003 ihre Forschungsarbeit zu 
den Mujeres Libres im Spanischen Bürger¬ 
krieg: Feministinnen in der Revolution. Die 
Gruppe Mujeres Libres. Auch wenn sich 
die Mujeres Libres nicht als Feministinnen 
im heutigen Wortsinn verstanden haben, 
sondern als anarchistische Revolutionäre 
ist das Buch doch lesenswert, weil es 
nochmals (nach Ackelsberg, Buselmeier, 
Kamann u.a.) verdeutlicht, wie schwierig 
es auch für anarchistische Frauen war, in 
einer anarchistischen Revolution die Rol¬ 
lenzuweisung durch ihre männlichen Ge¬ 
nossen zu durchbrechen. Besonders schön 
sind die Bildbeigaben in Bianchis Buch. 
(Zum Thema vgl. auch: Schwarzer Faden 
Sondernummer Feminismus, 4 Euro, im 
Nachdruck lieferbar). 

Im Aufbau Taschenbuchverlag erschien 
2004 ein Buch mit Beiträgen deutsch¬ 
sprachiger Schriftstellerinnen zum Spani¬ 
schen Bürgerkrieg: „Die Kinder von Guer- 
nica , (ISBN: 3-7466-8102-2, 8,95 Euro). 
Es handelt sich um eine umfassende Ant¬ 
hologie zum Spanischen Bürgerkrieg, die 


[ 48 ] SF 2/2004 




Wilde Gesellen, 

Spitzel, 
Anarchistinnen 
fMenschenrechte 



die unterschiedlichsten Ansichten nicht 
ausblendet sondern bewusst nebeneinan¬ 
der stellt. Wilfried F. Schoeller versammel¬ 
te die Beiträge und beendet das Buch mit 
seinem lesenswerten Beitrag „Im Span¬ 
nungsfeld der Ideologien". Als ersten Bei¬ 
trag wählte Schoeller einen Auszug aus 
Augustin Souchys Buch „ Nacht über Spa¬ 
nien": „Der 19. Juli 1936", in dem der An¬ 
archosyndikalist den Ausbruch der sozia¬ 
len Revolution in Barcelona beschreibt. 
(Das vollständige „Nacht über Spanien" 
erscheint im übrigen in einer sprachlich 
völlig überarbeiteten Form zur Buchmesse 
2004 neu in der Trotzdem-Verlagsgenos- 
senschaft). Wer jedoch zunächst einen 
Überblick bekommen will, dem sei diese 
Anthologie empfohlen, mensch findet 
dort u.a. auch Paul Thalmann: „Bei der 
anarchistischen Miliz " (ein Auszug aus 
Paul und Clara Thalmann: Revolution für 
die Freiheit, lieferbar in der Trotzdem-Ver- 
lagsgenossenschaft); Carl Einstein: Die 
Kolonne Durruti, KarI Otten: Santa Catali¬ 
na u.v.a. wie Alfred Kantorowicz, Heinrich 
Mann , Willy Brandt, Arthur Koestier, Franz 
Werfel, Gustav Regler... 

Verleumdungskampagnen und ideolo¬ 
gische Grabenkämpfe haben auch inner¬ 
halb des republikanischen und revolu¬ 
tionären Lagers in Spanien zu zahlreichen 
Verhaftungen geführt, eine Tatsache, die 
häufig von Spitzeln eingeleitet wurde. 
Dieser speziellen käuflichen Spezies 
Mensch widmen die Herausgeber Markus 
Mohr und Klaus Viehmann ein neues 
Buch im Assoziation A-Veriag: Spitzel. 
Eine kleine Sozialgeschichte, ISBN: 3- 
935936-27-3. Die Leser bekommen einen 
wahrlich vielfältigen Überblick, von der 
Bespitzelung Bakunins bis zu FBI-Spitzeln, 


vom V-Mann Adolf Hitler bis zum Ministe¬ 
rium für Staatssicherheit, von preußischen 
Spitzeln bis zu den V-Männern der NPD, 
von Spitzeln im Knast bis zu bespitzelten 
Spitzeln ... die Texte lassen nichts aus und 
könnten doch vermutlich problemlos ei¬ 
nen Band 2, einen Band 3, einen Band 4 
hinzufügen. 

Allein klären kann der Band auch nicht 
alle offenen Fragen wie das Kapitel um 
den Fall Ulrich Schmücker verdeutlicht, 
dessen Exekution durch die Gruppe 
„Schwarzer Juni" nicht unwesentlich zur 
Entsolidarisierung vieler Linksradikaler 
mit dem bewaffneten Kampf der selbster¬ 
nannten revolutionären Avantgarde bei¬ 
getragen hatte. Hier überzeugt Markus 
Mohr, der Autor des Beitrags seine heuti¬ 
gen Leserinnen nicht: sein Verweis auf 
zwei weitere V-Männer, die im Umfeld des 
„Schwarzen Juni" zu finden waren und 
von denen einer, Jürgen Bodeux, die Tat¬ 
waffe zur Hinrichtung im Juni 1974 be¬ 
schaffte, lässt den Eindruck entstehen, 
dass der Verfassungsschutz, der seinen 
Spitzel Schmücker einerseits ins offene 
Messer der Revolutionäre laufen ließ, 
auch mehr oder weniger hauptverant¬ 
wortlich für die Ausführung der Exekution 
gewesen sei. Die Rolle der authentischen 
Revolutionäre, ihre Selbstüberschätzung, 
ihre stalinistische Denkweise, ihre Blind¬ 
heit für die eigene Infiltriertheit und ihre 
falsche Einschätzung gesellschaftlicher 
Realität hätten an dieser Stelle im Buch 
durchaus eine kritische Analyse erfordert, 
die mit revolutionären Mythen aufräumt, 
um zukünftige selbstinszenierte „Volkstri¬ 
bunale" unmöglicherzu machen. 

Damit soll dieses Buch jedoch nicht ab¬ 
qualifiziert werden, es enthält zahlreiche 


„bessere" Beiträge, darunter auch einen 
von Raul Zelik: „Der Spitzel und das Mas¬ 
saker. Die kolumbianische Variante". 

Derselbe Autor brachte im selben Ver¬ 
lag gemeinsam mit Sabine Bitter und Hel¬ 
mut Weber ein sehr lesenswertes „literari¬ 
sches Tagebuch" zur aktuellen Situation in 
Venezuela heraus. „Made in Venezuela. 
Notizen zur bolivarischen Revolution." 
(Assoziation A, ISBN: 3-935936-28-1). 
Stil und Inhalt des Buches sind empfeh¬ 
lenswert, besonders da über die Regie¬ 
rung Ghavez und ihre Opponenten wenig 
verlässliche Informationen zu bekommen 
sind. Im Buch wird der Putsch gegen Cha- 
vez im April 2002 beschrieben und es 
wird deutlich, weshalb er scheiterte. Ge¬ 
nau die Umstände des Scheiterns sind es, 
die anarchistische Leserinnen besonders 
interessieren: die Massenmedien konnten 
unterlaufen werden! 

„Es kommt zu einer Massenrevolte ge¬ 
gen die Massenkommunikationsmittel: Ei¬ 
ne Mehrheit verweigert sich der Hegemo¬ 
niemaschine. Zwar werden eine Reihe al¬ 
ternative Medien abgeschaltet, aber 
direkte Kommunikationsformen ersetzen 
die Politik der Repräsentation. Über das 
Telefonat, Internet und die motorizados - 
die organisierten chavistischen Motorrad¬ 
fahrer, die Informationen von einem Ort 
der Stadt in den anderen tragen - verbrei¬ 
tet sich die Nachricht, dass alles ganz an¬ 
ders ist, als die Fernsehsender berichten. 
In den nächsten 40 Stunden werden sich 
überall dort wo (der abgesetzte) Chavez 
vermutet wird, meist vor Kasernen, Men¬ 
schen versammeln." (S. 63) 

(Die Titel der Trotzdem-Verlagsgenossen- 
schaft und der edition wahler sind auch 


[ 49 ] SF 2/2004 










Drei Jahre Trotzdem Verlagsgenossenschaft 


Nicht nur wird der Schwarze Faden wieder 
regelmäßig zu lesen sein, sondern auch 
der Trotzdem Verlagsgenossenschaft wird 
in Zukunft wieder eine Plattform zur Ver¬ 
fügung stehen, in der wir über Neuigkei¬ 
ten, Entwicklungen und Pläne zu berich¬ 
ten können. Allerdings ist die Freude über 
die positive Entwicklung beim Schwarzen 
Faden nicht ungetrübt. Denn Wolfgang 
Haug, Initiator und Begründer sowohl der 
Zeitschrift als auch des Trotzdem Verlags 
und später der Verlagsgenossenschaft, 
hat sich aus der Alltagsarbeit des Verlags 
zurückgezogen und wird sich in Zukunft 
nur noch um den Schwarzen Faden küm¬ 
mern. Wie wichtig die Zeitschrift für die 
anarchistische Szene ist, haben nicht zu¬ 
letzt zahlreiche Anfragen nach einer neu¬ 
en Ausgabe im letzten Jahr gezeigt. Die 
Konzentration auf den Schwarzen Faden 
ist aus Sicht des Verlags zu bedauern, 
doch angesichts von Privatleben, Job und 
politisch-publizistischem Engagement nur 
zu verständlich. Auch wenn er auf der 
letzten Mitgliederversammlung am 19. Ju¬ 
ni nicht mehr für den Vorstand kandidier¬ 
te, bleibt er dem Verlag mit seinen Kon¬ 
takten, seiner Erfahrung und als Redak¬ 
teur des Schwarzen Fadens erhalten. Dir 
lieber Wolfgang ein herzliches Danke 
schön für die letzten 26 Jahre und auf 
gute Zusammenarbeit in der neuen Kon¬ 
stellation. 

Mit Wolfgangs Rückzug aus der All¬ 
tagsarbeit ist auch ein weiterer Einschnitt 
verbunden: Das Verlagsbüro ist in den 
letzten Monaten fast vollständig von Gra¬ 
fenau nach Frankfurt umgezogen. (Siehe 


Kasten) Im Rhein-Main-Gebiet bildete 
sich inzwischen um Aufsichtsrat und Vor¬ 
stand eine Gruppe von Leuten, die in Zu¬ 
kunft die Verlagsarbeit tragen wird. Noch 
. sind längst nicht alle Arbeitsbereiche ab¬ 
gedeckt und die Gruppe wird sicherlich 
noch wachsen (müssen), doch langsam 
kann eine der zu Grunde liegenden politi¬ 
schen Ideen, die genossenschaftliche Ar¬ 
beitsteilung, umgesetzt werden. 

Ist auch die Neuorganisation des Ver¬ 
lags zeitweilig in den Vordergrund getre¬ 
ten, so haben wir doch in 2004 bereits 3 
neue Bücher veröffentlicht: 

Die 100 „schönsten" Schikanen gegen 
Fußballfans, herausgegeben vom Bündnis 
aktiver Fußballfans erschien bereits im Ja¬ 
nuar. Das Buch enthält viele Beiträge von 
Fußballfans über die Repression und Will¬ 
kür rund ums Stadion, über Zensur, Da¬ 
tenbanken, Reisebeschränkungen, DNA- 
Analysen oder Videoüberwachung durch 
Polizei und Ordnungsdienste. Doch das 
Buch zeigt vor allem auf, dass das geschil¬ 
derte Verhalten kein Zufall und keine spe¬ 
zielle „Behandlung" von Fußballfans ist, 
sondern Ausdruck einer umfassenden Ten¬ 
denz staatlicher Repression. Von diesem 
Buch ist für den Herbst bereits die dritte 
Auflage geplant. 

In welcher Verfassung ist Europa. Eu¬ 
ropäische Union und Flüchtlingsabwehr, 
herausgegeben von Rudi Friedrich und To¬ 
bias Pflüger macht deutlich, dass die EU 
eine umfangreiche Abschottungs- und Mi¬ 
litärpolitik entwickelt und wie diese im 
Rahmen der geplanten EU-Verfassung le¬ 
gitimiert werden soll. 



Noam Chomsky 

Pirates and Emperors 

Terrorismus in der Neuen Weltordnung 

ca. 280 S„ ca. 14 Euro 

ISBN 3-931786-32-3 

erscheint im Frühjahr 2004 

Neben militärischer Stärke setzen 
die USA bei der Durchsetzung ihrer 
Interessen im Nahen und Mittleren 
Osten vor allem auf ideologische 
Propaganda. 


Trotzdem Verlagsgenossenschaft eG 

Bestellung über: Alive-Verlagsauslieferung 

c/o Schmetterling Verlag, Lindenspürstraße 38b, 70176 Stuttgart 
Telefon 069-23 8028 73, Fax 069-23 80 29 24 
oder www.trotzdem-verlag.de 


Zu diesem Buch ist im November von 
mit der DFG-VK Hessen eine Veranstal¬ 
tungsreihe mit Rudi Friedrich geplant. In¬ 
teressenten können sich bis Mitte August 
bei der DFG-VK, Tel.: 069-43 14 40 oder 
E-Mail: dfgvkhessen@t-online.de, melden. 

Und ab Mitte Juli ist endlich der lange 
angekündigte utopische Roman von Wil¬ 
liam Morris, Kunde von Nirgendwo, im 
Handel. 

Kunde von Nirgendwo, 1890 erstmals 
erschienen und längst schon ein Klassiker 
der utopischen Romane, ist der Entwurf 
einer nachindustriellen Zukunft. Die kapi¬ 
talistische Ordnung ist unter gegangen 
und einer Gesellschaft gewichen, die den 
sinnlichen Fähigkeiten und den ästheti¬ 
schen Bedürfnissen der Menschen Raum 
gibt 

Für den Herbst geplant sind Nacht über 
Spanien, Augustin Souchys Bericht über 
seine Erlebnisse im Spanischen Bürger¬ 
krieg; Noam Chomskys Analyse der US- 
Politik im Nahen im Mittleren Osten Pira¬ 
tes and Emperors; von M. Wilk u.a. zusam¬ 
mengestellte Beiträge sowohl zur 
Geschichte der Sozialen Bewegungen in 
Deutschland als auch zu deren aktuelle 
Fragestellungen Soziale Bewegung zwi¬ 
schen Kooperation und Konfrontation, so¬ 
wie ein Buch über die Kunst des kreativen 
Straßenprotests. Straßentheater, Reclaim- 
the-Street-Parties, Demoblöcke in Pink 
und Silber - neue Aktionsformen, ent¬ 
standen aus dem Zusammentreffen von 
Aktivismus und Kunst, Alltagserfahrun¬ 
gen, neuen politischen Theorien und vie¬ 
lem mehr sind in den letzten Jahren im¬ 
mer stärker Teil des öffentlichen Protests 
geworden. Beschrieben werden im Buch 
viele unterschiedliche Aktionsformen, ihre 
Herkunft und die Möglichkeiten ihrer An¬ 
wendung. 

Diesen kurzen Überblick über die Arbeit 
des Verlags möchte ich nicht ohne den 
Hinweis schließen, dass die Genossen¬ 
schaft auch weiterhin die Unterstützung 
in Form neuer Genossinnen und Genossen 
bedarf. Knapp 150 Mitglieder sind auf 
Dauer als Grundlage unserer Arbeit zu 
wenig. Wer also unsere Arbeit als neues 
Mitglied unterstützen möchte kann ent¬ 
weder die Beitrittserklärung ausfüllen und 
uns zuschicken oder sich vorher bei uns 
über genauer informieren. 

Dieter Schmidt 

Trotzdem Verlagsgenossenschaft 


[50] SF 2/2004 







Trotzdem 

Verlagsgenossenschaft eG 


Beitrittserklärung 

Trotzdem Verlagsgenossenschaft eG, 

*** Verlagsbüro Schmidt, Mainzer Landstrasse 107, 60329 Frankfurt 

Von: . 

Adresse: .. 

Datum: 

Betrefft Antrag auf Mitgliedschaft in der Trotzdem-Verlagsgenossenschaft EG 


Ich möchte Mitglied in der Trotzdem-Verlagsgenossenschaft werden und zeichne 
... Genossenschaftsanteile zu je 250 Euro. 

Den Betrag/Gesamtbetrag über.überweise ich innerhalb eines Monats auf das Konto 

Trotzdem-Verlagsgenossenschaft eG 

Darmsheimer Bank eG, BLZ 600 698 42, Ktonr. 22 432 000 

Das Geld ist für die Arbeit der Trotzdem Verlagsgenossenschaft eG bestimmt und darf nur zu diesem Zweck 
verwendet werden. 

Alle Unterzeichner und Unterzeichnerinnen dieser Beitrittserklärung werden einmal jährlich zur 
Vollversammlung der Genossenschaft eingeladen und können den Weg des Verlags auf diese Weise mit 
beeinflussen. Alle Mitglieder werden über Rundbriefe über wichtige Entwicklungen und Entscheidungen 
informiert und können jedes Buch (auch mehrfach) zu 30% Rabatt beziehen. 

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[51] SF 2/2004